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Neurologie 31. Mai 2007

Die Schrecken der Kindheit

Posttraumatische Belastungsstörungen verändern Hirnstrukturen betroffener Kinder nachhaltig, behauptet eine rezente amerikanische Studie.

Die Wissenschafter um Prof. Dr. Victor Carrion von der Stanford University berichten, dass bei betroffenen Kindern eine Gehirnregion, in der Erinnerungen und Emotionen verarbeitet werden, an Volumen abnimmt. (Carrion et al. Pediatrics 2007; 119). Die Forscher vermuten, dass eine erhöhte Konzentration des Stresshormons Cortisol diese Degeneration verursacht - eine These, die in der Wissenschaft allerdings nicht allgemein anerkannt ist.

Nach dem Trauma

Für ihre Studie untersuchten die Wissenschaftler 15 Kinder im Alter zwischen sieben und 13 Jahren. Alle Teilnehmer litten als Folge sexueller Misshandlungen, Gewalt oder längerer Isolation an Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS). Die Posttraumatische Belastungsstörung fasst verschiedene psychische und psychosomatische Symptome zusammen, die als Langzeitfolgen eines Traumas oder mehrerer Traumata auftreten können, dessen oder deren Tragweite die Strategien des Organismus für eine abschließende Bewältigung überfordert hat. Die Forscher maßen das Volumen des Hippocampus zu Beginn und am Ende der ein- bis eineinhalbjährigen Studiendauer. Ihr Ergebnis: Kinder mit stärkeren Symptomen und höherem Cortisol-Spiegel wiesen besonders häufig eine Volumenreduktion des Hippocampus auf.

Stress wichtig für Gehirnentwicklung

„Um die Gehirnentwicklung zu stimulieren ist Stress zwar absolut notwendig“, sagt Studienleiter Carrion. „Zuviel Stress kann allerdings schädlich sein.“ In Tierversuchen konnte bereits nachgewiesen werden, dass Cortisol Zellen im Hippocampus tötet. Die Forscher vermuten deshalb einen sich selbst verstärkenden Prozess: je geringer das Hippocampusvolumen, desto schlechter der Umgang der Kinder mit Stress. Die Symptome von PTBS könnten sich damit weiter verstärken. „Diese These ist in der Forschung allerdings stark umstritten“, sagt Thomas Ehring, Klinischer Psychologe an der Universität Amsterdam in einer Presseaussendung. Denn bei Menschen sind die Forschungsergebnisse zum Zusammenhang zwischen Trauma, Cortisol und Hippocampusvolumen sehr widersprüchlich. „Patienten, die nach einem Trauma PTBS entwickelt haben, hatten sogar einen geringeren Cortisolspiegel als jene, die gesund blieben“ sagt Ehring.
„Um die Funktionsfähigkeit des Hippocampus zu stören, hätte der Cortisolspiegel aber besonders hoch sein müssen.“ PTBS kann durch verschiedene Risikofaktoren verursacht werden. So sind etwa Frauen grundsätzlich stärker betroffen als Männer, die soziale Unterstützung nach einem Trauma sei möglicherweise ebenfalls ein wichtiger Einflussfaktor. „Wichtig ist, dass nicht jeder Mensch nach einem Trauma PTBS entwickelt“, sagt Ehring. „Vor allem beim erstmaligen Vorkommen eines Traumas gibt es gute Therapiemöglichkeiten.“ So könnten sich Betroffene einer psychologischen Behandlung unterziehen. Grundsätzlich sei auch der Einsatz verschiedener Antidepressiva möglich. Schätzungsweise jeder zehnte Mensch entwickelt während seines Lebens eine Posttraumatische Belastungsstörung.

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