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Bei Wirbelsäulenoperationen kommt es nicht selten zu Komplikationen.
 
Orthopädie 21. Juni 2011

Operationen sind oft nicht ratsam

Wirbelsäulenverkrümmungen bei Erwachsenen.

Wirbelsäulenverkrümmungen, wie sie unter anderem durch die altersbedingte Degeneration der Bandscheiben entstehen, können heute chirurgisch behandelt werden. Aufwändigere Eingriffe sind jedoch nach wie vor riskant und sollten wohl überlegt sein, warnte die deutsche Wirbelsäulenorthopädin Prof. Dr. Viola Bullmann beim EFORT-Kongress in Kopenhagen.

Wirbelsäulenverkrümmungen können schon in der Kindheit als idiopathische Skoliosen auftreten. Immer häufiger werden sie heute jedoch unter älteren Menschen: Wenn sich die Bandscheiben abnützen, können sich die Wirbel gegeneinander verschieben und verdrehen (degenerative Lumbalskoliose). Dies wiederum kann zu einer Deformierung der Wirbelsäule und zu Symptomen wie Rückenschmerzen, Beinschmerzen und – durch die Einengung der zuständigen Nerven im Rückenmarkskanal – zu Störungen der Geh-Funktion führen. Die Beinbeschwerden können von leichten Missempfindungen bis zu heftigen chronischen Schmerzen und der völligen Unfähigkeit, sich selbstständig fortzubewegen, reichen.

Typisch ist, dass Patienten im Anfangsstadium zwar nicht mehr gut gehen, aber meist noch gut Rad fahren können, weil der Spinalkanal durch die Beugestellung im Fahrradsattel stärker geweitet wird als bei aufrechtem Gang.

„Die Fortschritte der orthopädischen Chirurgie des letzten Jahrzehnts erlauben uns heute, für praktisch jeden Fall von degenerativer Lumbalskoliose eine Operation anzubieten, die jedoch auf die Situation des Patienten genau abgestimmt sein muss“, so Bullmann.

  • Wenn Beinschmerzen und Gehprobleme vorliegen, jedoch keine Rückenschmerzen und keine Gleichgewichtsprobleme („stabile Skoliose“), kann der Rückenmarkskanal in einem minimal-invasiven Eingriff erweitert und der eingeklemmte Nerv befreit werden.
  • Liegen zusätzlich ausgeprägte Rückenschmerzen vor, die jedoch auf einen Teilbereich der Skoliose eingegrenzt sind, kann die Verkrümmung durch Implantation einer Schrauben-Stab-Instrumentation korrigiert werden.
  • Sind größere Bereiche schmerzhaft und gerät der Patient durch die Lockerung der Wirbelkörper aus der Balance, kann ein sicherer und schmerzfreier aufrechter Gang nur dann wiederhergestellt werden, wenn in der Operation die ganze Lendenwirbelsäule, im Bedarfsfall bis hinunter zum Kreuz- oder Darmbein oder hinauf zur Brustwirbelsäule, versteift wird.

Bei allen drei Operationen kommt es jedoch nicht selten zu Komplikationen, vor allem zur Dekompensation: Dabei wird die Verkrümmung durch die Operation nicht beseitigt, sondern verschiebt sich lediglich von der operierten Stelle zu einer darüber oder darunter. Weitere mögliche Komplikationen sind Lähmungen sowie die Lockerung der versteifenden Implantate, Wundheilungsstörungen, das Ausbleiben der gewünschten Verknöcherung oder der Austritt von Nervenwasser. „Bei chirurgischen Versteifungen der Lendenwirbelsäule liegen die Komplikationsraten zwischen 20 und 40 Prozent, bei Patienten über 85 Jahren und solchen mit mehr als drei zusätzlichen Erkrankungen sogar noch höher, und manche Patienten überleben die Operation nicht. Daher sollte in jedem Einzelfall gut überlegt werden, ob überhaupt operiert werden soll“, so Bullmann. „Generell empfehlenswert sind kleinere Eingriffe, wenn entsprechend begrenzte Probleme, wie vor allem Beinschmerzen, vorliegen. Wenn das Problem des Patienten nur durch einen großen Eingriff mit langstreckigen Implantaten gelöst werden kann, empfehle ich die Operation dann, wenn Schmerzen und Bewegungsunfähigkeit die Lebensqualität des Patienten bereits drastisch einschränken – wenn er sozusagen mit dem Rücken zur Wand steht.“

 

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