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Neurologie 10. Mai 2007

Migräne – weiterhin ein unterschätztes Leiden

Auch weiterhin haftet von Migräne geplagten Menschen der Ruf an, Simulanten oder Hysteriker zu sein. Da tut Aufklärung Not. Aber auch die therapeutischen Möglichkeiten werden allzu oft nicht vollständig ausgeschöpft.

Migräne ist eine der häufigsten Gründe für Krankenstände und verantwortlich für vielfältige Probleme in Partnerschaften und im beruflichen Fortkommen, berichtet der Neurologe Doz. Dr. Udo Zifko, Vorstand der Klinik Pirawarth Kur und Rehabilitationszentrum, NÖ. Die Häufigkeit der Erkrankung steigt ab einem Alter von 15 Jahren an und erreicht ihren Gipfel zwischen dem 20. und dem 45. Lebensjahr. Bei über 60-Jährigen kommt Migräne als Ursache von Kopfschmerzen jedoch nicht mehr in Frage.

Keine biologischen Marker

Zifko: „Die Diagnose Migräne ist ausschließlich aus der Patientenanamnese abzuleiten, da es keinen einzigen medizinischen Marker für die Erkrankung gibt.“ Zunächst müssen aber organische Erkrankungen wie Raumforderungen oder Entzündungen ausgeschlossen werden. Im Wesentlichen sind zwei Formen der Migräne zu unterscheiden, die Migräne mit und jene ohne Aura. Migräne ohne Aura ist die häufigste Form, aber schwer zu diagnostizieren. Als einziges Symptom weist sie den typischen pulsierenden Kopfschmerz auf. Bei der Migräne mit Aura treten hingegen anfallsartig Symptome wie Sterne-Sehen, Blitzen vor den Augen, halbseitige Gefühlsstörungen oder vorübergehende Sprachstörungen auf. Zur Diagnose der Migräne mit Aura müssen zumindest zwei der folgenden Faktoren zutreffen: Der Kopfschmerz entwickelt sich graduell und nicht schlagartig; kurz vor dem Kopfschmerz müssen Aura-Symptome vorhanden sein; die auftretenden Aura-Symptome müssen sich zur Gänze zurückbilden und weniger als 60 Minuten andauern. Für die Diagnose einer Migräne ohne Aura sind mindestens fünf Attacken notwendig, die vier bis 72 Stunden dauern. „Kopfschmerzen, die länger als drei Tage durchgehend verweilen, können keine Migräne sein“, so Zifko. Bei Kindern wüten die Anfälle kürzer, durchschnittlich zwei bis fünf Stunden, aber nie länger als zwei Tage.

Schmerzcharakter

Der Kopfschmerz bei Migräne ist immer einseitig, hat pulsierenden Charakter und mittelschwere Intensität – er liegt auf der zehnstufigen VAS (Visuelle Analog Skala) im Bereich von fünf bis sechs. Der Schmerz wird durch körperliche Routineaktivitäten verstärkt. Er zwingt die Patienten zur Ruhigstellung, was ihnen oft den Ruf von Simulanten oder Hysterikern einträgt. Begleitend können – müssen aber nicht – Übelkeit, Erbrechen, Lärm- und Lichtempfindlichkeit auftreten. Zu beachten ist, dass noch vor dem Kopfschmerz aus dem normalen Leben entsprungen, so genannte Prodromalsymptome auftreten: Die Patienten sind nervös, angespannt, müde, gähnen, gehen länger nicht auf die Toilette (=Wasserretention) oder haben Heißhungerattacken, etwa auf Schokolade. Zifko: „Fälschlicherweise wird Schokolade oft als Auslöser einer Migräne genannt, tatsächlich aber ist das Verlangen nach Süßigkeiten bereits Teil des Migräneanfalls.“ Auf diese Prodrome folgen die vorhin beschriebenen typischen Migränesymptome. An diese wiederum schließt die postdromale Phase an, die bis zu zwei Tage dauern kann und in der die Patienten müde und abgeschlagen sind, Hunger haben können und sehr ausgiebig urinieren. „Fragen Sie gezielt nach der pro- und postdromalen Phase, vor allem wenn die Diagnose nicht klar ist“, rät Zifko. Treten die Kopfschmerzen hingegen plötzlich und peitschenschlagartig auf und sind bereits zu Beginn sehr heftig, sind sie noch dazu bei körperlicher Belastung aufgetreten oder bestehen gar neurologische Begleitsymptome, so sind sie als gefährlich einzustufen und umgehend abzuklären. Zur Therapie der Migräneanfälle können zunächst „normale“ Analgetika, wie Aspirin, Paracetamol, Naproxen oder Ibuprofen eingesetzt werden, die aber selten so effizient sind wie Triptane. Da bei 70 bis 80 Prozent der Patienten Übelkeit vorliegt, ist es wichtig, Antiemetika zu geben. Diese verstärken die Wirkung der herkömmlichen Analgetika massiv. Von großer Bedeutung sind die Triptane mit einer primären Wirksamkeit von 80 bis 90 Prozent. Der Wirkungseintritt der fünf zuge­lassenen Triptane liegt zwischen 20 und 40 Minuten nach dem Einnahmezeitpunkt. Wichtig ist die Darreichungsform, da beispielsweise bei Patienten mit Erbrechen die Verabreichung als Sublingualtablette vorzuziehen ist.

Beharrlichkeit siegt

Obwohl die verschiedenen Triptane sehr ähnliche Wirkmechanismen besitzen, macht es Sinn, bei Unwirksamkeit ein Triptan nach dem anderen durchzuprobieren. „Denn“, so Zifko, „es kommt immer wieder vor, dass erst die vierte Substanz plötzlich doch wirkt, ohne dass dies erklärbar ist.“ Dabei sollte man zwei bis drei Attacken jeweils mit einer Substanz testen und erst dann – bei ungenügender Wirksamkeit – zur nächsten greifen. Medikamente gegen Migräne müssen wegen des verzögerten Wirkungseintritts möglichst frühzeitig eingenommen werden, meint Zifko. Nämlich dann, wenn sich der Patient annähernd sicher ist: „Das ist meine Migräne!“

Kinder sind Sonderfälle

Es gibt natürlich auch echte Therapieversager. Der Experte rät in diesem Fall erst zu überprüfen, ob die Diagnose Migräne die richtige ist. Bei Kindern wiederum dauert ein Migräneanfall oft nur sehr kurz. Zifko: „Es ist wenig sinnvoll, diese Attacken, die oft innerhalb einer halben Stunde vorübergehen, medikamentös zu behandeln.“ Die Anfälle lassen sich häufig durch Hinlegen und Ruhe coupieren, meint Zifko. Aber auch Ernährungsgewohnheiten, insbesondere bei jungen Betroffenen, spielen eine Rolle: Kinder, die ohne Frühstück und Flüssigkeitsaufnahme in die Schule gehen, neigen häufiger zu Migräne. Die medikamentöse Therapie stützt sich auf Analgetika wie Paracetamol. Antiemetika sind selten notwendig und Triptane unter 14 Jahren kontraindiziert. Bei den nicht-medikamentösen Strategien zur Anfallsprophylaxe ist Biofeedback, v. a. zusammen mit Verhaltenstherapie, am besten untersucht. Eine solche Kombination kann zu einer etwa 50-prozentigen Anfallsreduktion führen. „Komplementärmedizinische Verfahren zeigen hingegen ein sehr individuelles Ansprechen“, meint Zifko, „wichtig ist, die Patienten auch dabei zu begleiten und sie als Ergänzung zur medikamentösen Therapie zu sehen.“

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Dr. Klaus Huber, Ärzte Woche

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