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Orthopädie 27. November 2008

Zu viele Frakturen in Österreich

Die Osteoporose wird zu wenig ernst genommen.

Nicht nur Risikofaktoren wie Alter, Untergewicht, Vitamin D- und Kalziummangel können die Osteoporose triggern, auch chronisch-entzündliche Erkrankungen und Medikamente erhöhen das Risiko für den Knochenschwund.

 

„Osteoporose wird noch immer unterschätzt“, sagte die Wiener Gesundheitsstadträtin Mag. Sonja Wehsely auf einer Pressekonferenz anlässlich des 7. Wiener Osteoporosetages am 11. November 2008. Jede fünfte Frau und jeder achte Mann muss damit rechnen, im Laufe seines Lebens an Knochenschwund zu erkranken. „Das klinische Bild der Osteoporose ist die Fraktur – und deren Häufigkeit nimmt dramatisch zu“, sagte Prof. Dr. Elisabeth Preisinger, Vorstand des Instituts für physikalische Medizin und Rehabilitation am Krankenhaus Hietzing, die für die Organisation des Osteoporosetages verantwortlich ist. Und: „Österreich liegt mit einer Inzidenz von 19,7 hüftgelenksnahen Frakturen pro 10.000 Einwohnerinnen über 65 nach Schweden und der Slowakei im europäischen Spitzenfeld.“

Neue Applikationsformen

Die Ursachen für diese hohe Frakturrate sind vielfältig. Zwei Gründe sind allerdings hervorzuheben: „Zum einen wird Osteoporose noch immer nicht ernst genug genommen“, so Preisinger. „Zum anderen müssen wir intensiv an der Verbesserung der Patientencompliance arbeiten.“ Laut der Gesundheitsstadträtin wurden 2007 in Wien 140.000 Frauen mit Osteoporose medikamentös behandelt. „Innerhalb der ersten zwölf Monate brechen aber 40 Prozent der Patientinnen die Therapie ab“, hielt Wehsely in ihrem Statement fest. Eine Möglichkeit, die Compliance zu verbessern, sind neue Applikationsformen, wie etwa die Gabe von Bisphosphonaten, die nur noch vierteljährlich oder sogar nur noch einmal im Jahr als Kurzinfusion verabreicht werden.

Um das Frakturrisiko zu senken, wird derzeit ein Kalkulationsprogramm entwickelt, mit dessen Hilfe das Frakturrisiko der Patientinnen und Patienten über zehn Jahre gemessen werden kann. Zusätzlich zur Knochendichtemessung werden damit weitere Faktoren zur Risikoabschätzung in die Diagnostik miteinbezogen (siehe Kasten). Im Frühjahr 2009 soll das neue Messinstrument in den ärztlichen Praxen zur Verfügung stehen.

Risiko vervielfacht

Chronisch-entzündliche Krankheiten zählen ebenfalls zu den Auslösern von Osteoporose. Dr. Wolfgang Pohl, Vorstand der Abteilung für Atmungs- und Lungenerkrankungen am Krankenhaus Hietzing, nennt insbesondere die COPD, die aufgrund ihrer Pathophysiologie und ihrer Therapie einen wesentlichen Risikofaktor für die Osteoporose darstellt. „COPD ist eine Systemerkrankung, die auch den Knochenapparat betrifft“, erläuterte Pohl. „Zusätzlich besitzen die Auslöser dieser Erkrankung, wie etwa der Tabakrauch, desgleichen das Potenzial, die Entstehung einer Osteoporose zu begünstigen.“ Nicht zuletzt ist eine lange andauernde Cortison-Therapie ein wesentlicher Risikofaktor für den Knochenschwund.

Gefährliche Malnutrition

Auch bei Erkrankungen des Gastrointestinaltraktes wie etwa Colitis ulcerosa, Morbus Crohn und Zöliakie ist das Risiko für Osteoporose deutlich gesteigert. „Aufgrund von Mangelerscheinungen bei verminderter Zufuhr bzw. Aufnahme von Kalzium und Vitamin D muss bei diesen Erkrankungen verstärktes Augenmerk auf das Osteoporoserisiko gelegt werden“, mahnte Prof. Dr. Harald Vogelsang von der Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie an der Universitätsklinik für Innere Medizin III, AKH Wien.

Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen zeigen die Patientinnen und Patienten überhaupt eine hohe Zahl von Risikofaktoren für Osteoporose: „Führend ist hier vor allem die chronische Entzündung, die Behandlung mit Kortikosteroiden, Malnutrition, niedriger BMI und Hypogonadismus“, führte Vogelsang die Risikosituation für die Betroffenen aus. Eine abwechslungsreiche Ernährung gestaltet sich bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen schwierig, ebenso wie der Genuss von Milch. „Eine Substitution von Kalzium und Vitamin D ist für diese Patientinnen und Patienten daher unbedingt erforderlich“, so Vogelsang.

Knochen in Schwung bringen

Diese Risiken müssen für die Vorbeugung der Osteoporose unbedingt ins Kalkül gezogen werden, waren sich die anwesenden Experten einig. Zur Prophylaxe hilft eine kalziumreiche Ernährung bzw. die Gabe von 500 bis 1.000 mg Kalzium pro Tag sowie die tägliche Einnahme von 500 bis 1.000 Einheiten Vitamin D3. Besonders wichtig ist ausreichende Bewegung, denn Immobilität verändert die Knochenstruktur sehr rasch und kann eine beginnende Osteoporose schnell verschlechtern.

Neben der Vorbeugung spielt die regelmäßige Einnahme bzw. Applikation der wirksamen Osteoporosemedikation eine wesentliche Rolle. Wie bereits eingangs erwähnt, stehen im Rahmen der State-of-the-Art-Therapie mit Bisphosphonaten mittlerweile eine ganze Reihe von Applikationsformen zur Verfügung, die wesentlichen Einfluss auf die Compliance haben. Neue Medikamente, wie ein Antikörper, der einen ganz neuen Therapieansatz darstellt, sollen innerhalb der nächsten drei Jahre auf den Markt kommen.

Von Sabine Fisch, Ärzte Woche

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