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Nuklearmedizin ist kein Bilderschauen (Folge 29)

Mit den Methoden der Nuklearmedizin kann heute grundsätzlich jedes Molekül, jede Zelle radioaktiv markiert und im Organismus verfolgt werden. Auch der Weg, den Medikamente im Organismus nehmen, kann nachgegangen werden. Das spielt eine Rolle bei den klassischen Organuntersuchungen, aber auch in der Tumordia-gnostik sowie bei der Beurteilung atherosklerotischer Läsionen.

„Gefährlich ist das Fach nicht“, sagte Prof. Dr. Helmut Sinzinger, Stellvertretender Vorstand der Univ.-Klinik für Nuklearmedizin an der Medizinischen Universität Wien, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. „Sie müssen nur eine gewisse Sauberkeit im Umgang mit radioaktivem Material wahren, konsequent die Strahlenbelastung minimieren und sich an die Grenzwerte halten. Spannend ist das Fach, weil wir im Prinzip jede Zelle, jede körpereigene Substanz radioaktiv markieren und damit ihren Verlauf im Organismus monitieren können.“ Ein historisches, zugleich aber auch das einfachste Beispiel ist die Schilddrüsen-Szintigraphie. Dabei wird mittels radioaktivem Jod der Metabolismus der Schilddrüse dargestellt, um krankhafte Veränderungen zu eruieren. Radioaktiv markierte Antikörper werden routinemäßig diagnostisch und therapeutisch eingesetzt. Ebenso wie man schon lange Knochenmetastasen auffinden kann, können heute mittels spezieller Rezeptor-Tracer sogar spezifische Tumor-Rezeptoren szintigrafisch dargestellt werden. Auch den Weg, den verschiedene Blutzellen, aber auch Stammzellen im Körper nehmen, können die Nuklearmediziner heute bis ins Detail verfolgen.

Das Innenleben der Gefäße

Sinzinger selbst ist eher durch Zufall vor 35 Jahren zur Nuklearmedizin gekommen: „Ich habe an der Anatomie Gefäßanomalien studiert und begonnen, makroskopisch atherosklerotische Veränderungen zu erforschen.“ Dieses Thema hat sich vom „Hobby“ zur Berufung gewandelt. Heute arbeitet Sinzinger unter anderem daran, atherosklerotische Läsio-nen mittels nuklearmedizinischer Methoden darzustellen. Eine enge Verbundenheit besteht für ihn zwischen Nuklearmedizin und Stoffwechselerkrankungen, wie etwa Fettstoffwechselstörungen und Diabetes. „Wir können heute z.B. bei Diabetes-Patienten nuklearmedizinisch Perfusionsschäden im Herzmuskel frühzeitig nachweisen, lange bevor der Patient überhaupt klinische Probleme hat“, erklärt der Nuklearmediziner. Sein großes Interesse am Fettstoffwechsel und an der Atherosklerose führte schließlich auch zur Errichtung der Lipidambulanz an der Universitätsklinik für Nuklearmedizin der Medizinischen Universität Wien. Neue radioaktive Materialien, die bessere physikalische Eigenschaften als ältere Stoffe haben, konnten die relative Gefährlichkeit der nu­klearmedizinischen Maßnahmen deutlich verringern. Zu den großen Errungenschaften des Faches gehören für Sinzinger allerdings Möglichkeiten, wie etwa die Darstellung von Knochen- oder Hirnmetastasen, die heute mittels Szintillations-Detektoren durchgeführt werden können: „In meinen ersten Berufsjahren haben wir noch Strich-Szintigraphien gemacht. Der Vorgang dauerte Stunden, und wenn sich der Patient auch nur ein bisschen bewegt hat, ist das Bild ungenau geworden.“

Quantensprung durch Computertechnologie

Heute läuft alles computergesteuert, was z.B. auch die Anfertigung von Schichtaufnahmen (SPECT) ermöglicht. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Computer alle Antworten liefert. „Die Interpretation der Daten setzt ein ausgeprägtes funktionelles Verständnis voraus“, erläutert Sinzinger. „Nuklearmedizin ist nicht morphologisches Bilderschauen.“ Gefragt sei vielmehr die Auseinandersetzung mit der Kinetik und der Biochemie von Veränderungen. „Es ist nicht damit getan, bei der Befundung die vom Computer ausgespuckten Zahlen abzuschreiben“, so Sinzinger weiter. „Man muss die Bilder, Kurven und Zahlen interpretieren und in einen Zusammenhang bringen.“ Dies erfordert von jenen, die sich der Nuklearmedizin zuwenden wollen, ein hohes Maß an funktionellem Verständnis, biochemische und pharmakologische Kenntnisse, ausgeprägtes Wissen über Funktion und mögliche Fehlfunktionen der Organe, die nuklearmedizinisch untersucht werden, und ein nicht geringes technisches Interesse. Auch die Fähigkeit zur interdiszi­plinären Zusammenarbeit, etwa mit der Neurologie, der Onkologie, aber auch der Nephrologie und Kardiologie, ist unumgänglich.

