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Physiologischer Knicksenkfuß 3a, keine Therapie notwendig, Kontrolle in einem Jahr.

 
Orthopädie 15. Februar 2011

Kinderfüße gesund erhalten

Fußfehlstellungen und Gangbildstörungen: Wann besteht (Be-)Handlungsbedarf?

Störungen bzw. Auffälligkeiten des Bewegungsapparates sind nach den respiratorischen Infekten der zweithäufigste Grund für Eltern, mit ihren Kindern einen Arzt aufzusuchen. Die häufigste Pathologie sind dabei Fußfehlstellungen und Gangbildstörungen, betont Dr. Rupert Jesenko, Oberarzt im A.ö. KH der Elisabethinen und Wahlarzt in Klagenfurt.

 

Fast alle Kinder kommen mit gesunden Füßen zur Welt. Fehlformen wie Klumpfuß, angeborener Plattfuß, Sichelfuß, Zehenfehlbildungen usw. finden sich bei weniger als zwei Prozent aller Geburten. Im Alter leiden jedoch bis zu 60 Prozent der Gesamtbevölkerung an Fußschäden. Das bedeutet, dass die meisten Veränderungen erworben sind, am häufigsten durch das Tragen nicht passender oder funktionell unzureichender Schuhe.

Die Grenze zwischen normal und pathologisch ist oft fließend. Einfluss auf die Diagnose nimmt aber auch die Erfahrung des Untersuchers. Prinzipiell sollte keine prophylaktische oder Verlegenheitstherapie durchgeführt werden, nur um die Eltern zu beruhigen.

Die genaue Kenntnis der physiologischen Entwicklung des Fußes und der Beinachsen ist eine wesentliche Voraussetzung, um pathologische Veränderungen rechtzeitig zu erkennen bzw. um physiologische Durchgangsphasen nicht unnötig zu behandeln.

Behandlungsbedürftige angeborene Fußfehlbildungen entstehen schon in der 6. Embryonalwoche: In dieser Entwicklungsphase durchläuft der Fuß ein physiologisches Klumpfußstadium. Kommt es in dieser Zeit zu einer Störung, entstehen die postnatal sofort behandlungsbedürftigen Fußfehlformen. Lageanomalien und intrauteriner Platzmangel in der Endphase der Schwangerschaft hingegen führen nur zu „gutartigen“ Felhlbildungen.

Der physiologische Knicksenkfuß

Kinder weisen im Vergleich zu Erwachsenen anatomische Unterschiede im Halteapparat auf. Dadurch werden sie gezwungen, ihre Füße beim Laufen etwas einwärts zu drehen. Unbewusst versuchen sie dieser Einwärtsdrehung entgegenzuwirken, wodurch sich die Ferse schrägstellt und das Fußgewölbe absenkt. Dadurch kommt es bei Kindern auch zu einer verstärkten X-Stellung der Beine (Genua valga-Haltung) und somit auch zu einem Knick-Senkfuß (KSF).

Der kindliche KSF verursacht selten Beschwerden. Den Eltern fällt die Fußfehlstellung in der Regel beim Gehen und Stehen ihres Kindes auf. Oft werden dadurch die Schuhsohlen am Innenrand abgeschliffen, sodass man bereits vom Schuh auf die Fußstellung schließen kann.

Die Ursachen sind vielfältig: genetische Disposition, verstärkte Antetorsion des Schenkelhalses, Genua valga, lockere Sehnen und Bänder (Bandlaxizität) und Muskelschwäche. Meist sind es aber Kombinationen. Übergewicht begünstigt die Verformung des Fußgewölbes und falsches Schuhwerk verstärkt die Problematik, so Jesenko.

Welche Untersuchungen sind erforderlich?

