zur Navigation zum Inhalt
Fotos (5): Doz. Dr. Hans-Jörg Trnka
Abbildung 1: Am rechten Fuß ein klassisches „too many toe sign“.
 
Orthopädie 3. März 2009

Einstürzendes Gewölbe

Der erworbene Plattfuß ist Folge von Wohlstandserkrankung und Abnützung.

Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Glukokortikoide und systemisch entzündliche Erkrankungen begünstigen die Degeneration jener Sehnen, die die Fußwölbung aufrechterhalten. Die anhaltende Belastung und nachlassende Funktionsfähigkeit kann mit zunehmendem Alter zur Ausbildung eines erworbenen Plattfußes führen. Je nach Stadium der Verformung stehen unterschiedliche therapeutische Maßnahmen zur Verfügung: von der zeitlich begrenzten Ruhigstellung bis zum Sehnenersatz mit medialisierender Fersenbeinverschiebung.

 

Vor allem ältere Frauen bemerken in nicht geringer Zahl plötzlich die Entwicklung eines Plattfußes. In der Anamnese geben diese Patienten an, Jahre zuvor eine Schwellung mit Schmerzen hinter dem Innenknöchel gehabt zu haben. Das Längsgewölbe flachte vermehrt ab, der Vorfuß begann nach außen wegzurutschen, die Schuhe wurden plötzlich viel schneller ausgetreten.

Eine bedeutende Rolle in der Ätiopathogenese des erworbenen Plattfußes ist die Dysfunktion der Tibialis-posterior-Sehne. Diese Dysfunktion umfasst dabei eine Kontinuitätsunterbrechung, Ruptur und funktionelle Insuffizienz der Sehne. Neben der Funktion als stärkster Invertor ist der Tibialis-posterior-Muskel ein wichtiger Stabilisator des Fußes im Gangzyklus. Die kapsuloligamentären Strukturen der medialen Fußsäule (Spring-Ligament, Plantarfaszie, Lig. plantare longum) halten die Fußwölbung bei statischer Belastung aufrecht.

Einen begünstigenden Einfluss auf die Sehnendegeneration haben das Übergewicht, weiters Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Glukokortikoide und systemisch entzündliche Erkrankungen wie zum Beispiel die rheumatoide oder psoriatrische Arthritis. Die hypovaskuläre Region der Tibialis-posterior-Sehne 1 bis 1,5 Zentimeter distal zum medialen Malleolus zeigt eine Prädilektionsstelle für degenerative Veränderungen.

Die Diagnose der Erkrankung wird vor allem durch eine klinische Untersuchung gestellt, hier fällt eine Valgisierung des Rückfußes und eine Abduktion des Vorfußes („too-many-toe sign“; siehe Abbildung 1) auf. Der Einbeinzehenstand ist nicht mehr möglich, bei möglichem Zehenstand fehlt die Inversion der Ferse. Zusätzlich sind stehende Aufnahmen des Fußes in zwei Ebenen notwendig. Im MRT ist die Verdickung oder Ruptur der Sehne gut darstellbar (siehe Abbildung 2).

Stadieneinteilung und Behandlungsmöglichkeiten

Die Erkrankung dieser Sehne wird in vier Stadien eingeteilt. Stadium I steht für die Entzündung der Sehne mit Erguss in der Sehnenscheide. Stadium II bedeutet Teileinriss der Sehne mit Funktionsverlust. Beim Stadium III ist die Sehne definitiv abgerissen und es besteht bereits eine fixierte Fehlstellung. Im Stadium IV ist auch das Sprunggelenk betroffen.

Eine lokale Infiltration von Glukokortikoiden sollte unterlassen werden. Wird die Entzündung im Stadium I frühzeitig erkannt, so kann man mit einer Gipsruhigstellung und entzündungshemmenden Medikamenten behandeln und die Sehne schützen. Anschließend sollte eine konsequente Einlagenversorgung erfolgen. Falls die Synovitis anhält, sollte bei intakter Sehne eine Synovektomie, also die Abtragung der erkrankten Gelenkinnenhaut, erfolgen. Im Stadium II kann nur eine Operation die Funktion wiederherstellen, orthopädische Schuhversorgung kann aber den Fuß stabilisieren und die Beschwerden reduzieren. Bei der Operation wird die Tibialis posterior Sehne durch die Flexor digitorum longus Sehne ersetzt. Zusätzlich muss eine Medialisierung oder Verlängerung des Calcaneus erfolgen. Im Stadium III kann die Position des Rückfußes mit einer Versteifung des Talonaviculargelenkes und eventuell zusätzlich des Subtalar- und Calcaneocuboidgelenkes erzielt werden (Abbildung 3). Das Abrollen ist aber dadurch nicht behindert. Gute mittelfristige subjektive und radiologische Ergebnissen des Sehnenersatzes mit medialisierender Fersenbeinverschiebung konnten vom Autor publiziert werden.

 

Doz. Dr. Hans-Jörg Trnka ist Facharzt für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie, Foot & Ankle Fellow und Oberarzt am Krankenhaus Göttlicher Heiland in Wien sowie Olympiaarzt.

Fotos (5): Doz. Dr. Hans-Jörg Trnka

Abbildung 1: Am rechten Fuß ein klassisches „too many toe sign“.

Abbildung 2: Auftreibung der Tibialis posterior Sehne mit Längsruptur im MRT.

Abbildung 3: Triple Arthrodese zur Korrektur eines erworbenen Plattfußes.

Abbildung 4: 60-jähriger männlicher Patient mit ausgeprägtem beidseitig erworbenen Plattfuß Grad II.

Abbildung 5: Klinisches Bild mit guter Funktion nach beidseitiger Rekonstruktion mit medialisierender Calcaneusosteotomie und FDL Transfer.

Von Doz. Dr. Hans-Jörg Trnka, Ärzte Woche

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben