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Chirurgen als Geburtshelfer

Dr. Gary Myers arbeitet als Referenzchirurg für „Ärzte ohne Grenzen“ in Wien. Zwei seiner zahlreichen Missionen führten ihn ins Krankenhaus „Bon-Marché“ in Bunia, Provinz Ituri, in der Demokratischen Republik Kongo. Zuletzt war Myers Anfang dieses Jahres in Afrika, über seine Erfahrungen berichtet er uns.

In unserem Interview beschreibt der aus den Vereinigten Staaten stammende Gary Myers die Herausforderung für Chirurgen in Entwicklungsländern. Die Mediziner müssten vor allem lernen, unter ungünstigen Bedingungen mit eigenen und fremden Ressourcen zu haushalten und trotzdem für vielfältige Aufgaben offen zu sein.

 ungewöhnliche Behandlungsmethoden
Ungewöhnliche Einsatzorte verlangen ungewöhnliche Behandlungsmethoden.

Foto: Herbert Ofner MSF

Dr. Myers, Sie sind „Referenzchirurg“ bei „Ärzte ohne Grenzen“. Was ist darunter zu verstehen?
Myers: Für unsere Arbeit als Chirurgen sind Kooperationsfähigkeit und eine gemeinschaftliche Herangehensweise sehr wichtig. Wenn wir uns entschließen, unsere Patienten chirurgisch zu behandeln, so heißt das, dass wir auch ausreichend menschliche und logistische Ressourcen benötigen, um diese Behandlungen sicherstellen zu können. Meine Aufgabe ist es, dabei zu helfen, diese Mittel bedachtsam und vorausschauend anzuwenden und das Know-how für unsere zu einem bestimmten Projekt durchgeführten Aktivitäten weiterzugeben.

Worin bestand im Besonderen Ihre Aufgabe im Bon-Marché Krankenhaus in Bunia?
Myers: Seit der Aufnahme des Spitalbetriebs vor etwa vier Jahren ist das Bon-Marché Krankenhaus mit seiner chirurgischen Abteilung zu einem fixen Bestandteil des Lebens von Bunia geworden. Das Krankenhauspersonal bewältigt eine beeindruckende Fülle von Aufgaben. Es zeigte sich, dass es für die Aufrechterhaltung der professionellen medizinischen Betreuung notwendig ist, ständig für die Verbesserung der Infrastruktur zu sorgen. Das Spital begann sich zu verändern und wurde um neue Einrichtungen und Services erweitert, um diesem Anspruch gerecht zu werden.
Mein letzter Einsatz stand ganz im Zeichen des Aufbaus einer chirurgischen Abteilung. Das war gleichzeitig ein Anlass, die erstarrten und standardisierten Abläufe des Krankenhausbetriebs durch eine effizientere Verwaltung von Operationssaal, Patientenaufkommen und der täglichen Behandlung zu ersetzen. Im Bon-Marché Spital arbeiten wir eng mit unseren kongolesischen Kollegen zusammen. Das trägt wesentlich zur Optimierung der Behandlungsqualität bei: Der Arzt aus dem Ausland bringt seine fachliche Kompetenz in die Projekte ein, während der lokale Chirurg vertraute Behandlungsmethoden anwendet sowie chirurgisch-medizinisches Wissen von verschiedenen kulturellen Backgrounds sammelt und aufeinander abstimmt.

Was sind die wichtigsten Aufgaben und Herausforderungen für die Chirurgie im Bon-Marché?
Myers: Da uns unvorhersehbare Vorkommnisse und Notfälle sehr in Anspruch nehmen, schränken wir unsere Aktivitäten ein. In der Stadt gibt es zusätzliche medizinische Einrichtungen für weniger unmittelbar lebensbedrohliche oder schwerwiegende chirurgische Behandlungen. Bei uns finden täglich durchschnittlich 15 operative Eingriffe statt. Nach unseren bisherigen Erfahrungen sind die Hälfte der bei uns durchgeführten Eingriffe auf unversorgte Wunden, fortgeschrittene Gewebsinfektionen und unbehandelte Verletzungen – die Patienten gehen oft erst zwei bis vier Wochen nach dem Unfall zum Arzt – zurückzuführen. Die meisten Verwundungen stammen von ziviler Gewalt und zunehmender Urbanisierung, beispielsweise von Verkehrsunfällen. Aber wir müssen auch auf unberechenbare Zwischenfälle von gewaltsamen Konflikten vorbereitet sein. Allgegenwärtig ist der Anblick von mit Brandwunden übersäten Kindern. Auch zehrende Krankheiten wie septische Arthritis oder chronische Knochenmarksentzündung sind bei den Jungen weit verbreitet. Unser Krankenhaus wird von der Bevölkerung auch für gynäkologische und pränatale Untersuchungen aufgesucht. Dieses Service ist so gefragt, dass „Ärzte ohne Grenzen“ einen Geburtshelfer und eine Hebamme angestellt hat. Deren Arbeitspensum ist so groß, dass unser Chirurg schon routinemäßig für Einsätze in der Geburtschirurgie und für die Behandlung von Schwangerschaftskomplikationen herangezogen wird. Wir sind jederzeit darauf vorbereitet, lebensrettende Eingriffe, etwa abdominale Operationen, vorzunehmen.

