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Neurologie 11. Oktober 2007

Auf dem Olymp der Medizin (Narrenturm 115)

Allein mit seinen anatomischen Entdeckungen wäre dem Arzt und Naturwissenschaftler Samuel Thomas Soemmerring (1755–1830) ein Platz auf dem Olymp der Medizin sicher gewesen. Aber damit begnügte er sich nicht. Im Narrenturm erinnert eine Medaille an diesen fast vergessenen Universalgelehrten aus der Goethezeit.

 Soemmerring-Telegraf
Soemmerring-Telegraf. Wegen technischer Probleme mit der Isolierung der vielen Drähte und dem recht komplizierten Aufbau des Gerätes fand der erste elektrische Telegraf in der Praxis keine Anwendung. Soemmerrings Erfindung gilt aber heute als Meilenstein in der Entwicklung der Nachrichtentechnik.

Foto: Regal/Nanut

Bereits mit seiner Dissertation „ueber die Basis des Hirns und den Ursprung der den Schädel verlassenden Nerven“ revolutionierte Soemmerring 1778 die Hirnforschung. Seine Reihung und Nummerierung der damals bekannten Nerven über die Hirnbasis hat bis heute Gültigkeit. Der von ihm erfundene und in die Anatomie neu eingeführte „mediansagittale Hirnschnitt“ fand Zustimmung bei allen Hirnforschern. Das Rückenmark betrachtete er nicht mehr als einen großen Nerv, sondern als Teil des Zentralnervensystems. Er benannte die Hirnanhangdrüse als Hypophyse, und die von ihm beschriebene „substantia nigra“ im Mittelhirn ist heute auch unter dem Namen „Ganglion Soemmerring“ bekannt.
Soemmerring entdeckte die Sehnervenkreuzung bei Säugetieren und 1791 den gelben Fleck in der Netzhaut des Auges. Als erster Mediziner beschrieb er 1795 den Zusammenhang zwischen Pfeifenrauchen und dem Unterlippenkrebs. Gegen zahlreiche Widerstände führte Soemmerring 1801 gemeinsam mit dem Arzt Georg Phillip Lehr die 1798 von Edward Jenner erstmals publizierte Pockenschutzimpfung in Frankfurt ein. Wenig Anerkennung erntete er jedoch mit seiner 1796 erschienen aufsehenerregenden Schrift „ueber das Organ der Seele“, in der er kühn Anatomie, Physiologie und Philosophie vermischte. Selbst Immanuel Kant, dem Soemmerring sein Werk gewidmet hatte, verfasste für das Buch ein kritisches und eher distanziertes Nachwort.

Gegen den Korsettgebrauch

Umstritten war auch seine anatomisch-anthropologische Untersuchung „ueber die körperliche Verschiedenheit des Mohren vom Europäer“. Populär wurde er hingegen mit einer Schrift gegen den Korsettgebrauch und einer Abhandlung gegen die Hinrichtung durch die Guillotine, weil seiner Ansicht nach „das Bewusstsein bei Enthauptung noch kurz andauere“. Über seine Zeit in Kassel, wo er als Mitglied eines geheimem Rosenkreuzer-Zirkels ein alchemistisches Geheimlabor betrieb, vermutlich um Gold herzustellen, versuchte er später einen Mantel des Schweigens zu breiten, da ihm dies für sein Image des aufgeklärten Wissenschaftlers nicht förderlich erschien.
1805 nahm Soemmerring einen Ruf an die Bayerische Akademie der Wissenschaften an. Da aber die ihm versprochene Einrichtung eines neuen Anatomiegebäudes nicht zustande kam, begann er sein Arbeitsgebiet auf Physik und Paläontologie zu verlegen. Elektrische Phänomene waren damals in der wissenschaftlichen Welt en vogue und Gegenstand heftiger Diskussionen und Auseinandersetzungen. Auch ­Soemmerring beschäftige sich schon seit längerem mit galvanischen Versuchen und Elektrolyse, der Zerlegung des Wassers durch Strom in Wasserstoff und Sauerstoff. Diese Versuche führten 1809 zur Erfindung seines elektrochemischen galvanischen Telegrafen. Vom bayerischen Kriegsministerium erhielt Soemmerring jedoch den Auftrag, einen optischen Telegrafen in Bayern einzurichten. Der Gelehrte wollte aber die Elektrizität nutzen und schlug den Bau eines „galvanischen“ Telegraphen vor. Die bei der Zerlegung des Wassers aufsteigenden Gasblasen sollten hier zur Buchstabenübertragung dienen.

Ein Meilenstein in der Nachrichtentechnik

24 Drähte – für jeden Buchstaben einer – gingen vom Sender zum Empfänger. Wollte man etwa den Buchstaben B übermitteln, schloss man eine voltaische Säule – also eine Batterie – als Stromquelle an den entsprechenden Draht, und beim Empfänger stiegen beim entsprechenden Stift für den Buchstaben B im Wasser Gasblasen auf. Wegen technischer Probleme mit der Isolierung der vielen Drähte und dem recht komplizierten Aufbau des Gerätes fand der erste elektrische Telegraf in der Praxis keine Anwendung. Soemmerrings Erfindung gilt aber heute als Meilenstein in der Entwicklung der Nachrichtentechnik.
Neben seinen chemisch-physikalischen Forschungen wurde ­Soemmerring in München auch noch zum führenden Vertreter einer damals noch jungen Wissenschaft, der Paläontologie. In seinen letzten Jahren beschäftige sich ­Soemmerring neben Anatomie noch mit astronomischen Problemen. Er starb am 2. März 1930 in Frankfurt. Seine Universalität dokumentiert wohl Folgendes am besten: Neben einer Reihe von anatomischen Bezeichnungen tragen eine Antilopenart, eine Palme, ein japanischer Fasan, ein fossiler Saurier und ein Mondkrater heute seinen Namen.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 41/2007

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