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Neurologie 20. September 2007

Tumult in der zerebralen Chemie

Eine winzige Hirnverletzung, ein kleiner Tumult in der zerebralen Chemie – und der Mensch gerät in eine andere Welt. 24 solcher Fallbeispiele von Menschen, die aus der Normalität gefallen sind, hat der Neurologe Oliver Sacks beschrieben. Sein Buch Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte wurde 1987 ein Bestseller. Und ist bis heute ein Klassiker geblieben.

Telephone (so schrieb man das früher) für unterwegs wogen im Jahr 1987 6,3 Kilo und waren damit erstmals mobil, wenngleich auch noch nicht wirklich „handy“. Mein erstes hatte ich mir aber erst 1991 zugelegt. Wir machten uns damals keine Vorstellung von dem, was wir heute selbstverständlich täglich benutzen: Meinen ersten Computer bekam ich 1987, meine PC-Spiele (nein, auch der PC-Muskel war damals noch gar nicht im Gespräch, man suchte noch nach dem G-Punkt) fanden auf einer Floppy Disc Platz, und dieser Platz war so groß, dass man heute Klaus­trophobie bekommt, damals war es noch Agoraphobie: Es waren ganze 128 kb, also 0,128 MB, heute die Speichergröße einer etwas besseren E-Mail, natürlich ohne Attachment; aber E-Mail gab es zu diesem Zeitpunkt noch keine. Wie haben wir das damals überlebt? Wie haben wir gearbeitet?
Und da lese ich nun ein Buch im Urlaub nach 20 Jahren wieder, das an Aktualität nichts eingebüßt hat, auch irgendwie beruhigend.
Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte ist ein Klassiker von Oliver Sacks. In meiner Parkinson-Ecke ist Sacks ein Begriff, viele von Ihnen haben ihn verkörpert von Robin Williams in Awakenings (Zeit des Erwachens) gesehen.
Sacks war nach der zweiten Entdeckung der L-DOPA-Therapie des Morbus Parkinson in den USA einer der ersten Anwender. Walther Birkmayer und Oleh Hornykiewicz hatten sieben Jahre zuvor zwar schon säm­t­liche Entdeckungen gemacht und in der WiKliWo – selbstverständlich auf Deutsch – publiziert, aber es gab ja keine medline und sie konnten auch nicht gegoogelt werden. So kam es, dass die Entdeckung des Jahrhunderts ein zweites Mal gemacht werden konnte.

