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Neurologie 4. Oktober 2007

Europa wird vergesslich

In Österreich gibt es 100.000 Demenzkranke, im Jahr 2030 werden es 200.000 sein. Grund genug, die Entwicklung beim Gesundheitsforum Alpbach zu thematisieren.

Angst, Schlafstörungen, Unruhe, Halluzinationen, Wahn oder Depressionen sind begleitende Symptome der Alzheimer Demenz – und mittlerweile durch Verhaltenstherapie und Psychopharmaka gut behandelbar. Memantine und Azetylcholinesterase-Hemmer ermöglichen eine spezifische Therapie, welche den geistigen Abbau um ein Jahr verzögert und dadurch den Pflegeaufwand reduziert. Momentan allerdings werden die meisten Demenzen erst diagnostiziert, wenn die Schwelle zum vollen Erkrankungsbild bereits überschritten ist, wie Prof. DDr. Peter Fischer vom Wiener AKH im Rahmen der Alpbacher Gesundheitsgespräche betonte.
Der zentrale Risikofaktor der Alzheimer Demenz ist das Lebensalter, die ausschließliche Bedeutung genetischer Faktoren ist für nur fünf Prozent der Betroffenen bewiesen. Die physiologische Rolle jener Proteine, die zur Plaquebildung beitragen, wird intensiv beforscht. Fischer dazu: „Auf Chromosom 19 wurde ein Vulnerabilitätsgen der senilen und präsenilen Alzheimer Demenz nachgewiesen, welches das auch bei vaskulären Erkrankungen beteiligte Apolipoprotein E betrifft. Zuletzt wurde – unter anderem auch in der VITA (Vienna Transdanube Aging) Studie des Ludwig Boltzmann Institutes für Altersforschung – nachgewiesen, dass niedere Schulbildung, sowie körperliche und geistige Inaktivität Risikofaktoren für die Alzheimer Demenz sind.“ Weitere Risikofaktoren seien Depressionen sowie Folsäuremangel.
Konventionelle Antirheumatika scheinen vor Demenz zu schützen. Fischer: „Epidemiologische Studien können nie zwischen direkten Risikofaktoren, die den Alzheimerprozess selbst beeinflussen, und indirekten Risikofaktoren unterscheiden. Jeder Untergang von Nervengewebe bringt das Individuum näher an die Demenzschwelle heran, bei einem weiterlaufenden degenerativen Prozess wird diese Schwelle früher erreicht.“
Alle Risikofaktoren vaskulärer Hirnschädigung ebenso wie Schädel-Hirn-Traumen wurden daher bereits als Risikofaktoren der Alzheimer Demenz beschrieben.

Kaum Vorbeugungsstudien

Da der Krankheitsprozess über immerhin fünfzehn Jahre lang abläuft, bevor erste Vergesslichkeit festgestellt wird, müssten zukünftige Präventionsstudien über sehr lange Zeiträume durchgeführt werden.
Fischer erläutert: „Finanzierung, Karrierepläne und alternde Forscher machen so überaus langwierige Untersuchungen schwer durchführbar. Es gibt keine Interventionsstudien, die zeigen würden, dass die optimale Behandlung depressiver Erkrankungen die Alzheimerwahrscheinlichkeit späterer Jahre senken könnte; dass bessere Schulbildung 70 Jahre später niedere Demenzhäufigkeiten bedingt. Nur eine einzige Interventionsstudie über drei Jahre hat gezeigt, dass Folsäuresubstitution kognitiven Abbau im Alter verringern kann – eine Alzheimerprävention ist nicht nachgewiesen.“ Und langfristige Interventionsstudien zur körperlichen und geistigen Aktivität der 50- bis 60-Jährigen stehen ebenfalls aus, die zeigen könnten, dass derartige Bemühungen das individuelle Demenzrisiko nach dem 80. Lebensjahr senken könnten. Epidemiologische Kennzahlen lassen solches nur vermuten, Beweise gibt es keine.

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 40/2007

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