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Foto: wrw / pixelio.de
Gina, „Vom Charme des Makels“ von Gerhard Aba (siehe „Zur Person“)
 
Orthopädie 22. Juni 2010

Selbstbewusst & sexy: „Hex‘n ohne Hax‘n“

Eine kleine, junge Selbsthilfegruppe für beinamputierte Frauen.

Sehr selbstbewusst treten die Frauen auf, die „Hex’n ohne Hax’n“, eine Selbsthilfegruppe für beinamputierte Frauen. Erst bei Nachfrage stellt sich heraus, dass dieses Selbstbewusstsein hart erarbeitet ist.

 

„Bei einer brustamputierten Frau ist es jedem sofort klar, dass davon auch das weibliche Selbstbewusstsein mitbetroffen ist, da die Brust ein sexuelles Attribut ist. Dass aber die Beine ganz wesentlich auch diese Funktion haben, übersehen sehr viele“, erklärt Regina Jung, Obfrau der Selbsthilfegruppe „Hex’n ohne Hax’n“.

Dabei wird das Offensichtliche übersehen, denn schon der Schlager „Die Beine von Dolores“, der Can-Can und jede andere Revue belehren einen ja eines besseren.

Jung verlor ihr Bein im Alter von 14 Jahren durch Knochenkrebs. Der verbleibende Stumpf ist sehr kurz. Dennoch redeten ihr alle gut zu, eine Prothese zu verwenden. Jahrelang plagte sie sich damit herum. Doch irgendwann reichte es ihr, und die Prothese landete auf dem Dachboden, später mutierte sie zum Blumenständer. Seitdem ist Regina Jung mit Krücken unterwegs. Ihr Vorwurf gegen die damals behandelnden Ärzte: „Sie suggerierten: ‚Da kriegen Sie eine Prothese und dann ist alles wieder normal und wie vorher.’ Nichts ist wie vorher. Und die Normalität ist nur scheinbar.“ Die anderen amputierten Frauen nicken dazu.

Nur für Frauen

Die Gruppe besteht ausschließlich aus betroffenen Frauen. Männer waren ursprünglich nicht ausgeschlossen, aber „es hat sich so ergeben“, erklärt Jung. Der Vorteil: Intime Probleme können so wesentlich besser angesprochen werden.

Die Gruppe, die erst seit November 2009 besteht, ist noch sehr klein. Auf der Mailingliste stehen 13 Personen, bei den Treffen sind meist sieben bis acht dabei. Geld ist derzeit noch kein Thema. Man – oder besser frau – trifft sich im Lokal der Wiener Familienberatung Pe-Le, die ihrerseits von Familienministerium gefördert wird, redet miteinander und tauscht sich über Erfahrungen aus.

Vorträge, Seminare oder andere Aktivitäten, wie sie die großen Selbsthilfegruppen bieten, sind zwar angedacht, aber die junge Gruppe muss erst unter den Betroffenen bekannt werden. Hier ergibt sich auch ein Vorteil: Ohne große Veranstaltungen braucht die Gruppe derzeit auch keine Sponsoren und Mitgliedsbeiträge.

Schwerpunkt ist die gegenseitige Unterstützung, die Hilfe zu mehr Selbstbewusstsein, die Bestärkung darin, dass das Anderssein seine positiven Seiten hat, und dass eine Prothese sein kann, aber nicht sein muss.

„Ich habe mir mit den Prothesen den Rücken ruiniert“, erklärt Jung. „Bevor ich sie auf den Dachboden verbannte, hatte ich jedes Quartal ein bis zwei Hexenschüsse, da die kurzen Muskelreste in den Beinen mit der schweren Prothese überfordert waren. Die Rückenmuskeln mussten mithelfen und außerdem für das Gleichgewicht sorgen.“

Kein Geld für Krückenkapseln

Dieser Zwang zu Prothesen gehört zu den größten Problemen der amputierten Frauen. Zwar sind auch Prothesenträgerinnen in der Gruppe, und viele kommen damit gut zurecht, doch eben nicht alle. „Alternativen zu Prothesen wie Krücken oder Rollstuhl werden von den behandelnden Ärzten erst gar nicht präsentiert“, so Jung.

