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Orthopädie 30. Juni 2010

Das Kreuz mit dem Kreuz

Jungsein schützt nicht vor Rückenschmerzen. Therapeutisch ist eine Lebensstiländerung vorrangig.

Schon Jugendliche leiden unter Rückenschmerzen, aber ihre Lebensqualität ist davon weniger beeinträchtigt als bei Erwachsenen. Teure Therapien sind meist nicht nötig. Es reicht vielfach eine sportliche, gesunde Lebensführung, betonten spanische Wissenschaftler beim 11. Jahreskongress der European Federation of National Associations of Orthopaedics and Traumatology (EFORT) in Madrid.

 

Schmerzen an der Wirbelsäule gehören zu den häufigsten und kostspieligsten Krankheiten unserer Zeit. Sie sind bei Männern die häufigste und bei Frauen die zweithäufigste Ursache für Arbeitsausfälle und bei beiden Geschlechtern die häufigste Ursache für Früh- und Invaliditätspensionen. Geschätzte 80 Prozent der Erwachsenen leiden zumindest einmal in ihrem Leben unter Rückenschmerzen, bei Kindern und Jugendlichen ist diese Lebenszeitprävalenz vom Alter abhängig und erreicht im fortgeschrittenen Teenageralter immerhin 70 Prozent.

Jugendliche nehmen‘s locker

Eine spanische Studie zeigt, dass Jugendliche mit Rückenschmerzen in einer ganz anderen Situation sind als Erwachsene. „Wir gehen daher davon aus, dass junge Menschen bei Rückenschmerzen ganz andere Behandlungsstrategien brauchen als ältere Menschen“, sagt Dr. César Garcia-Fontecha, Hospital Val d‘Hebron, Barcelona. „Wir haben 76 jugendliche Patienten im Durchschnittsalter von 14,1 Jahren einerseits mit gesunden Teenagern verglichen und andererseits mit solchen, die zwar unter Rückenschmerzen litten, deswegen aber noch keinen Arzt aufgesucht hatten. Überraschend war für uns die anhand des sogenannten KIDSCREEN ermittelte gesundheitsbezogene Lebensqualität der jugendlichen Patienten: In neun der zehn Lebensaspekte, die KIDSCREEN analysiert, war die Lebensqualität jugendlicher Patienten trotz ihrer Rückenschmerzen sogar höher als jene von Schülern ohne Schmerzen.“

Die Lösung dieses Widerspruchs könnte darin liegen, dass Schüler ärztlichen Rat meist nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf Initiative ihrer Eltern in Anspruch nehmen. „Dafür spräche, dass die behandelten Jugendlichen auch ein höheres Maß an psychischem Wohlbefinden und eine deutlich bessere Beziehung zu Eltern und Freunden hatten als die nicht behandelten, ob mit oder ohne Rückenschmerzen“, so Garcia-Fontecha.

Andere Therapieschemata

„Dass Rückenschmerz die Lebensqualität von Jugendlichen kaum beeinträchtigt, ist ein großer Unterschied zu Erwachsenen, deren Leben durch Rückenschmerzen etwa auch hinsichtlich des psychischen und sozialen Wohlbefindens wesentlich beeinträchtigt wird“, betont der spanische Experte. Daraus folge auch, dass Jugendliche mit Rückenschmerzen eventuell nach anderen Behandlungsschemata betreut werden sollten als Erwachsene. Garcia-Fontecha: „Eine aggressive Physiotherapie in Verbindung mit Medikamenten und häufigen Arztbesuchen – bei Älteren durchaus angebracht – ist bei Jugendlichen meist nicht indiziert. Angesichts des geringen Leidensdrucks überwiegen etwa die Nebenwirkungen vieler Schmerzmedikamente sowie die hohen Kosten häufiger Physiotherapien und Konsultationen den Nutzen zumeist bei weitem. Sinnvoller und von nachhaltigerer Wirksamkeit ist es, Risikofaktoren von Rückenschmerzen wie Übergewicht und Bewegungsmangel durch eine vernünftige Lebensführung, vor allem ausgewogene Ernährung und regelmäßige sportliche Aktivitäten, zu vermeiden. Auch wenn Schmerzen bereits eingetreten sind, können Jugendliche noch auf ihre eigenen intakten Gesundheitsressourcen bauen und eine regelrechte Überbehandlung im Gesundheitssystem vermeiden.“

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