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„Amputationen lösen Probleme nicht“

Nach Meinung von Dr. Wolfram Wenz, leitender Oberarzt des Bereiches Infantile Cerebralparese und Fußdeformitäten an der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg, verschlimmern Amputationen zu oft den Gesamtzustand der Patienten. Mit etwas Geduld und Einsatz wären manche Amputationen, z.B. bei Diabetikern mit Fußproblemen oder bei älteren Menschen, vermeidbar.

Die Zahlen sind eindrucksvoll: Um die 36 Prozent der Diabetiker sterben ein Jahr nach der Amputation, rund die Hälfte innerhalb von drei Jahren und etwa 66 Prozent innerhalb von fünf Jahren. Bei 50 Prozent der Beinamputierten musste innerhalb der nächsten vier Jahre auch am anderen Bein amputiert werden. Außerdem landen nach Oberschenkelamputationen 50 Prozent dieser Patienten in einem Pflegeheim; bei Unterschenkel-Amputierten sind danach 30 Prozent nicht mehr gehfähig. Von einer Verbesserung oder Erleichterung der Situation dieser Patienten könne man vor diesem Hintergrund also guten Gewissens nicht sprechen. Deshalb müsse man weniger amputieren, meint Dr. Wolfram Wenz, Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg.

Plädoyer für Gliedmaßen erhaltende Therapie

Er warnt vor allem vor den schon beinahe routinemäßigen Entscheidungen zur Amputation bei Diabetikern. Stattdessen plädiert er für eine verstärkte Therapie des Diabetes mellitus und für Gliedmaßen erhaltende Operationen, wenn schon die Ursachen nicht behoben werden können. Seiner Meinung nach ist die Anzahl von jährlich 62.000 Amputationen in Deutschland viel zu hoch: „Nur die Hälfte davon ist wirklich notwendig.“

Diabetes ist Hauptursache

Hauptverantwortlich für die hohe Amputationsrate ist der Diabetes mellitus, und das mit steigender Tendenz: Im Jahr 2001 wurden in Deutschland 29.000 Diabetiker amputiert, 2003 waren es bereits 40.000. Dr. Wenz: „Das bedeutet, dass alle 13 Minuten ein Diabetiker amputiert wird. 50 Prozent dieser Amputationen halte ich für vermeidbar!“ Die neuesten Zahlen dürften der steigenden Tendenz der letzten Jahre entsprechend sicherlich noch höher liegen.
In Österreich leiden geschätzte 22.500 Menschen am diabetischen Fußsyndrom, infolge dessen jedes Jahr bei bis zu 2.400 Patienten Zehe, Fuß oder Bein amputiert wird.

„Amputation verringert nicht die Kosten“

In Deutschland herrscht Dr. Wenz zufolge „aus reiner Unkenntnis“ vielfach die Meinung vor, dass mit einer Amputation auch die Kosten im Gesundheitswesen minimiert würden. Das jedoch sei ein grundlegender Irrtum. Gerade bei Diabetikern, deren Wunden schlecht verheilten, sei die Anpassung einer Prothese aufwendig. Die Kosten für Prothesen sowie deren Wartung gingen ebenfalls in die Tausende. „Mir kommt es deshalb darauf an“, so Dr. Wenz, „alle Verantwortlichen und Entscheider zum Thema Amputationen zu sensibilisieren.“
Der Spezialist für rekonstruktive Fußchirurgie beklagt: „In einigen Fällen wird bereits nach einem Jahr bei Diabetespatienten ein Fuß amputiert, obwohl mit etwas Geduld und Einsatz dieser durchaus zu retten wäre.“
Den Grund dafür sieht er darin, dass es zu wenig Spezialärzte für das Thema diabetisches Fußsyndrom in Deutschland gibt. „Oftmals kümmern sich in den Kliniken Internisten um Diabetiker, die nicht immer das absolute Fachwissen um die Komplexität der Thematik haben“, meint Dr. Wenz. Nach eigenen Angaben konnte sein Team in den vergangenen Monaten bei einer Vielzahl von Patienten Füße retten, die von anderen Ärzte amputiert werden sollten. „Wir trauen uns vielleicht mehr zu als andere Kollegen“, erklärt Dr. Wenz. Bei der von ihm angewandten Methode wird nicht der ganze Fuß entfernt, sondern nur der entzündete Knochen.

Österreichische Leitlinie für regelmäßigere Kontrolle

Die Österreichische Diabetes Gesellschaft hat 2007 ihre Leitlinie zur Therapie des diabetischen Fußes aktualisiert (Wiener Klinische Wochenschrift 2007 119/15–16 [Suppl 2]: 1–64), um die Amputationsrate zu senken. Sie sieht jährlich eine Fußkontrolle vor; bei Patienten mit einem erhöhten Risiko (Neuropathie, periphere arterielle Verschlusserkrankung, orthopädische Fehlstellung) kurzfristiger.

Quelle: Aussendung des Universitätsklinikums Heidelberg und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg; Aussendung der Österreichischen Diabetes Gesellschaft; pressetext.deutschland

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