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Diskussionen um ein neues Gesicht

Anfang letzter Woche durfte die Weltöffentlichkeit erstmals das Gesicht sehen, das zu einem Drittel von einer Toten stammt. Die 38-jährige Französin Isabelle Dinoire war durch die Attacken ihres Hundes schwer entstellt worden. Am 27. November 2005 hatte sie bei einer weltweit zum ersten Mal durchgeführten Transplantation von Gesichtsteilen Nase, Mund und Kinnpartie einer Organspenderin erhalten.

Das „zweite Leben“ der Isabelle Dinoire (die ÄRZTE WOCHE berichtete in der Ausgabe vom 15. Dezember 2005) löste eine Kontroverse über die Gesichtstransplantation unter plastischen Chirurgen aus. Das mag ein Grund sein, warum Dinoires Ärzte jetzt in die Offensive gehen: Sie hatten eine Pressekonferenz mit den Worten angekündigt, man wolle über den wissenschaftlichen Fortschritt sprechen, der mit dieser Transplantation verbunden sei. An der Frage, ob das kosmetische Operationsziel auch mit herkömmlichen Methoden hätte erreicht werden können, scheiden sich die Geister. Skeptisch äußert sich die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen, Prof. Dr. Marita Eisenmann-Klein aus Regensburg. Sie hätte für diese Patientin eine Gesichtsrekonstruktion mit Eigengewebe vorgezogen.

Zum Teil beurteilen Chirurgen das Verfahren sehr skeptisch

Prof. Dr. Walter Künzi, Leiter der Klinik für Wiederherstellungschirurgie am Universitätsspital Zürich, wird noch deutlicher. Er hält das Vorpreschen der französischen Kollegen zum jetzigen Zeitpunkt für ein medienwirksames Husarenstück. „Da die Frau ja offenbar bis auf das Gesicht unversehrt war, hätte man die Rekonstruktion des Gesichtes mit herkömmlichen Verfahren machen können, durch Verpflanzung freier Hautlappen von anderen Körperstellen.“ Ob die Gesichtstransplantation ein kosmetisch besseres Ergebnis bringe als die konventionellen Lappenplastiken, wie die Ärzte Prof. Dr. Bernard Devauchelle aus Amiens und Prof. Dr. Jean-Michel Dubernard aus Lyon, unter deren Leitung die Transplantation an der Universitätsklinik von Amiens in Frankreich durchgeführt worden war, argumentierten, müsse sich noch zeigen. Künzi: „Bislang ist nicht klar, wie gut Textur und Farbe der fremden Haut zu der der Patientin passen.“ Außerdem gebe es noch zu wenig Erfahrung mit Abstoßungsreaktionen bei der Verpflanzung fremder Haut. Die Immunsuppression müsse mindestens so intensiv sein wie nach einer Herz- oder Lungentransplantation und führe zu einem Krebsrisiko von 18 Prozent in fünf Jahren. Weniger kritisch sieht es Prof. Dr. Karsten Gundlach von der Universität Rostock. Der Chirurg hält das Vorgehen der französischen Kollegen für gerechtfertigt. „Im Gegensatz zu den meisten Verbrennungsopfern hatte diese Frau durch die Hundebisse auch einen großen Teil ihrer Gesichtsmuskulatur in der verletzten Region verloren“, sagt Gundlach. „Mit Eigengewebe hätte man die Muskelfunktion gerade im Bereich der Lippen, die ein wichtiges Ausdrucksmittel sind, nicht wiederherstellen können. Die Patientin hätte nie mehr die Lippen spitzen können zu einem Kuss oder zum Flötespielen. Die Frau hätte nie mehr den Mund breit ziehen können zu einem Lachen.“ Bei großflächigen Verbrennungen, die außer Unfallverletzungen ebenfalls als Indikation für Gesichtstransplantationen diskutiert würden, sei das anders. Brandwunden gingen meist nicht so tief wie die Fleischwunden der französischen Patientin, anders als bei ihr gebe es meist noch Muskelreste und Nervenfasern, die aus dem darunter liegenden Gewebe in das Transplantat aus Eigengewebe einsprießen könnten. Ob die Gesichtsteilverpflanzung tatsächlich eine Erfolgsstory ist, muss sich erst noch erweisen. Vom Erfolg der immunsuppressiven Therapie wird abhängen, ob die Patientin für den Rest ihres Lebens Freude am neuen Gesicht haben wird oder nicht. Denn Fremdhaut ist als Langzeittransplantat wegen der vielen Antigen-präsentierenden Zellen, die sie enthält, problematisch. Auch die erste, ebenfalls von Dubernard verpflanzte Hand, wurde abgestoßen, nachdem der Patient seine Medikamente nicht regelmäßig eingenommen hatte. Inzwischen leben aber 16 Patienten weltweit mit ganzen Unterarmen, Händen oder Handteilen von Toten. Wenn jedoch die Französin ihr zweites Gesicht durch Abstoßung verlöre, wäre das Risiko für lebensbedrohliche Komplikationen durch Infektionen hoch.

Weitere Transplantationen im Gesicht bereits geplant

Ob unkalkulierbares Wagnis oder konsequente Weiterentwicklung in der plastischen Chirurgie – der Startschuss für Gesichtstransplantationen ist gefallen. Auch in England, den Niederlanden, Spanien oder den USA werden sie seit Jahren geplant und sind inzwischen auch genehmigt worden mit der Einschränkung, dass andere Verfahren nicht in Frage kommen. Kandidaten gibt es offenbar viele, aber noch keine passenden Spender. Patientenorganisationen wie die britische Stiftung „Lets Face it“ kritisieren die Diskussion um ethische Bedenken. „Wenn Sie ertragen müssen, wie andere Menschen Sie anstarren, ist es schon ein wunderschöner Gedanke, durch eine solche Operation wieder Lebensqualität zu bekommen“, so Stiftungsgründerin Christine Pfiff.

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