Konsequenz und Wissensdurst

Der häufige Umgang mit radioaktiven Materialien erfordert zudem Genauigkeit, Konsequenz und Sauberkeit. „Man kann die Strahlenbelastung durch relativ einfache Vorsichtsmaßnahmen minimieren“, betont Sinzinger. „So kommt es beispielsweise bei therapeutischen Verfahren darauf an, wie die Spritze gehalten wird.“ Wird sie an der Spitze festgehalten, ist die radio-aktive Strahlung um ein Vielfaches höher, als wenn sie am hinteren Ende gehalten wird. Ähnliches gilt z.B. für Gespräche mit Patienten, die mit Radiojod behandelt wurden: „Da reicht es schon aus“, so Sinzinger, „einen Meter weiter zurück zu treten, um die Strahlenbelastung deutlich zu minimieren.“

Über den Tellerrand schauen

„Anwenden können sie nur das, was sie gesehen und gelernt haben“, betont Sinzinger und meint damit, dass Ärzte in Facharztausbildung nicht nur an ihrer Abteilung bleiben, sondern sich möglichst viele Einrichtungen, zumindest in Österreich, ansehen sollten. „Wenn jemand wissenschaftlich arbeiten will, gilt heute ein Auslandsaufenthalt ohnehin als unerlässlich“, rät Sinzinger. Nicht jede Institution bietet jede Diagnose- oder Therapiemethode an. Wer sich einen umfassenden Überblick verschaffen will, wird nicht darum herumkommen, seine Ausbildung in verschiedenen Institutionen zu absolvieren. Die Auswahl an Instituten ist in Österreich gar nicht so klein. Ein Blick auf die Website der Österreichischen Gesellschaft für Nuklearmedizin zeigt allein in Wien 13 nuklearmedizinische Abteilungen bzw. Institute. Universitätskliniken für Nuklearmedizin gibt es in Wien, Innsbruck und Salzburg. An der Universitätsklinik Graz besteht eine klinische Abteilung für Nuklearmedizin.

Ausbildung und Chancen

Die Ausbildung dauert vier Jahre. Pflichtnebenfächer sind zwölf Monate Innere Medizin und zwölf Monate medizinische Radiologie-Diagnostik oder Chirurgie, Frauenheilkunde, HNO, Haut- und Geschlechtskrankheiten, Innere Medizin, Kinder- und Jugendheilkunde, medizinische und chemische Labordiagnostik, Neurologie, Psychiatrie oder Urologie. Wahlnebenfächer gibt es nicht. „Schlecht“, ist die Antwort Sinzingers auf die Frage, wie es um die beruflichen Chancen fertig ausgebildeter Nuklearmediziner bestellt ist: „Die Nuklearmedizin ist ein relativ junges Fach. Kaum jemand in Führungsposition ist über 50 Jahre alt.“ Ein Nachrücken auf Oberarzt- oder gar Vorstandsstellen ist daher nur ausgesprochen selten möglich. Und die Niederlassung? Die erfordert zuallererst einmal eine Menge Geld – für Apparaturen, geeignete Räume und radioaktive Materialien. Sinzinger glaubt nicht, dass sich an dieser Situation in naher Zukunft etwas ändern wird: „Es ist nicht wirklich zu erwarten, dass die Zahl der nuklearmedizinischen Institutionen in nächster Zeit relevant ansteigen wird.“ Trotzdem würde der Nuklearmediziner keinem Interessierten von einer Ausbildung abraten: „Gerade weil die Nuklearmedizin ein so junges Fach ist, bietet sie jede Menge Entwicklungsmöglichkeiten und eine Vielzahl an Themen für die wissenschaftliche Arbeit.“

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE-WOCHE-Serie werden nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

 Facharztausbildung im EU-Ausland

Sabine Fisch, Ärzte Woche 6/2006

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