zur Navigation zum Inhalt
Foto: APA-Fotoservice / Thomas Preiss
Doz. Dr. Annemarie Schratter-Sehn, Institut für Radioonkologie, Kaiser-Franz-Josef-Spital/ SMZ-Süd, Wien

Aktuelle Therapieoptionen bei fortgeschrittenen HNO-Tumoren Kornek, Gabriela Hrsg. 160 Seiten, € 40,90 Uni-Med Science, 2007 ISBN 9783895992841

 

Aktuelle Entwicklungen der Strahlentherapie

Kopf-Hals-Tumoren werden zunehmend erfolgreich multimodal behandelt. Vor allem dank moderner Radioonkologie.

Mittels intensitätsmodulierter Strahlentherapie ist es möglich, höhere Strahlendosen an das Zielgebiet zu bringen und gleichzeitig benachbarte sensible Gewebe zu schonen. Durch die weniger belastende Strahlentherapie ist eine Kombination mit Chemotherapie besser durchführbar.

 

Die Strahlentherapie ist nach der Chirurgie die erfolgreichste und auch am häufigsten eingesetzte Behandlungsform bei malignen Erkrankungen im Hals-Nasen-Ohrenbereich. In vielen Fällen kann durch die Bestrahlung, sei es primär oder postoperativ, eine mit Organverlust verbundene Operation vermieden werden.

Typisch für die konventionelle Strahlentherapie ist, dass alle Bestrahlungsfelder eine konstante Intensität haben. Das bedeutet, dass, wenn man den Therapiestrahl im Querschnitt betrachtet, an jedem Punkt dieses Feldes die Strahlungsintensität gleich hoch ist. Gerade im Hals-Nasen-Ohrenbereich, wo kompliziert geformte Tumoren in der Nähe von gesunden Geweben, den sogenannten Risikoorganen, liegen, stoßen diese konventionellen Techniken an ihre Grenzen.

Durch die intensitätsmodulierte Strahlentherapie (IMRT) ist es möglich, kompliziert geformte Tumore in hochsensiblen Bereichen zu bestrahlen und gleichzeitig benachbarte Risikoorgane und Gewebsstrukturen deutlich besser zu schonen.

Technische Anforderungen der IMRT

Für diese Technik benötigt man Linearbeschleuniger, die durch computergesteuerte Strahlenblenden (Multi-Leaf-Collimatoren) ein bestimmtes Zielgebiet mit unterschiedlicher Intensität bestrahlen oder aussparen können. Computergesteuert grenzen Lamellen das Bestrahlungsfeld ein und erlauben eine millimetergenaue individuelle Anpassung des Photonenstrahls an die anatomischen Gegebenheiten der Bestrahlungsregion.

Für die Bestrahlungsplanung ist eine aufwändige Software nötig. Diese sogenannte inverse Strahlentherapieplanung unterscheidet sich von der konventionell eingesetzten dreidimensionalen Planung dadurch, dass entsprechend der medizinischen Erfordernisse eine Solldosis für das Bestrahlungsvolumen (Tumor oder Tumorzielgebiet) sowie Toleranzdosen für die Risikoorgane im umliegenden Nachbarbereich vorgegeben werden. Durch die intensitätsmodulierte Strahlentherapie lässt sich eine deutliche Homogenisierung im Tumor oder in der Tumorregion bei Verminderung der Dosis in Risikoorganen erzielen. Damit wird es möglich, die Solldosis im Tumorzielgebiet bei IMRT höher anzusetzen, als bei der konventionellen Therapieplanung.

Planungsvarianten

Bei der IMRT können unterschiedliche Vorgangsweisen gewählt werden, je nach Tumorlokalisation, Ausdehnung und Notwendigkeit der Dosisverteilung im Tumor- bzw. Tumorzielgebiet und Operationssitus. So bietet die Dosepainting-Planung eine homogene Dosisverteilung in einem gewählten Tumorzielgebiet und eine festgelegte Dosisverminderung in einem kritischen Nachbarorgan. Diese Variante ist z.B. die Technik der Wahl bei der postoperativen Radiotherapie, bei der es keine definierte Tumorregion, jedoch ein zu bestrahlendes Zielgebiet gibt.

Die sogenannte IMRT mit simultanem integrierten Boost (SIB) gewährleistet eine Dosiserhöhung im Tumorzielgebiet bei niedrigeren Dosierungen in den subklinischen Tumorbereichen. Dies ermöglicht eine Verkürzung der Gesamtbehandlungszeit und eine Dosissteigerung im Tumor bei gleichzeitig besserer Verträglichkeit.

Schonung sensibler Strukturen

Eine Reihe von Vergleichsstudien konnten mittels 3D-konformaler- und IMRT-Bestrahlungsplanung im HNO-Bereich die verbesserte Dosishomogenität im Bereich des Planungszielgebietes und Dosisreduktion im Bereich kritischer Strukturen beweisen. So konnte der klare Behandlungsvorteil durch die IMRT bei Tumoren im Bereich der Nase und der Nasen-Nebenhöhlen festgestellt werden. Patienten mit Tumoren in der sinonasalen Region benötigen eine sehr hohe Strahlendosis, um eine lokoregionale Kontrolle zu erreichen. Die unmittelbare Nähe sehr sensibler Nachbarstrukturen – Auge und Sehnerv – führt bei konventioneller Bestrahlung in bis zu 25 Prozent der Patienten zu Retinopathien und zur Erblindung eines Auges. Durch die Schonung der kritischen Nachbarstrukturen führt die IMRT wesentlich seltener zu Einschränkungen des Sehens.

Bei Tumoren im Mundhöhlen- und Schlundbereich, wie auch bei solchen des Nasen-Rachenraums sind die Speicheldrüsen eine gefährdete, sensible Struktur. Bei konventioneller Bestrahlung ist ein reduzierter Speichelfluss eine häufige, die Lebensqualität einschränkende Nebenwirkung. Mit der IMRT können die Speicheldrüsen besser geschützt und dadurch Beschwerden beim Schlucken, Sprechen und Atmen verhindert werden.

Zusammenfassung

Die IMRT ist eine Hochpräzisionstechnik, die durch einen hochtechnischen, medizinischen und zeitaufwändigen Einsatz des Strahlenteams bei Tumoren im HNO-Bereich sowohl Verbesserungen in der Lokalkontrolle als auch in der Verträglichkeit ermöglicht. Durch die IMRT sollte in Zukunft die Kombination mit Chemotherapie vermehrt Einsatz finden. Die IMRT führt seltener zu Spätfolgen. Dadurch können die Lebensqualität erhöht und psychosoziale Probleme reduziert werden.

 

Quellen: Hintergrundinformationen der Pressekonferenz der Arbeitsgemeinschaft Medikamentöse Tumortherapie am 4. März 2011, Wien. Siehe auch Literaturhinweis.

Intensitätsmodulierte Strahlentherapie IMRT
Vorteile der IMRT im Hals-Nasen-Ohrenbereich
• Dosishomogenisierung in der Tumorregion
• Dosiserhöhung im Tumorbereich
• Dosisreduktion in den strahlenempfindlichen Nachbarorganen und damit eine Reduktion der Nebenwirkungen
• Biologische Strahlentherapieplanung

Nachteile der IMRT im Hals-Nasen-Ohrenbereich
• korrekte millimetergenaue individuelle Lagerung mit individueller Immobilisation
• komplexe Technik mit den entsprechenden Anforderungen an Hard- und Software
• entsprechender Ausbildungsstand für Ärzte, Radiologietechnologen und Medizinphysiker

Von Doz. Dr. Annemarie Schratter-Sehn, Ärzte Woche 15 /2011

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben