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Orthopädie 13. Oktober 2011

Der Bandscheibenvorfall – eine Virusinfektion?

Herpes simplex: Griechische Forscher bieten eine etwas andere andere Erklärung für den Diskusprolaps an.

Griechische Orthopäden haben Herpesviren im Bandscheibengewebe von Patienten gefunden, die sich wegen eines Diskusprolaps hatten operieren lassen. Die Wissenschaftler glauben, in den Erregern einen mitverursachenden, wenn nicht gar den entscheidenden Faktor für die Degeneration der intervertebralen Stoßdämpfer ausgemacht zu haben.

 

Das Team von der Orthopädischen Universitätsklinik in Heraklion auf Kreta hatte nach Spuren von Viren-DNA in den Gewebetrümmern von Bandscheiben gesucht, die von 16 wegen eines Prolaps operierten Patienten stammten. Als Kontrollen dienten zwei Patienten mit Berstungsfrakturen thorakolumbaler Wirbel. Sie waren einverstanden, dass ihnen während der nötigen Operation Diskusgewebe entnommen wird.

In 13 Proben der Prolapspatienten fand sich mindestens ein Vertreter der Herpesklasse, am häufigsten Herpes-simplex-Virus Typ 1 (HSV-1, 56%), gefolgt vom Zytomegalievirus (CMV, 38%). Negativ waren die Proben auf Herpes-simplex-Virus Typ 2, Varicella-Zoster-Virus, Epstein-Barr-Virus und die Humanen Herpesviren 6, 7 und 8. Die Kontrollgewebe waren durchwegs negativ. Keiner der Probanden litt an einem akuten Infekt, was sowohl serologisch als auch durch molekulare mRNA-Tests belegt wurde.

Wie aber kommt das Virus in die Bandscheiben, die bei Erwachsenen frei von Gefäßen sind? Die Griechen verweisen auf die Kindheit, wo die intervertebralen Disci noch einige Jahre vaskularisiert sind, und die Durchseuchung mit HSV-1. „Die hohe Prävalenz von HSV-1-Infektionen in der Kindheit könnte ebenso wie die Retention der Viren im Nervensystem ausreichend erklären, wie HSV-1 und CMV ins Bandscheibengewebe gelangen“, schreiben sie. Komme es zu Entzündungen oder Läsionen der Disci, würden die latenten Viren aktiviert und trügen zur weiteren Degeneration bei.

An Selbstbewusstsein mangelt es den Vertretern der Hypothese vom Diskusprolaps als Herpesinfektion jedenfalls nicht. Sie verweisen auf John Robin Warren und Barry Marshall, die Helicobacter pylori als Verursacher von Magengeschwüren überführt, damit einen Paradigmenwechsel eingeleitet und 2005 den Nobelpreis für Medizin erhalten hatten. Ob die kretischen Orthopäden bald mit ähnlichen Ehren rechnen dürfen, bleibt abzuwarten.

Alpantaki K et al.: Herpes virus infection can cause intervertebral disc degeneration. Journal of Bone and Joint Surgery; 2011; 93-B:1253–5

Springermedizin.de, Ärzte Woche 41 /2011

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