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Neurologie 15. Mai 2007

Wenn das Gehirn versagt, wird´s teuer

Wenn sich Ende Mai internationale Experten anlässlich des Neurologenkongresses BrainDays am Neusiedler See ihr jährliches Stelldichein geben, werden topaktuelle Themen und neueste Erkenntnisse aus dem Bereich der Neurologie diskutiert. Ein Aspekt, der immer deutlicher in die Diskussion einfließt, sind die Kosten.

Steigende Lebenserwartung und verringerte Kinderzahl sind für den demografischen Wandel Österreichs in Richtung „Seniorenstaat“ausschlaggebend. Derzeit ist ein Fünftel der rund 8,1 Millionen Österreicher über 60, dieser Anteil wird auf ein Drittel im Jahr 2030 steigen. Bei den über 80-Jährigen ist der Zuwachs noch stärker: Während die Zahl der Menschen in dieser Altersgruppe 2001 bei knapp 300.000 liegt, wird sie im Jahr 2020 auf 460.000 bzw. auf 738.000 im Jahr 2040 steigen. Ähnliche Zahlen werden auch aus ganz Westeuropa berichtet.

Neun Milliarden Euro jährlich

Neurologische bzw. psychiatrische Erkrankungen schlagen in Österreich jährlich mit rund neun Milliarden Euro zu Buche. Bei den Gesamtkosten zählen in der Psychiatrie affektive Erkrankungen (z.B. Depressionen), Angsterkrankungen und Psychosen neben Suchterkrankungen zu den Kostentreibern. Aus dem Blickwinkel der Neurologie führt Migräne vor Schlaganfällen und Epilepsien das Ranking an. Insgesamt gesehen verbrauchen Erkrankungen des Gehirns einen Anteil von vier Prozent des österreichischen Bruttonationalprodukts – auf die einzelne Bürgerin bzw. den einzelnen Bürger umgerechnet bedeutet dies einen Betrag von 1.090 Euro pro Jahr.

Düstere Prognosen

Betrachtet man jene Erkrankungen des Nervensystems genauer, die eine enge Bindung an ein höheres Lebensalter aufweisen, wie z.B. Alzheimer, Schlaganfall, Parkinson, aber auch Epilepsien oder chronische Nervenschmerzen, so sehen die Prognosen düster aus: In Zukunft werden diese Diagnosen nämlich bei einem weit größeren Anteil der alten und hochbetagten Menschen gestellt werden, als es derzeit der Fall ist. Besonders dramatisch zeigt sich die Situation am Beispiel Demenz: Waren im Jahr 1951 geschätzte 35.000 Personen betroffen, so sind es heute etwa 100.000, bis zum Jahr 2040 wird sich die Zahl auf ca. 240.000 erhöhen. Dabei werden diese Erkrankungen das weibliche Geschlecht in absehbarer Zeit noch ausgeprägter betreffen: „Innerhalb der Gruppe der alten Menschen werden in Zukunft durch ein Überwiegen der Frauen aufgrund der höheren Lebenserwartung diese Erkrankungen eine geschlechterspezifische Ausprägung erhalten. So kommen auf 100 Frauen über 60 Jahre nur 66 Männer im gleichen Alter. In der Gruppe über 75 Jahre beträgt das Geschlechterverhältnis 100 Frauen zu 44 Männer. In der Altersgruppe der über 85-Jährigen schließlich erhöht sich der Schlüssel auf 3 zu 1“, weiß der Neurologe und wissenschaftliche Leiter der BrainDays, Prim. Dr. Andreas Winkler, Leiter der Neurogeriatrischen Abteilung am Haus der Barmherzigkeit in Wien. Welche Szenarien in Zukunft nun tatsächlich eintreten werden und wie sich diese Entwicklungen beeinflussen lassen, ist derzeit noch ungewiss. Sicher ist jedenfalls, dass ein Umdenken im Gesundheitssystem – weg vom reinen Behandlungsgedanken hin zur Früherkennung, Prävention und Aufklärung – notwendig sein wird. Diese Themen sind es auch, die sich im Zentrum des wissenschaftlichen Programms bei den diesjährigen BrainDays wiederfinden. Die Mediziner weisen darauf hin, dass bereits heute die Weichen dafür gestellt werden müssen: Durch den Einsatz präventiver Maßnahmen, Screeningmethoden und einer frühzeitigen Diagnostik stehen wirksame Strategien zur Verfügung, die Zukunft bereits heute aktiv mitzugestalten. Hierin liegt auch der wachsende Stellenwert der Allgemeinmediziner begründet, da sie als erste Anlaufstelle im Gesundheitssystem wichtige präventive Akzente setzen können.

Höherer Stellenwert

Für das medizinische Management der zunehmend häufiger auftretenden Erkrankungen des Gehirns werden aber insbesondere spezialisierte Fächer, wie die Neurologie und Psychiatrie, an Stellenwert gewinnen: Es ist absehbar, dass neben einer Stärkung des geriatrischen Fachbereiches insgesamt auch eine spezifische medizinische Fachkompetenz in Form der Neurogeriatrie und Gerontopsychiatrie vermehrt Bedeutung erlangen wird. Eine der effektivsten medizinischen Hilfen stellt der gezielte und frühzeitige Einsatz wirksamer Medikamente dar: Sie können beitragen, die verlängerte Lebensspanne mit mehr Lebensqualität zu füllen. Am Beispiel Demenz wurde nachgewiesen, dass Antidementiva nicht nur das Fortschreiten der Erkrankung um ein bis eineinhalb Jahre verzögern, sondern auch die Ausprägung belastender Symptome, die letztendlich für die Einweisung in Pflegeheime hauptverantwortlich sind, deutlich reduzieren können.

Indirekte Folgekosten

Dabei ist es erwähnenswert, dass Medikamente lediglich drei Prozent an den Gesamtkosten zerebraler Erkrankungen verursachen. Etwa die Hälfte der Gesamtkosten (mehr als vier Milliarden Euro) entstehen durch indirekte Folgekosten wie Krankenstände, frühzeitige Pensionierungen, Produktivitätsverlust oder frühzeitigen Tod.

BrainDays 2007
Internationale Neuro-Geriatrie-Fortbildungswoche, 20.–25. Mai 2007, Rust
www.braindays.at

Quelle: Presseaussendung von x3 projects

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