„Bei Prothesen wird alles bezahlt, auch jede Reparatur“, erklärt Elke Fleck. „Die Krückenkapseln aber müssen wir uns selber zahlen. Die einzelne kostet zwar nicht viel, aber ich brauche alle zwei Wochen neue. Und ohne gute Kapsel ist das Bewegen etwa auf dem rutschigen Boden im Schwimmbad zu gefährlich.“

Auch bei dieser Gruppe gehen die Wünsche an die Ärzte ins Psychosoziale: „Ärzte empfinden es als Niederlage, wenn sie einem Patienten oder einer Patientin das Bein abnehmen müssen. Das ist verständlich, aber sie sollten es nicht an den Patientinnen und Patienten auslassen, sondern dazu stehen. Die Prothese kommt mir vor wie der Versuch, diese Niederlage zu verstecken.“

Mut zur Ehrlichkeit

„Der Arzt sollte dem Menschen zuerst ins Gesicht schauen und dann erst in den Computer“, fordert Jung, und sie sollten Fehler und Nichtwissen zugeben. „Ich war sehr beeindruckt von einem Orthopäden, der mir offen sagte, dass er mit Amputierten keine Erfahrung hat. Er hat sich dann erkundigt und mir einen Kollegen empfohlen. Diesen Mut zur Ehrlichkeit sollten alle aufbringen.“

Die Behinderung finde vor allem in den Köpfen statt. Dort müssten die Barrieren abgebaut werden. Und um dieses Ziel zu unterstützen, tanzt Jung zum Beispiel in der Performance „Auf freiem Fuß“. Oder sie und andere amputierte Frauen lassen sich – provokant, sexy und mit deutlich sichtbar fehlendem Bein – fotografieren (siehe Foto). Die Dokumentation „Der Charme des Makels“ lief im ORF und auf Bayern Alpha und wird immer wieder, begleitet von einer gleichnamigen Ausstellung des Fotografen Gerhard Aba (siehe Kasten) und meist auch von Diskussionen, gezeigt. Voraussichtlich wird die Dokumentation noch heuer auf 3Sat gezeigt, doch steht noch kein Sendetermin fest.

Information und Kontakt
Hex’n ohne Hax’n
Peergroup für Frauen mit Beinamputation


Mitgliederzahl: rund 12
Besteht seit: November 2009
Veranstaltungen: Jeden zweiten Mittwoch im Monat von 16:00 bis 19:00 Uhr,
um Voranmeldung unter 0664/39 66 521 wird gebeten

Kontakt:
Verein Pe-Le, Christine Gurtner
Tel.: 0676/676 62 62, E-Mail:

Regina Jung Tel.: 0676/97 59 723, E-Mail:

www.pele.or.at unter: Selbsthilfe: Leben mit Amputation

Zur Person: Gerhard Aba, Fotograf

„Ein Schwerpunkt meiner Photoartworks ist dem Thema ,Makel‘ gewidmet. Seit Jahren arbeite ich mit ,amputierten‘ Frauen weltweit zusammen und halte ihr „Anderssein“ ikonisiert mit der Kamera fest, um sie in unsere ,Perfektionswelt‘ zu spiegeln. Jedes meiner Artworks wird von ihnen mit Offenheit und dem Mut zum Authentischen geprägt und erzählt dadurch die Geschichte von weiblicher Erotik in ungewöhnlicher Form, jenseits von Klischees, Vorurteilen und Oberflächlichkeit. Ich möchte meine Sicht des ,Andersseins‘ mit all jenen teilen, die diese Erfahrungen noch nicht haben und sich mit meinen ,asymmetrischen‘ Fotoarbeiten auseinandersetzen möchten.“

http://artaba.over-blog.de
Kontakt:

Die nächste Ausstellung findet im Oktober in der „Gallery art-com“ statt (www.art-com.at ).
Zur Serie
In loser Serie stellt die Ärzte Woche Selbsthilfegruppen in Österreich vor. Informationen über die Selbsthilfegruppen in den einzelnen Bundesländern sind bei den jeweiligen Dachverbänden erhältlich. Eine Liste dieser Dachverbände findet sich auf der Seite der Selbsthilfe Österreich www.selbsthilfe-österreich.at unter „Die ARGE“: „Unsere Mitglieder“.

1 http://www.selbsthilfe-oesterreich.at/files/Artikel-Wuerzburg.pdf

Von Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 25 /2010

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