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Neurologie 21. Mai 2008

Schwindlige Wendehälse

Ein funktionierendes Gleichgewicht und die problemlose Orientierung im Raum sind für den Menschen eine Grundvoraussetzung im alltäglichen Leben. Vestibuläre Reize des Alltags werden nicht wahrgenommen. Stärkere Erregungen, die durch ungewohnte Reize wie beim Fliegen, bei der Schifffahrt oder auf der Hochschaubahn ausgelöst werden, lassen die Gleichgewichtsfunktion in den Vordergrund treten. Inwiefern die Halswirbelsäule an Schwindelbeschwerden beteiligt sein kann, ist nicht ganz unumstritten.

Außergewöhnliche Reize können einerseits als angenehm-lustig (Hochschaubahn) und als unangenehm-belastend (Seekrankheit) empfunden werden. Störungen der Gleichgewichtsfunktion mit Verlust der Raumorientierung, also Schwindel, lösen starke vegetative Symptome wie Übelkeit und Erbrechen aus und werden daher als extrem belastend empfunden. Diese Störungen werden durch einen Konflikt der am Gleichgewicht beteiligten Sinnesorgane ausgelöst. Dies kann einerseits durch eine unphysiologische Reizung entstehen (Kinetosen), andererseits durch eine pathologische Störung eines dieser Sinnesorgane.
Das Gleichgewicht und die Raumorientierung werden durch folgende Komponenten aufrecht erhalten: das optische System, das Hörorgan, das Labyrinth und die Somatosensorik (mit den Proprio­rezeptoren und dem Drucksensoren in der Fußsohle). Die Informationen dieser Komponenten werden im menschlichen Gehirn verarbeitet, wobei hier das Kleinhirn eine große Rolle spielt. Über die vestibulookulären und vestibulospinalen Regelkreise werden die Stabilisierung und die Beibehaltung des Blickfeldes sowie die Aufrechterhaltung des Körpers reguliert. Pathologische oder unphysiologische Prozesse in einer dieser Komponenten führen zu einer Störung der „Datenverarbeitung“ im Gehirn und bedingen das Symptom Schwindel.

Erste Versuche bereits vor rund hundert Jahren

Über die Bedeutung der Halswirbelsäule (HWS) in der Entstehung von Schwindelbeschwerden besteht in der Literatur Uneinigkeit. Da das Symptom Schwindel durch viele unterschiedliche periphere oder zentrale Funktionsstörungen ausgelöst werden kann, ist die Zuordnung des pathologischen Prozesses zu einem anatomischen Korrelat nur selten sicher möglich. Der Einfluss von Halsbewegungen auf die Gleichgewichtsfunktion wurde bereits in den Anfängen des 20. Jahrhunderts von Barany, Magnus und Barre beschrieben.
Die Beschreibung des Nystagmus zervikalen Ursprunges geht auf Philipszoon zurück, der auch zeigen konnte, dass der zervikale Nystagmus nach Durchtrennung des Rückenmarks in Höhe des Foramen magnum oder nach Durchtrennung der hinteren Wurzeln von C1 bis C5 nicht mehr auslösbar ist. Moser hat schließlich eine Untersuchungsanordnung zur Objektivierung des Nystagmus zervikalen Ursprungs etabliert, indem der Kopf des Patienten durch eine Hilfsperson fixiert wird und unter elektronystagmographischer Aufzeichnung der Körper auf dem Pendelstuhl um jeweils 60° in beide Richtungen gependelt wird. Wird durch die Pendelung ein Nystagmus ausgelöst, so spricht man von Zervikalnystagmus. Dieser ist gegen den jeweiligen Sinn der Drehung des Sessels gerichtet und verhält sich damit im Gegensatz zur Pendelprüfung, bei der bei Rechtspendelung ein Rechtsnystagmus und umgekehrt ausgelöst wird. Durch die manuelle Fixierung des Kopfes sind hier jedoch auch Fehlerquellen möglich. Zur weiteren Unsicherheit in der Diagnostik trägt der Umstand bei, dass ein negativer Zervikalnystagmus den zervikogenen Ursprung der Schwindelsymptomatik keineswegs ausschließt.

Die Suche nach dem richtigen Auslöser

Durch die Komplexität des Gleichgewichtssystems ist eine exakte Diagnosestellung, die durch harte Fakten unterlegt ist, schwierig zu bewerkstelligen. Durch eine ausführliche Anamnese lassen sich jedoch meist schon richtungweisende Fakten erheben, die eine Unterscheidung in zentralen, peripher-vestibulären oder HWS-bedingten Schwindel zulassen. Im Falle des HWS-bedingten Schwindels ist es meist die schlechte Arbeitshaltung (Arbeit am PC), kombiniert mit einem unüblichen Bewegungsablauf (meist banale Überkopf-Arbeiten wie Fensterputzen oder Decke streichen), welche den entscheidenden Hinweis geben kann. Werden im HWS-Funktionsröntgen entsprechende Blockierungen gefunden, so ist eine manualmedizinische Therapie mit anschließender Physiotherapie der Schlüssel zum Erfolg. Parallel dazu müssen jedoch andere potenzielle Ursachen durch entsprechende Untersuchungen ausgeschlossen werden.

Prof. Dr. Christian Walch ist an der Klinischen Abteilung für Neurootologie, HNO-Klinik, MedUni Graz, tätig.

 Entstehungstheorien HWS-Schwindel

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