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Neurologie 7. Mai 2008

Fettreiche Nahrung hilft

Wissenschaftler am Universitätsklinikum Ulm haben herausgefunden, dass erbliche Veränderungen eines Zuckertransportmoleküls Bewegungsstörungen verursachen können, die nur bei dauerhafter körperlicher Belastung auftreten. Hilfe bietet den Betroffenen eine fettreiche Ernährung. Ihre Erkenntnisse veröffentlichten die Wissenschaftler am 1. Mai im Journal of Clinical Investigation. Damit das Gehirn arbeiten kann, braucht es Energie – vor allem in Form von Traubenzucker. Auf seinem Weg vom Blut ins Hirn muss der Traubenzucker die Blut-Hirn-Schranke überwinden, und dabei hilft ihm ein hoch spezialisierter Glucose-Transporter. Die Wissenschaftler um Prof. Dr. Holger Lerche, Leiter der Epileptologie der Universitätsklinik für Neurologie in Ulm, haben einen vererbbaren Defekt an dem Transporter entdeckt und seine Wirkungsweise untersucht.
Verbrauchen Menschen mit diesem Defekt etwa bei sportlicher Betätigung besonders viel Energie, kann der Glucose-Transporter die Nervenzellen im Gehirn nicht mehr ausreichend mit Energie versorgen. „Da die Nervenzellen auch für die Koordination von Bewegungsabläufen zuständig sind, leiden die Betroffenen unter Bewegungsstörungen, die ihren Alltag massiv einschränken“, erklärt Professor Lerche. Der Defekt kann im Weiteren außerdem zu einer Verzögerung der Entwicklung, zu Epilepsie und Blutarmut führen.
Hilfe bietet den Betroffenen eine fettreiche Ernährung. „Dabei macht man sich zu Nutze, dass sich das Gehirn im Hungerzustand innerhalb weniger Tage vom Energieträger Traubenzucker auf den Verbrauch von Ketonkörpern umstellt“, erklärt Lerche. „Bietet man nun eine fettreiche Ernährung an, so lässt sich das Gehirn überlisten und ernährt sich von Ketonkörpern. Die Nervenzellen werden wieder ausreichend versorgt, die Bewegungsstörungen verschwinden.“ Bei einer von dem Gendefekt betroffenen Familie verbesserten sich dank der durch die neuen Erkenntnisse der Wissenschaftler eingeleiten Ernährungsumstellung die Entwicklung der Kinder, auch die bis dahin nicht behandelbaren epileptischen Anfälle verschwanden.
Die Wissenschaftler fanden außerdem heraus, dass der Gendefekt auch zu Anämie führen kann: Das gleiche Eiweiß, das für den Traubenzuckertransport ins Gehirn zuständig ist, transportiert auch Traubenzucker in die roten Blutkörperchen. Der Gendefekt macht das Transporteiweiß durchlässig für Ionen. Insbesondere Kalziumionen können dadurch ungehindert in die roten Blutkörperchen einströmen und zu deren Absterben führen.
Durch das Verständnis solcher erblichen Defekte erhoffen sich die Wissenschaftler langfristig bessere Behandlungsmöglichkeiten für Bewegungsstörungen, Epilepsie und ähnliche Erkrankungen des Nervensystems. Zudem wollen sie der Vermutung nachgehen, dass solche Defekte der Glucose-Transporter viel häufiger sein könnten, als bisher angenommen.

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