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Neurologie 22. November 2007

Gott im Gehirn

Voller Enthusiasmus suchen Forscher heute nach den neurologischen Korrelaten des Religiösen und versuchen ihre Auflagen durch eingängige Thesen zu steigern. Die illustren Vorläufer der Neurotheologie wurden bislang nur wenig beachtet.

Eine neue wissenschaftliche Mode greift um sich: So genannte „Neurotheologen“ versuchen das Religiöse auf Basis der Neurophysiologie und Evolutionsbiologie zu erfassen. Auf der Suche nach den neurologischen Korrelaten des Religiösen überschreiten die Wissenschafter meist die Grenzen ihrer Disziplin und scheuen im Sinne des Verkaufserfolgs ihrer Bücher auch vor populären Simplifizierungen nicht zurück. Bemerkenswert ist die „wilde Rezeption“ neurotheologischer Theorien, die zu medial attraktiven Aussagen führt.

Suche nach dem „Gottmodul“

Aufsehen erregten z.B. die Experimente des kanadischen Neuropsychologen M. A. Persinger, der bei Probanden mittels eines „Religionshelms“ religiöse Erfahrungen durch magnetische Stimulation bestimmter Gehirnregionen induzieren konnte. Persinger interpretierte religiöse Eingebung als kontrollierte Form epileptischer Mikro-Anfälle im Temporallappen des Gehirns. Auch andere Neurowissenschaftler postulierten, dass religiöse Erfahrung von der Aktivität der Temporallappen abhängig sei – angeregt von den Thesen des US-Neurologen V. Ramachandran geisterte der Begriff des „Gottmoduls“, ein spekulativer religiöser Schaltkreis im Gehirn, durch die Medien.
Einige Forscher betonten die Assoziation von Spiritualität mit neurologischen Erkrankungen, wobei sogar den Visionen von Religionsstiftern und Heiligen eine pathologische Entität nahe gelegt wurde. Dieser etwas provokante Ansatz stieß auf heftige Kritik, zumal sich keine empirische Beziehung zwischen Epileptikern und religiösen Menschen herstellen ließ. Erscheint Gott im Lichte neurobiologischer Forschung womöglich bloß als neuronaler Erregungszustand, als Hirngespinst?

Neurologie der Transzendenz

„Wenn Gott tatsächlich exis­tiert, so ist das Gewirr der neuronalen Leitungen und physiologischen Strukturen des Gehirns der einzige Ort, an dem er seine Existenz offenbaren kann“, behauptet der US-Neurologe Andrew Newberg in seinem Bestseller „Why God won‘t go away“. Er trug maßgeblich zur Popularisierung der Neurotheologie bei, indem er die Auswirkungen spiritueller Praxis auf die Hirnaktivität sichtbar zu machen versuchte und seine Interpretationen für ein Massenpublikum eingängig aufbereitete. Er beschreibt neurophysiologische Korrelate spiritueller Erfahrung und charakterisiert vor allem die Differenzierung eines „Orientierungsfelds“ im oberen Parietallappen als ursächlich für die mystische Erfahrung des „Einsseins“ mit der göttlichen Realität. Newberg weist darauf hin, dass Mystik nicht neurotisch oder psychotisch bedingt, sondern Zeugnis eines „gesunden Geistes“ und evolutionsbiologisch vorteilhaft ist. Seine Thesen laufen auf ein Plädoyer für die Realität mystischer Erfahrung als Quelle und Ziel aller Religionen hinaus. Ähnlich wie die meisten Neurotheologen hat er seine empirischen Befunde selbst in ein quasi religiöses (d.h. erkenntnistheoretisch nicht haltbares) Konzept gestellt.

Timothy Learys „Drogenreligion“

Das Ansinnen der heutigen Neurotheologen ist nicht ganz neu. Die Vordenker und geistigen Quellgebiete wurden bislang aber nur wenig beachtet. Eine Spurensuche führt zunächst in das Umfeld der intellektuellen Protestbewegung um 1968 und in die abenteuerlichen Gefilde drogenorientierter Subkulturen. So verkündete der ehemalige Harvard-Dozent Timothy Leary eine „Drogenreligion“ basierend auf Halluzinogenen wie LSD oder Psilocybin, sah Drogen als Instrumente einer „experimentellen Theologie“ und proklamierte, „die transzendenten Offenbarungsmöglichkeiten des menschlichen Nervensystems“ zu erforschen. In Learys Schriften verschmelzen Symbole religiöser Traditionen mit wissenschaftlichen Reflexionen aus dem Bereich der Psychologie und Gehirnphysiologie. Ein akademischer Ausgangspunkt dieser Form von „Neurotheologie“ war das legendäre „Karfreitagsexperiment“ (1961), in dem religiöse Erfahrungen unter Drogeneinfluss doppelblind mit einer Plazebogruppe verglichen wurden.

Pforten der Wahrnehmung

Ein wichtiger Einfluss für die „experimentelle Theologie“ der 1960er Jahre war ein Essay des englischen Schriftstellers Aldous Huxley über seinen Drogenversuch mit Meskalin („The Doors of Percep­tion“; 1954). Huxley hatte ein zunehmendes religiöses Interesse entwickelt und sich spirituellen Exerzitien unterzogen, doch erst die Wirkung des Meskalins war imstande, die „Pforten der Wahrnehmung“ zur mystischen Schau zu öffnen. Insofern zeigt Huxleys Essay das Dilemma des modernen, gottverlassenen Subjekts, das am Ideal der Transzendenz durch „reine“ Religion verzweifelt und sich ausgerechnet im Drogenexperiment zur religiösen Selbsterfahrung übersteigt. Huxleys Argumentation ist eingebettet in eine „Neurophysiologie der Transzendenz“, die den Diskurs der Neurotheologie antizipiert – ebenso wie ein halbes Jahrhundert zuvor das einflussreiche Werk des US-Psychologen William James, der in „The Variety of Religious Experience“ (1902) bereits den Zusammenhang zwischen Religion und Neurologie thematisierte und als Gründungsvater der Neurotheologie gilt.

„Ewige Philosophie“

Die aktuelle Neurotheologie erscheint als Fortführung einer Tradition, die das Religiöse auf Basis zentralnervöser Erregung begreift und deren geistiges Quellgebiet vor dem Horizont der radikalen Religionskritik am Ende des 19. Jahrhunderts zu erkennen ist. Diese Ansätze können als historisches Symptom einer religiösen Krise verstanden werden. Dabei zeigt sich ein seltsames Ineinander kultureller Strömungen: Indem die Neurotheologie das Religiöse neurobiologisch beschreibt, folgt sie dem Weltbild der Aufklärung und markiert das konsequente Ende des Weges zur Rationalisierung religiöser Erfahrung durch empirische Naturwissenschaft. Zugleich erweisen sich die meisten neurotheologischen Ansätze selbst als religiöser Entwurf. Das Anliegen, den modernen Ansatz der Neurowissenschaften mit der „ewigen Philosophie“, dem paradox formulierten Weltbild der Mystiker und religiösen Visionäre zu versöhnen, ist charakteristisch für die illustren Vorläufer der Neurotheologie.

Quelle: Vortrag am Interdisziplinären Kongress „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“, Universität Graz, 11.-13.10.2007.

Dr. Martin Tauss, Ärzte Woche 47/2007

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