Welche Voraussetzungen sollte ein Chirurg mitbringen, um in einem Krankenhaus wie „Bon Marché“ zu arbeiten?
Myers: Die Chirurgie hat sich in den entwickelten Ländern stark differenziert. Es kommt sehr selten vor, dass ein Chirurg routinemäßig Wundbehandlungen und Geburtschirurgie ausführt und gleichzeitig viszerale chirurgische Eingriffe durchführt. Der Hintergrund und die Ausbildung sind zwar gegeben, aber der Anwendungsbereich bleibt eingeschränkt. In den Industrieländern gibt es zudem genügend Zeit und Gelegenheiten, Experten zu konsultieren. Im Bon Marché-Krankenhaus ist der Chirurg ein „Allround-Experte“. In Europa werden viele Mittel für wenige Patienten aufgewendet – in Afrika müssen jedoch die eingesetzten Mittel und der Behandlungsumfang eingeschränkt werden. Ein in diesem Umfeld tätiger Chirurg muss ständig seine Arbeit überprüfen und hinterfragen. Das ist für viele ein oft unvertrautes und herausforderndes Terrain. Der Arzt muss über gute Fachkompetenz und ausreichende chirurgische Erfahrung verfügen. Er sollte mit ungewöhnlichen bzw. atypischen Tätigkeiten vertraut sein und sie auch gerne ausführen. In der Realität bedeutet das Geburtshilfe für einen orthopädisch geschulten Chirurgen. Neben den objektiven Qualifikationen ist also die Fähigkeit und der Wille, Wissen „zu geben und sich anzueignen“, die Schlüsselqualifikation für unsere Chirurgen.

Wo sehen Sie die Grenzen in der chirurgischen Arbeit im Bon Marché?
Myers: Die Arbeit eines Chirurgen hängt von seiner fachlichen Kompetenz, der Infrastruktur, seinen Mitarbeitern, dem Zeitrahmen und nicht zuletzt von der Prognose, die er für den Patienten erstellt, ab. Alle diese Parameter müssen berücksichtigt werden. Die Herausforderung für den Chirurgen besteht nun darin, die für seinen Patienten und im Rahmen seines Umfelds besten Methoden auszuwählen. So etwa kann eine komplizierte Rettung einer Extremität, die trotzdem unbrauchbar bleibt, sinnvoll sein, solange genügend Ressourcen vorhanden sind. Aber wenn die Behandlung zu viele Ressourcen verschlingt und dadurch die Heilungschancen vieler anderer Patienten vermindert wird, ist eine Grenze überschritten. Natürlich handelt es sich hierbei um keine selbstverständlichen oder allgemeingültigen Entscheidungen. Daher muss der Chirurg die wertvollen Ressourcen richtig nützen, er muss genaue Informationen zum medizinischen und kulturellen Kontext einholen, die Folgen seiner Maßnahmen einschätzen, seine Fähigkeit und die Leistungskapazität der Einrichtungen richtig bewerten und darauf achten, dass seine Kollegen in schwierige Entscheidungen eingebunden sind.
Wir sollten in der Lage sein, lebensrettende Aktionen mit einem akzeptablen Risiko anzubieten. Glücklicherweise hat „Ärzte ohne Grenzen“ den Handlungsspielraum für die Chirurgen klar vorgegeben. Alles Leiden kann leider nicht gelindert werden. Eingriffe, die das normale Maß überschreiten, sind jedoch durch das Vermögen des einzelnen Chirurgen, aber auch durch die allgemeine Leistungsfähigkeit der Organisation nur begrenzt möglich. Wir als Organisation können bestimmen, welche Leistungen ein Chirurg im Regelfall erbringen soll. Allerdings bitten wir den Chirurgen und seine Kollegen in den Krankenhäusern selbst einzuschätzen, wenn der erwartete Nutzen von außergewöhnlich ressourcenintensiven Problemen auf vernünftige Art und Weise nicht mehr sichergestellt werden kann. Diese Entscheidungen mögen die schwierigsten sein, aber sie sind auch ein Beweis für das Vertrauen, das wir in den Chirurgen haben.

Mag. Herbert Ofner, Ärzte Woche 22/2007

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