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Foto: Privat
Hüftdysplasie links, rechts wurde die Hüftdysplasie bereits durch eine Schwenkosteotomie korrigiert.

NETTERs Orthopädie Netter, Frank H. 610 Seiten, € 36,– Thieme-Verlag, 2001 ISBN 9783131239815

 
Orthopädie 7. April 2010

Arthrose ist kein Routineproblem

Gelenkabnützungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter müssen so lange als möglich mit adäquaten therapeutischen Maßnahmen hinausgezögert werden.

Neben angeborene Fehlstellungen des Bewegungsapparates und Erkrankungen des Knochens können auch erworbene Läsionen Ursache für die Entwicklung einer Arthrose sein. Obwohl hauptsächlich ältere Menschen von dieser Erkrankung betroffen sind, treten auch immer häufiger Knorpelschäden bei Kindern und Jugendlichen auf.

 

Von der Abnützung des Gelenkknorpels mit konsekutiver Gelenkszerstörung sind prinzipiell sämtliche Gelenke betroffen. Neben genetischen Voraussetzungen hinsichtlich der Materialqualität spielen Verletzungen mit direkten Läsionen des Knorpels, Frakturen mit Gelenksbeteiligungen, Fehlbaugelenke (z. B. dysplastische Hüftgelenke), Achsabweichungen, aber auch typische Erkrankungen wie Morbus Perthes, Osteochondrosis dissecans, Epiphyseolysis capitis femoris, aber auch Entzündungen eine entscheidende Rolle.

Objektivierbare Befunde können mit und ohne Schmerzen vorliegen. Führen klassische Gelenkserkrankungen wie Morbus Perthes oder die Hüftkopfkappenlösung bei Jugendlichen sowie die Osteochondrosis dissecans zu klassischen Beschwerdebildern, bleiben Hüftdysplasien oft lange unentdeckt und führen oft erst im mittleren Lebensalter zu typischen Hüftgelenksbeschwerden.

Das Ziel der Behandlung bei Kindern und Jugendlichen sowie jugendlichen Erwachsenen ist, durch entsprechende Maßnahmen die Arthrose möglichst lange hinauszuzögern. Kausale Therapien wie Achskorrekturen, Korrektur von Fehlbaugelenken, operative Behebung von Knorpelschäden in verschiedenen Variationen gehören zum Behandlungsrepertoire. Bei älteren Patienten gilt es individuell zu entscheiden, ob gelenkserhaltende Operationen noch sinnvoll sind oder durch konservative Behandlungsmaßnahmen die Lebensqualität möglichst lange bis zum Gelenkersatz erhalten werden kann.

Eine medikamentöse Behandlungen mit entzündungshemmender Wirkung sowie lokale oder systemische Chondroprotektiva, kombiniert mit entsprechenden physiotherapeutischen Maßnahmen, können oft überraschend lange die Lebensqualität der Patienten erhalten. Die Indikation zum Gelenkersatz wird primär durch den Leidensdruck des Patienten bestimmt und nicht durch ein Röntgenbild.

Beinahe alle Gelenke sind ersetzbar

Es können heute nahezu alle Gelenke – allerdings mit wechselndem Erfolg – ersetzt werden. Am häufigsten werden Knie- und Hüftgelenke implantiert. Obwohl Hüft- und Knieendoprothesen hervorragende Langzeitergebnisse aufweisen, muss klar sein, dass sie letztlich Ersatzteile mit begrenzter Lebensdauer und Belastbarkeit sind.

Auch wenn die Belastbarkeit und der Bewegungsumfang durch moderne Implantattechnologien und minimalinvasive Operationstechniken enorm gestiegen sind, dienen Kunstgelenke zum Erhalt der Beweglichkeit im täglichen Leben und a priori nicht zum Erhalt oder zur Wiedererlangung der Sportfähigkeit. Sportliche Aktivitäten sind zwar oft möglich, der Träger muss sich allerdings des erhöhten Risikos hinsichtlich Auslockerung, Abnützung und Endoprothesenbruch bewusst sein. Eine individuelle Beratung hinsichtlich sportlicher Aktivitäten ist daher unbedingt notwendig, denn eine „Sportprothese“ ist leider nur ein Reklamegag.

Die Arthrose ist kein Routineproblem, sondern bedarf einer individuellen Beratung unter Berücksichtigung der Bedürfnisse des Patienten und der heutigen Therapiemöglichkeiten.

 

Prim. Prof. Dr. Reinhard Graf ist als Leiter der orthopädischen Abteilung im Landeskrankenhaus Stolzalpe in der Steiermark tätig.

Von Prof. Dr. Reinhard Graf, Ärzte Woche 14 /2010

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