zur Navigation zum Inhalt
 

OP bei vollem Bewusstsein

Die tatsächliche Inzidenz unbeabsichtigter Wachheit während einer Allgemeinanästhesie in einer durchschnittlichen Krankenhauspopulation ist vermutlich geringer als bisher angenommen.

Die Inzidenz intraoperativer Wachheit („awareness“) in jüngeren Erhebungen variiert zwischen 0,1 und 0,9 Prozent. Wenig Informationen gibt es über die aktuelle Relevanz dieses Problems im perioperativen Routinebetrieb einer gemischten Population. Die Identifizierung von Patienten mit nachweislich stattgehabten Awareness-Episoden ist mühsam und bedarf in der Regel eines standardisierten Fragenkatalogs. Nicht so sehr die intraoperative Wachheit als solche, sondern deren Konsequenzen in Form von späten psychologischen Symptomen werden als das eigentliche Problem angesehen und münden nicht selten in einer posttraumatischen Belastungsstörung („post-traumatic stress disorder“, PTSD).

Tatsächliche Awareness-Inzidenz

Eine amerikanische Studie (Pollard RJ et al. Anesthesiology 2007, 106: 269–274) untersuchte die Inzidenz unbeabsichtigter Wachheit während einer Allge­meinanästhesie innerhalb eines Beobachtungszeitraums von drei Jahren. Von insgesamt 177.468 Patienten wurden 87.361 als Risikopatienten für Awareness eingestuft. Jedoch konnten nur bei sechs dieser Patienten (0,068 Prozent) Wachheitsepisoden plausibel nachgewiesen werden, davon vier im Rahmen von kardiochirurgischen Eingriffen. Die Autoren vermuten daher, dass eine kontinuierliche Qualitätskontrolle, welche die Symptome von Awareness miteinschließt, dazu beiträgt, das zukünftige Auftreten unerwünschter Wachheit während Allgemeinanästhesien zu minimieren.
Eine schwedische prospektive Studie (Samuelsson P et al. Anesthesiology 2007, 106(1):26-32) hingegen untersuchte Inzidenz und Schweregrad von späten psychologischen Problemen nach Awareness-Episoden. Fazit: Die Aufarbeitung der Folgesymptome bleibt komplex und hängt stark vom Selektionsprozess ab. Die Methodik der Patientenrekrutierung vermag den Schweregrad der Symptome signifikant zu beeinflussen. Letztlich erscheinen nachhaltige und psychiatrisch behandlungswürdige Symptome weniger häufig aufzutreten, als bisher angenommen.

Der Originalartikel erschien in voller Länge: Anaesthesist 2007
DOI 10.1007/s00101-007-1266-x

PD Dr. Stefan Schraag, Ärzte Woche 46/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben