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Erstmals Gesichtsteile transplantiert

Bis Menschen wie in John Woos Actionthriller „Face/Off“ Gesichter tauschen können, ist es noch ein weiter Weg. Ob die Transplantation von Nase, Mund, Wange und Kinn tatsächlich erfolgreich war, wird sich erst in Monaten oder Jahren zeigen.

Immer wieder wurde in der letzten Zeit eine unmittelbar bevorstehende Gesichtstransplantation angekündigt. Allen voran ein US-Ärzteteam in Cleveland machte sich bereit, einem der zahlreichen Bombenopfer aus dem Irak ein neues Gesicht zu schenken. Am 27. November preschten überraschenderweise die Franzosen vor und wagten als Erste den riskanten Eingriff: In einer 15-stündigen Operation bekam eine 38-jährige Mutter zweier Kinder in Amiens Mund, Kinn, Teile der Wange und der Nase einer hirntoten Spenderin verpflanzt.
Die Französin war im Mai dieses Jahres von ihrem Hund angefallen worden. Von den Bissen trug sie so schwere Verletzungen davon, dass sie – abgesehen von der Verstümmelung – keine festen Speisen mehr zu sich nehmen konnte und Schwierigkeiten beim Sprechen hatte. Laut Pressecommuniqué der Universitätsklinik von Amiens, wo der Eingriff von einem 30-köpfigen Team aus Chirurgen, Anästhesisten, Hämatologen, Immunologen und Dermatologen unter der Leitung von Prof. Dr. Jean-Michel Dubernard und Prof. Dr. Bernard Devauchelle durchgeführt wurde, war Isabelle D. schon seit Juni psychologisch auf die Operation mit allen ihren möglichen Folgen vorbereitet worden.

Riskanter Eingriff

Bereits seit Ende der neunziger Jahre machen sich Transplantations- und Plastische Chirurgen Gedanken darüber, wie nach Unfällen oder Terroranschlägen im Gesicht verstümmelten Menschen zu helfen sei. „Eine Rekonstruktion mit eigenem Gewebe bliebe immer ein Flickwerk“, so Prof. Dr. Hildegunde Piza, Vorstand der Innsbrucker Universitätsklinik für Plastische und Wiederherstellungschirurgie. Die guten Erfolge bei Handtransplantationen – vor allem jener, die das Innsbrucker Team im Jahr 2000 am Bombenopfer Theo Kelz durchführte – haben die Mikrochirurgie ein ganzes Stück weitergebracht und beflügelten Operateure auf der ganzen Welt, sich intensiver mit der Problematik der Gesichtstransplantation auseinander zu setzen. „Dieser Zug war im Fahren, man konnte ihn nicht aufhalten“, so Piza.
Freilich ist es noch ein weiter Weg, bis es wie in dem Actionthriller „Face/Off“ aus dem Jahr 1997 möglich sein wird, dass zwei Menschen die Gesichter tauschen. Klar ist, dass Verpflanzungen im Gesicht medizinisch überaus risikoreich sind; zudem ist nicht vorherzusagen, wie der Operierte danach tatsächlich aussehen wird. Die technische Machbarkeit haben die französischen Ärzte jetzt gezeigt. Allerdings stoßen die Mediziner auf die besondere Schwierigkeit, dass im Gesicht viele Muskeln und Nerven sitzen, die nicht nur zur Mimik notwendig sind, sondern auch zum Essen, Trinken und Sprechen.

Wichtige Sauerstoffversorgung

Unabdingbar für das Wiederherstellen der Motorik ist, dass das transplantierte Muskelgewebe nicht zu lange ohne Sauerstoff bleibt. Diese so genannte Anoxämie-Zeit darf allerhöchstens vier Stunden betragen. Ist das Gewebe länger unterversorgt, ist eine Reinnervation nicht mehr möglich. Das setzt eine bis ins kleinste Detail geplante Operationsorganisation voraus. Wie der Transplantationschirurg Dubernard anlässlich der Pressekonferenz am vorvergangenen Freitag sagte, zirkulierte das Blut in den übertragenen Gesichtsteilen vier Stunden nach Beginn der Operation wieder normal. Fünf Tage nach dem Eingriff habe Isabelle D. bereits wieder sprechen, pürierte Speisen und Erdbeeren zu sich nehmen können. Ob sie in den transplantierten Gesichtspartien annähernd dieselbe Empfindlichkeit haben werde wie zuvor, sei laut Kiefer- und Gesichtschirurgen Devauchelle aber erst in vier bis sechs Monaten feststellbar.

Unkalkulierbare Gefahr

Die größte Hürde stellt jedoch die Abstoßungsreaktion dar. Noch nach Jahren kann das fremde Gewebe vom Immunsystem attackiert und zum Absterben gebracht werden. Um das zu verhindern, muss die Patientin lebenslang Medikamente nehmen, die insgesamt die Körperabwehr schwächen. Die französischen Ärzte gingen noch einen Schritt weiter und injizierten Isabelle D. Stammzellen aus dem Knochenmark der Spenderin. „Ziel ist, dass die fremden Zellen sozusagen eine Partnerschaft mit den körpereigenen eingehen“, erläutert Piza diese Maßnahme, die laut Prof. Dr. Manfred Frey, Leiter der Klinischen Abteilung für Plastische und Rekonstruktionschirurgie am Wiener AKH, erst im experimentellen Stadium ist und deren Anwendung „derzeit als bedenklich verfrüht“ einzustufen sei. Die notwendige Immunsuppression ist es, die Frey in Treffen führt, wenn er mahnt: „Die Folgewirkungen – Lebensverkürzung, Induktion bösartiger Tumore, Diabetes – sind noch nicht beherrschbar. Man hätte ein paar Jahre zuwarten sollen, denn es gibt auch Entwicklungen auf diesem Gebiet.“ Gerade die Gesichtsmuskulatur sei ein sehr immunaktives Gewebe, die Gefahr einer Abstoßung entsprechend hoch.

Ein Fremder im Spiegel

Seit Jahren wird aber auch noch über andere Probleme diskutiert: über die psychischen Folgen einer solchen Transplantation und über Fragen der Ethik. Die einen bringen vor, die Transplantierten würden nach erfolgter Operation durch das fremde Aussehen eine Persönlichkeitsveränderung durchmachen. Frey: „Das Gesicht ist das Resultat einer Lebensgeschichte und macht die Persönlichkeit aus. Beim Blick in den Spiegel sieht man dann die Züge eines Fremden.“ Andere argumentieren, dass die Betroffenen durch ihren Unfall bereits ihr Gesicht und damit ihre Identität verloren haben. Und aufgrund der wenig einfühlsamen Reaktionen ihrer Mitmenschen bisweilen auch ihre Würde. „Diese Menschen stehen unter enormem psychischen Druck“, weiß Piza. Man sieht sie nicht auf der Straße, denn sie leben zurückgezogen.
Beim Anblick von Bombenopfern, von deren Gesicht nichts mehr übrig sei außer Augen und Zähnen, „bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es vertretbar ist, den Versuch einer Transplantation zu machen“, sagte Prof. Dr. Marita Eisenmann-Klein, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekon­struktiven und Ästhetischen Chirurgen, anlässlich der Jahrestagung der Fachgesellschaft in München. Die Umstände des Unfalls von Isabelle D. sind noch nicht geklärt. Vor allem in der englischen Presse werden Gerüchte kolportiert, wonach die Frau einen Selbstmordversuch begangen haben und nach einer Überdosis Schlaftabletten ohnmächtig gewesen sein soll, als ihr Hund sie biss. Das werfe laut Sunday Times die Frage auf, ob sie über jene psychische Stabilität verfüge, die von diversen Ethikkommissionen als Grundvoraussetzung vor allem für eine Gesichtstransplantation gefordert wird.
Der Operateur Dubernard kam diesbezüglich schon einmal in die Schlagzeilen, als er 1998 die zweite Handtransplantation durchführte (die erste erfolgte bereits in den sechziger Jahren), der Patient drei Jahre später jedoch auf einer Amputation beharrte, weil er psychisch nicht damit zurecht kam, mit den Händen eines Toten zu leben. „Die Frage ist auch“, gibt Frey zu bedenken, „ob die Patientin wirklich die Problematik der lebenslänglichen Immunsupression gegen die Qualitätsdifferenz zwischen herkömmlichen Rekonstruktionsverfahren und der Teil-Gesichtstransplantation abwägen konnte, als sie zustimmte.“ Im französischen Ärzteteam sind jedenfalls auch Psychiater, die Isabelle D., aber auch die Angehörigen der Spenderin weiter betreuen werden.

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