Grundlage der Diagnostik ist eine genaue Untersuchung der Füße und Beinachsen (Torsionsprofil ) im Gehen, Stehen und Liegen sowie das Alter der Kinder. Dabei ist zum Ausschluss von motorischen Störungen besonders auf das Gangbild (beispielsweise Hinken, Vorfußbelastung) des Kindes zu achten. Je nach Alter unterscheidet sich der normale Grad der Fersenabknickung. Zwischen dem zweiten und dem fünften Lebensjahr ist diese besonders ausgeprägt.

Für die weitere Unterscheidung beurteilt der Arzt die Fußstellung im Zehenspitzenstand (Abbildung) und die Beweglichkeit der Fußgelenke. Beim noch physiologischen KSF wird sowohl die Abknickung der Fersen als auch die Abflachung des Fußgewölbes im Zehenspitzenstand ausgeglichen. Bei schweren Formen, die mit einer Bewegungseinschränkung der Fußgelenke einhergehen können, ist auch eine Röntgenuntersuchung erforderlich.

Durch verschiedene Funktionstests kann die im physiologischen Normbereich befindliche Fußstellung von einer krankhaften abgegrenzt werden:

  • Zehenspitzenstand: dabei richtet sich im Normalfall das Fußgewölbe auf und die Ferse varisiert.
  • Beweglichkeit der Fußgelenke: Die Fußgelenke sind gewöhnlich ohne Schmerzen beweglich.
  • Podogramm: Der Fußabdruck zeigt eine normale Fußsilhouette.

Eine Röntgenuntersuchung wird nur bei einem steifen oder sehr schweren kindlichen KSF mit Beschwerden durchgeführt, um andere Ursachen auszuschließen.

Grundsätzlich müssen die Besonderheiten des wachsenden Skeletts berücksichtigt werden, in Zweifels- oder schwereren Fällen sollten Verlaufskontrollen in regelmäßigen Abständen erfolgen, um eine Verbesserung oder Verschlechterung zu erkennen.

Wann ist eine Therapie indiziert?

Eine spezielle Therapie oder Einlagenversorgung des physiologischen KSF ist nur bei Schmerzen, ausgeprägten Ermüdungserscheinungen, eingeschränkter Beweglichkeit oder einem Rückfußvalgus von mehr als 15-20° notwendig. Den Eltern werden Barfußlaufen, das Gehen auf unebenem Untergrund, spielerische, in den Alltag integrierte Fußgymnastik (Greifübungen der Zehen, Zehenspitzenstand, Fersengang etc.) und regelmäßige Kontrollen empfohlen.

Bei den fußgymnastischen Übungen steht eine gewisse Regelmäßigkeit im Vordergrund. Da unsere Kleinsten mittlerweile in den unterschiedlichsten Bereichen eine frühe Förderung erfahren und somit bereits in jungen Jahren die ihnen zur Verfügung stehende Zeit begrenzt ist, bietet eine spielerische Einbindung von Bewegungsformen in den Kinderalltag die höchste Erfolgswahrscheinlichkeit.

Dabei können Rituale wie der Zehenspitzengang zum Zähneputzen, der Gang auf der Ferse oder den Außenseiten der Füße zurück ins Kinderzimmer, das Aufräumen des Kinderzimmers mit den Füßen helfen, die Motivation der Kinder zu stärken.

Die Hälfte aller Kinder trägt außerdem ungeeignetes Schuhwerk – zu groß, zu klein, zu steif, zu schwer, luftundurchlässig oder ausgetreten. Davon künden Blasen, verunstaltete Fußnägel oder Schweißfüße. Kinderschuhe sollen vor Kälte, Verletzung und Schmutz schützen. Sie haben eine Schutz- und weniger eine Stützfunktion. Der richtige Schuh passt sich auch der Bewegung des Fußes an, nicht umgekehrt.

