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Motto: „Wünsch dir was“

Wer hat den Trend, mit dem Messer nachzuhelfen, wenn man meint, von der Natur in seinem Äußeren benachteiligt zu sein, angestoßen? Und wo soll es hinführen, dass 18-Jährige zur Matura von ihren Eltern eine Brustvergrößerungsoperation geschenkt bekommen? Ein Symposium in Innsbruck will den Antworten auf diese Fragen ein Stück näher kommen.

Prof. Dr. Hildegunde Piza, Leiterin der Universitätsklinik für Plastische und Wiederherstellungschirurgie an der MedUni Innsbruck, ist Mitveranstalterin des Symposiums „Das Spiel mit dem schönen Körper“, das am Freitag und Samstag in der Tiroler Landeshauptstadt stattfindet. Mit der ÄRZTE WOCHE sprach die international renommierte Chirurgin über Schönheit, Wunschmedizin und ihre eigene Lust am Älterwerden.

Wer treibt das Spiel der schönen Körper?
Piza: Ich hoffe, dass wir das am Ende unserer Veranstaltung genau wissen. Meine Meinung ist, dass mit den Menschen gespielt wird. Freilich ist es fein, gut auszusehen, jeder sieht gern schöne Menschen an. Aber die Sucht nach Schönheit ist im Moment extrem. Wo soll das alles hinführen? Wer diktiert das? Warum kommen immer mehr junge Leute zum plastischen Chirurgen? Noch nie hatten die Menschen so viel Zeit, ihren Körper zu trainieren, zu pflegen, sich vernünftig zu ernähren, und trotzdem steigt die Anzahl jener, die, obwohl sie gesund und jung sind, die Medizin in Anspruch nehmen.

Wer ist da die treibende Kraft?
Piza: Es sind einerseits die Medien beteiligt, in Zeitschriften werden Bilder von Menschen veröffent­licht, die so gar nicht existieren, retuschierte Vorher-nachher-Vergleiche: Dr. Computer führt hinters Licht. Andererseits hat die Medizin im 20. Jahrhundert solche Fortschritte gemacht wie nie zuvor. Man braucht nur daran zu denken, wie schnell sich heute Menschen nach einer Herztransplantation erholen, oder dass man praktisch schmerzfrei operieren kann. Aber es gibt so viel Wunschmedizin. Früher ist man nur ins Krankenhaus gegangen, wenn man krank war. Heute wünscht man sich eine gerade Nase, eine größere Brust. Gerade bei den jungen Menschen muss aber noch etwas anderes im Spiel sein, wenn sie sich freiwillig einer Schönheitsoperation unterziehen.

Stehen die jungen Leute heute nicht unter einem enormen Druck?
Piza: Ja, das tun sie sicher. Und andererseits stacheln sie sich gegenseitig an, beispielsweise um Bier zu trinken. In der Schule stehen sie dann gemeinsam unter der Dusche und kritisieren einander, auch die Eltern kritisieren die Kinder, schenken ihnen zur Matura kein Auto, sondern eine Brustoperation. Dazu kommt, dass die Eingriffe heute finanzierbar sind. Manche Menschen nehmen dazu einen Kredit auf.

Inwieweit sind auch die Ärzte verantwortlich zu machen?
Piza: Ein bisschen Nachdenken tut sicher gut, etwa darüber, dass das schnelle Geld nicht das bleibende ist. Sicher ist es heute nicht einfach, eine Klientel aufzubauen, es gibt mehr Ärzte als vor 30 Jahren, aber nicht mehr Menschen. Ich finde den Weg gut, den man jetzt in Deutschland geht: Da übernehmen die Krankenkassen die Kosten nicht, wenn es nach einem ästhetischen Eingriff zu Komplikationen kommt, und darüber müssen die Ärzte aufklären. Auch bei uns gibt es von der Gesellschaft für Plastische Chirurgie Fortbildungskurse über Psychosomatik. Es ist wichtig, dass sich die Ärzte in die „Kunden“ einfühlen. Midlifecrisis und Eheprobleme sind sicher keine Indikationen für eine Schönheitsoperation.

Impliziert der Begriff Anti-Aging nicht, dass Älterwerden etwas Verbotenes ist?
Piza: Für mich existiert dieser Begriff nicht, ich finde ihn verrückt. Schließlich weiß niemand, wie alt er wird. Ich persönlich fühle mich pudelwohl, und die Jugend muss, so wie wir vor vielen Jahren, die Welt selbst gestalten.

Elisabeth Tschachler-Roth, Ärzte Woche 19/2007

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