Aus purer Neugier vier Studien absolviert

Oliver Sacks ist ein bemerkenswerter Zeitgenosse. Geboren 1933 in London, aufgewachsen in einem Medizinerhaushalt, studierte er nach Medizin auch noch Biologie, Biochemie und Physiologie, aber nicht wegen der Studentenfreifahrt, sondern wegen der Neugier, und alles mit Abschluss.
Er emigrierte 1960 in die USA und arbeitet seither als Neuropsychologe. Trifft man ihn als Redner auf einem Kongress, so wirkt er bescheiden, etwas linkisch, wie nicht ganz von dieser Welt, und es machen viele Geschichten über seine Skurrilität die Runde. Als großer Bewunderer von Alexander Lurija, dem russischen „Romancier“ unter den Neurologen, folgte er dessen Beispiel und schrieb seine berühmtesten Fälle in Romanform auf. Welch eine Wohltat zwischen all den evidencebaseddoppelblindcrossoverlastobservationcarriedforewardrandomisedstudies der Neuzeit!
Wie viel Wissen und Beobachtungsgabe zeigt sich in den 24 Kurzgeschichten des Oliver Sacks! Er gehört für mich mit Walter Penfield, John Hughlings-Jackson, Kurt Goldstein, Henry Head und Alexander Lurija zu den herausragenden deskriptiven Neurologen, die nicht nur eine Generation von Ärzten und ihre neurologische Sicht beeinflusst haben.
Und – Sacks beschreibt seine „Fälle“ in einem sehr persönlichen Stil, empathisch, dem Menschen zugewandt, neugierig, erstaunt, niemals sich lustig machend, wenngleich viele Beschreibungen zumindest zum Schmunzeln Anlass geben, niemals passiert ihm ein Vorführeffekt: Er bleibt immer ein diskreter Beobachter mit einem Ziel vor Augen: Lerne daraus. Ziehe Schlüsse, vergleiche, ziehe nochmals Schlüsse.
Um es mit seinen eigenen Worten auszudrücken, sei auf die Geschichte eines Zwillingspaares hingewiesen, das bei einem IQ von 60 mathematische Akrobatik zeigte, ohne die Grundbegriffe der Arithmetik auch nur annäherungsweise begreifen oder gar anwenden zu können. Die beiden vollführen komplizierte Kalenderrechnungen, wie die Wochentage der vergangenen und der zukünftigen 40.000 Jahre oder die Ostertermine in dieser Zeit in der Sekunde richtig lauten, ein Unterfangen, das Carl Friedrich Gauß ein Leben lang beschäftigt hatte, das er aber nicht lösen konnte: „Natürlich erhält man nur Hinweise auf die Tiefen, wenn man aufhört, die Zwillinge zu testen und als Untersuchungsgegenstand zu betrachten. Man muss sich von diesem Drang, beständig auszufragen und einzugrenzen, befreien und die Zwillinge kennen lernen, sie beobachten … mit einer uneingeschränkten und mitfühlenden phänomenologischen Aufgeschlossenheit für ihr Leben, ihr Denken und ihren Umgang miteinander.“
Das Beobachten, das Mitfühlen, die Aufgeschlossenheit sind damals Ansätze gewesen, die wir auch heute noch in unserer Heil-Wissenschaft beachten sollten, zu der sich – nicht immer nur zum Vorteil – die Heil-Kunst entwickelt hat.
In seiner Belesenheit hat er kein Problem, Parallelen mit Literaten wie Rilke, Dostojewsky und Proust, Psychiatern wie Freud und Pötzl und Philosophen wie Sherrington und Nietzsche zu ziehen, und es ist völlig klar, dass er die Werke aller verinnerlicht hat. Entsprechend seiner umfassenden Ausbildung eben ein selten gewordener Polyhis­tor. Als „Hüter der heiligen Narren“ sagt Oliver Sacks über sein Idol Alexander Lurija, es gebe Bücher, in denen verwandelt sich Wissenschaft in Poesie. Gerade das aber trifft auch auf seine eigenen Werke zu und ganz besonders auf dieses Buch.
Er teilt seine 24 Episoden in vier Kapitel. Er bezeichnet sie nach der damals geläufigen neurologischen Sichtweise als „Ausfälle“, fügt aber dann die damals neuen Begriffe „Überschüsse“, „Reisen“ und „Die Welt der Einfältigen“ hinzu und begründet damit eine neue Betrachtungsweise neurologischer und neuropsychologischer Zugänge.
Originaltext: „Das Lieblingswort in der Neurologie ist Ausfall. Es ist sogar deren einzige Bezeichnung für jegliche Beeinträchtigung der Funktion... Aber wie steht es mit dem Gegenteil: einem Überschuss oder Überfluss an Funktion? In der Neurologie gibt es kein Wort dafür, weil diese Vorstellung nicht existiert.“
Hier hat sich die Sicht der Neurologie und der Neurologen grundsätzlich gewandelt. Damals ging man davon aus, dass das Gehirn ab dem zweiten Lebensjahr keine neuronale Regenerationsfähigkeit mehr hat und nur noch weniger wird, in Funktion und Zellzahl. Neuroplastizität, Neuroprotektion, Neurorestoration waren noch nicht erfundene Begriffe, die wir heute selbstverständlich in unserem täglichen Tun berücksichtigen. Die zwischenzeitlich eingeführten bild­gebenden Untersuchungen haben uns Einblick in die Veränderungen in vivo gegeben, wo wir früher aus Post-mortem-Befunden Rückschlüsse ziehen mussten. Wir schütteln heute selbstverständlich und mehrmals täglich Diagnosen wie Morbus Alzheimer aus dem Ärmel und haben dabei auch noch eine hohe Treffsicherheit.
Ich erinnere mich noch gut an eine Episode im Jahr 1982, wo wir – Chef/Oberarzt/Assistent und Turnusarzt (ja, ich) – an einem Krankenbett (die Fieberkurve hing am Fußende, das Wort Datenschutz hatte noch keinen Eingang in unseren Sprachgebrauch gefunden) stehend im Konjunktiv den Verdacht auf Alzheimer geäußert hatten, uns aber die diagnostischen Möglichkeiten gänzlich fehlten, ohne Histologie die Diagnose zu sichern. Hier haben eine Reihe von Untersuchungsmöglichkeiten in vivo sehr große Fortschritte gemacht und dazu geführt, dass auch Behandlungsmethoden zum Einsatz kommen, die mehr als nur palliativen Charakter haben, wenngleich die kausalen Therapien für neurodegenerative Erkrankungen ohne Aufklärung der Auslösemechanismen weiterhin auf sich warten lassen.

Amateure im Paradies ohne mörderische Rivalitäten

Wir haben auch mehr gelernt, weil wir durch die Zunahme der neurodegenerativen Erkrankungen mehr Einblick gewinnen können. Das wiederum ist auf das Erreichen eines höheren Durchschnittsalters zurückzuführen, denn diese Gruppe von pathologischen Ereignissen trifft die Generation 65 plus, ein Alter, das heute, als Folge der besseren medizinischen Versorgung und der besseren Hygiene, mehr Menschen erreichen.
Ein letztes Zitat von Sacks trifft auch auf ihn selbst zu, ein staunender, altruistischer und neugieriger Beobachter der Welt und ihrer Sonderbarkeiten: „Sie alle [Anm.: gemeint sind Alexander von Humboldt und die Forscher des 19. Jahrhunderts] waren in einem gewissen Sinne Amateure, Autodidakten, die aus eigenem Antrieb handelten, und sie lebten, so schien es mir manchmal, in einer glücklichen Welt, in einer Art Paradies, das noch nicht zunehmend von den geradezu mörderischen Rivalitäten einer zunehmend professionalisierten Welt infiziert und erschüttert war.“
Und das will ich mir auch weiter zu Herzen nehmen.

Prim. Dr. Dieter Volc

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