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Neurologie 10. Juli 2008

Tablette gegen Multiple Sklerose

Die Substanz Laquinimod, die täglich in Tablettenform eingenommen werden kann, verringert offenbar die Zahl der Entzündungsherde im Gehirn um rund 40 Prozent. Eine willkommene Option, denn erstmals gibt es hiermit eine Behandlungsmöglichkeit für die Multiple Sklerose ohne Injektion. Das ist das Ergebnis einer Phase-II-Studie mit 306 Patienten im Alter von 18 bis 50 Jahren, an der 51 Zentren in neun Ländern beteiligt waren (The Lancet, 2008; 371: 2085-2092). Der Hintergrund: Mit Beta-Interferon, Glatirameracetat, den bei schweren Fällen verwendeten monoklonalen Antikörpern Natalizumab und dem Chemotherapeutikum Mitoxandrin stehen bisher ausschließlich Medikamente zur Verfügung, die gespritzt werden müssen. Die am häufigsten verwendeten Präparate – Beta-Interferon oder Glatirameracetat – reduzieren die Krankheitsschübe bei der Multiplen Sklerose um rund ein Drittel und können die Entwicklung einer Invalidität aufschieben.
Ein israelisches Pharmaunternehmen hat nun eine immunmodulierende Substanz zur Behandlung der Multiplen Sklerose entwickelt. Es handelt sich um Laquinimod, welches entzündungshemmend wirkt, indem es die überschießende Immunantwort bei den Patienten von den TH1-Lymphozyten zu einer der TH2-Lymphozyten verändert. Die Entwicklung einer chemisch ähnlichen Substanz (Linomid) wurde vor allem wegen des Auftretens von Herz-Komplikationen eingestellt.
Prof. Dr. Giancarlo Comi vom Institut für Experimentelle Neurologie der Universität Vita-Salute in Mailand und sein internationales Team testeten zwei unterschiedliche Dosierungen von Laquinimod (täglich 0,3 oder 0,6 Milligramm in Tablettenform pro Tag) im Vergleich zum Placebo bei insgesamt 306 Patienten mit schubförmiger Multipler Sklerose. Die drei Patientengruppen waren annähernd gleich.
Die Untersuchung wurde 36 Wochen lang durchgeführt. Als Parameter wurde die Zahl der für Multiple Sklerose typischen Entzündungsherde im Gehirn gewählt. Sie kann man durch wiederholte Magnetresonanztomografien bestimmen. Bei der letzten Magnetresonanzuntersuchung wiesen jene Patienten, die 0,6 Milligramm der Substanz erhalten hatten, im Durchschnitt 2,6 Entzündungsherde im Gehirn auf, die Placebo-Patienten hingegen im Durchschnitt 4,2. Das war eine Reduktion um knapp über 40 Prozent. Die geringere Dosierung mit 0,3 Milligramm Laquinimod hatte jedoch offenbar keinen Effekt.
Das bedeutet zwar noch keine Verhinderung von Multiple-Sklerose-Schüben, aber die Zahl und die Größe der Entzündungsherde im Gehirn von Patienten werden als Marker für die Krankheitsaktivität angesehen. Beide Dosierungen des Medikaments wurden gut vertragen, von zwei ernsten, jedoch umkehrbaren Nebenwirkungen abgesehen. Ein Teilnehmer zeigte erhöhte Leberenzymwerte. Ein anderer hatte eine erbliche Thrombophilie und erlitt ein Budd-Chiari-Syndrom, einen teilweisen Verschluss der Lebervenen. Nutzen und Risiken der Laquinimod-Therapie werden nun in einer breit angelegten internationalen Phase-III-Studie intensiver erforscht.

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