Der pathologische KSF

Der unflexible KSF wird auch als rigider oder flexibler pathologischer KSF (Plattfuß) bezeichnet. Kinder mit dieser Diagnose haben in der Regel Probleme, in den Zehenstand zu gehen. Das Fußgewölbe richtet sich auch im Zehenspitzenstand nicht auf. Möglichkeiten zur Korrektur der Deformität sind:

  • Korrigierende Einlagenversorgung, z.B. mit Hilfe von Fersen-umgreifenden Einlagen mit medialer Abstützung, eventuell Zurichtungen am Konfektionsschuh
  • Begleitende Fußgymnastik wie oben angeführt

Zusammenfassung

In den meisten Fällen muss ein kindlicher KSF nicht behandelt werden, das Fußgewölbe richtet sich mit der motorischen und körperlichen Reifung des Skeletts bzw. des Körpers spontan auf. Außerdem birgt auch ein leicht abgeflachtes Fußgewölbe im Erwachsenenalter keine Probleme oder Risiken. Kinder sollten viel barfuß laufen und in den Alltag integrierte, spielerische Fußgymnastik durchführen. Das Tragen von Einlagen beim physiologischen KSF kann die Fehlhaltung sogar verschlechtern, da die Fußmuskulatur nicht ausreichend trainiert wird

Wird jedoch eine Therapie notwendig, so steht die konservative Behandlung mit Schuheinlagen sowie Krankengymnastik an vorderster Stelle. Bei übergewichtigen Kindern sollten eine Ernährungsberatung und Diät durchgeführt werden.

Eine operative Therapie des kindlichen KSF sollte nur nach erfolgloser konservativer Therapie bzw. bei klinischen Beschwerden wie belastungsabhängigen Schmerzen und zunehmender Fehlstellung frühestens ab dem 8. Lebensjahr erfolgen.

Die Prognose des kindlichen KSF ist gewöhnlich auch ohne Therapie gut, da es meist zu einer Spontankorrektur bis zum Schulalter kommt.

Wenn der Fuß schlapp macht
Für eine gesunde Entwicklung brauchen Kinderfüße vor allem Bewegungsfreiheit, Bodenkontakt und viele Reize - Muskeln, die nicht beansprucht werden, verkümmern. Fehlen natürliche „Übungsfelder“ wie z.B. Wiesen, kann Kinderfüßen mit Fußgymnastik geholfen werden.
Die Fußmuskulatur gehört zu den Muskelgruppen, die heutzutage oftmals unterentwickelt sind. Durch mangelnde Bewegungsmöglichkeiten und häufiges Tragen von Schuhen werden die Füße ruhig gestellt und zeigen als Folge Symptome wie retardierende Fußmuskeln, was mit einer Muskelschwäche sowie Muskelverkürzungen beantwortet wird. Gezielte Übungen sind zur Ausbildung eines gesunden Fußgewölbes und zur Förderung feinmotorischer Fähigkeiten wichtig.
Beim Schuhkauf gilt: erst messen, dann auswählen! Dazu vor dem Kauf einen Fußabdruck auf Pappe zeichnen, dann mindestens 12 mm zu den Zehenspitzen dazugeben und diese Schablone ausschneiden. Diese muss ohne Quetschen und Schieben in den neuen Schuh passen. Schuhfachgeschäfte haben in der Regel auch spezielle Messeinrichtungen für diesen Zweck.
Besonders wichtig bei kleinen Kindern ist, dass das herkömmliche Nachfühlen des großen Zehs im neuen Schuh nicht ausreicht. Viele Kinder ziehen den Zeh zurück oder mogeln, wenn ihnen der Schuh zum Beispiel besonders gut gefällt.
Der Kinderfuß wächst in den ersten zwei bis drei Jahren um 1 bis 2 mm pro Monat, deshalb sind eine häufige Kontrolle der Schuhgröße und Schuhwechsel in diesem Alter wichtig.
Gesunde Kinderfüße brauchen keine Polster und Fußbettungen. Die Fußmuskeln wollen und sollen trainiert, nicht gestützt werden.

Dr. Christiane Loinig, Ärzte Woche 7 /2011

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