zur Navigation zum Inhalt
 
Neurologie 12. September 2007

Auf den richtigen Knopf drücken

Kopfschmerzen zählen zu den häufigsten Beschwerdebildern, mit denen wir im Rahmen unserer ärztlichen Tätigkeit konfrontiert werden. Von milden Ausprägungen, welche die Patienten in ihrem Alltag kaum beeinträchtigen, bis hin zur schweren Migräne mit großer Auswirkung auf das Wohlbefinden und das persönliche Umfeld der Betroffenen stellen Kopfschmerzen ein nicht zu unterschätzendes allgemeines und gesundheitsökonomisches Problem dar.

 Nacken-Grafik
Triggerpunkte rund um den M. trapezius.

Quelle: Travell & Simons: Trigger Point Manual, Band 1, 1983, Williams & Wilkins

1988 erfolgte bereits die Klassifikation von 345 Kopfschmerzarten durch die International Headache Society (IHS). Im Verlauf der letzten Jahre wurden zunehmend medikamentöse und nichtmedikamentöse Therapiestrategien entwickelt, mit denen viele Kopfschmerzformen suffizient behandelt werden können.
Im Folgenden sollen die Behandlungsmöglichkeiten durch die myofasziale Triggerpunkttherapie (TP) und das Dry Needling vorgestellt werden, vor allem auch die differenzialdiagnostische Bedeutung des Therapiekonzeptes.

Strahlende Knötchen

Diese auf muskuläre Triggerpunkten basierende Behandlungsform lindert Probleme des gesamten Bewegungs- und Stützapparates. Triggerpunkte sind lokale, als Knötchen tastbare Schmerzpunkte, die charakteristischerweise in eine entfernte Körperregion ausstrahlen, dem so genannten „referred pain Gebiet“. Aber Achtung – es handelt sich dabei keineswegs um Nervenschmerzen. Die Behandlung erfolgt durch manuelle Techniken oder mit Akupunkturnadeln, als „Dry Needling“. Zusätzlich spielen Dehnungstechniken eine wichtige Rolle.

Blinde Triggerpunkte

Da die Behandlung über die Muskulatur erfolgt und mit den Händen und/oder Akupunkturnadeln praktiziert wird, stellt sie eine praktikable und risikoarme Methode dar. Zudem besteht eine hohe Patientencompliance, da durch die Kompression eines ursächlichen Triggerpunktes der charakteristische, dem Patienten bekannte Schmerz ausgelöst wird und es häufig schon unmittelbar nach der Behandlung zu einer Beschwerdelinderung kommt. Allerdings muss davor gewarnt werden, Triggerpunkte kritiklos zu behandeln, da jeder Mensch zahlreiche dieser Punkte aufweist, die keine Symptome verursachen.
Viele Kopfschmerzformen werden durch Triggerpunkte in der Hals- und Nackenmuskulatur sowie im Schultergürtel ausgelöst. Daher ist es sinnvoll, die genannten Körperregionen als funktionelle Einheit zu betrachten, zumal die Patienten häufig zusätzlich Beschwerden in diesen Körperteilen angeben.

Rascher Einsatz

Der Erfolg der Behandlung von Kopfschmerzpatienten liegt zunächst in einer detaillierten Anam­nese und klinischen Untersuchung. Hierauf wird eine erste Verdachtsdiagnose gestellt, die zunächst in Richtung der wahren Schmerzursache zielen sollte. Man kann sich vorstellen, dass alle medizinischen Fachgebiete und diagnostischen Möglichkeiten benötigt werden würden, um alle 345 Formen des Kopfschmerzes abzuklären. Die klinische Untersuchung und Palpation von Triggerpunkten kann ohne Probleme und Rücksicht auf das weitere Procedere durchgeführt werden. Eine Ausnahme sind akute, massive Cephalea, bei denen mit hoher Wahrscheinlichkeit Entzündungen oder eine intrakranielle Blutung vorliegen.
Im Übrigen stellt sich bei vielen unspezifischen oder gar als Neuralgien, Migräne oder bandscheibenbedingt diagnostizierten Beschwerden heraus, dass diese auf muskuläre Triggerpunkte zurückzuführen sind – entweder als eigenständiges Krankheitsbild, dem myofaszialen Schmerzsyndrom, als Verletzungsfolge, Überlastung oder aufgrund einer Fehlhaltung. Aber selbst wenn eine muskuläre Ursache sehr wahrscheinlich ist, empfehle ich dennoch ein weiteres diagnostisches Procedere, da Triggerpunkte, wie bereits erwähnt, auch als Begleitbefund auftreten. Als Basis empfehle ich die neurologische Begutachtung sowie ein Komplettlabor.
Als Beispiel zeigt die Abbildung den M. trapezius (X=Triggerpunkt, rot= referred pain Gebiet), Hauptverursacher von starken Nackenverspannungs-Schmerzen (M.trap.ascendens) und gleichseitigem Schläfenschmerz (M.trapezius desc.). „Steifer Nacken“: betroffene Muskeln: M.trapezius pars desc., M.levator scapulae, M.splenius cervicis/ capitis. Trapezius pars descendens und auch pars ascendens verursachen des Weiteren oft Schwindel und Sehstörungen (unscharfes Sehen, verschleiertes Sehen).
Selbstverständlich spielen bei Beschwerden der Kopf-, Nacken-, Schulterregion noch zahlreiche weitere Muskelgruppen eine bedeutende Rolle. Insbesondere bei längerer Beschwerdedauer treten sekundäre Triggerpunkte oder Satelittentriggerpunkte auf, mit dem Risiko eines komplexen Kettengeschehens. Dies ist zu berücksichtigen, um den Erfolg der Therapie nicht zu gefährden.

 Veranstaltungstipp

Ein Beitrag von Dr. Roman Kleiss­ner, Facharzt für Unfallchirurgie und Sportarzt in Wien.

Dr. Roman Kleissner, Ärzte Woche 37/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben