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Neurologie 6. November 2008

Multimorbidität bei Alzheimer-Patienten als Herausforderung

Demente Patienten leiden öfter an mehreren Grunderkrankungen als nichtdemente Senioren.

Der Wiener Alzheimertag gilt mit über 5.000 Besuchern bereits heute als die europaweit größte öffentliche Initiative zum Thema geistige Gesundheit im Alter. Alzheimer-Patienten leiden laut aktuellen Studien im Durchschnitt gleichzeitig unter mehr als drei schweren Erkrankungen und versterben häufiger an einer Pneumonie als andere geriatrische Patienten. Im Vorfeld zu dem am 22. November 2008 stattfindenden Fachsymposium berichten Experten über neue Medikamente, die den Krankheitsverlauf verzögern und quälende Symptome nachhaltig lindern können.

 

Aktuelle Studien zeigen, dass Alzheimer-Patienten im Durchschnitt unter mehreren schweren Erkrankungen leiden als andere, nicht demente, geriatrische Patienten.

„Die neuropathologischen Veränderungen im zentralen Nervensystem dementer Patienten umfas-sen meistens nicht nur die für die jeweilige Erkrankung pathognomonischen Läsionen wie zum Beispiel Amyloidplaques und neurofibrilläre Tangles bei der Alzheimer-Krankheit (AD), sondern zeigen vielfach zusätzliche Pathologien“, weiß der Wiener Neuropathologe Priv.-Doz. Dr. Johannes Attems. „Wir fanden in einer Studie an über 300 Gehirnen in zwei Drittel der Fälle zusätzliche vaskuläre Läsionen bei Alzheimer-Erkrankten. Diese Zahlen reflektie-ren eine Multimorbidität des zentralen Nervensystems geriatrischer Patienten. Aber auch in der Klinik findet sich eine Multimorbidität bei Alzheimer-Patienten als besondere Herausforderung. Als sogenannte Giganten der Geriatrie gelten hier eine zunehmende psychoorgani-sche Instabilität, Immobilität, Inkontinenz, Isolation und nicht zuletzt die intellektuelle Beeinträchtigung.“

Die Multimorbidität ist generell ein gut beschriebenes Charakteristikum des geriatrischen Patienten. In einer Obduktionsstudie an über 1.550 dementen und nichtdementen Senioren im Alter von über 69 Jahren wurden im Mittel 2,1 schwere Grunderkrankungen und 14,4 Einzeldiagnosen festgestellt. Die häufigsten Todesursachen waren kardiovaskuläre Erkrankungen (35,6 %), maligne Neoplasien (24,3 %), pulmonale Erkrankungen (19,8 % inkl. Pneumonie, exkl. maligne Erkrankungen) und Pulmonalembolie (10,6 %). Zusätzlich wurden sowohl qualitative als auch quantitative Daten hinsichtlich der Erkrankungen dementer und nichtdementer Senioren verglichen. Alzheimer-Patienten verstarben in rund 50 Prozent der Fälle an einer Pneumonie, wohingegen nichtdemente Senioren und Patienten, die an einer anderen Demenzform lit-ten, in rund 50 Prozent an einer kardiovaskulären Erkrankung verstarben. Attems: „Wir konnten zeigen, dass demente Patienten eine signifikant höhere Anzahl an Erkrankungen aufwiesen als nichtdemente Senioren; wir fanden bei Alzheimer-Patienten zirka 3,5 schwere Grunderkrankungen, bei nichtdementen Senioren hingegen nur drei.“

Erkrankungsfaktoren verstärken sich wechselseitig

Es stellt sich nun die Frage, wo-rin die höhere Komorbidität bei dementen Patienten begründet liegt? „Es ist bekannt, dass zahlreiche Erkrankungen (z. B. Diabetes mellitus) das Risiko, an AD zu erkranken, erhöhen. Dieser Umstand könnte eine höhere Anzahl von Grunderkrankungen bei AD dahingehend erklären, dass Patienten, die an mehreren Grunderkrankungen leiden, häufi-ger an AD erkranken und folglich die Anzahl komorbider Erkrankungen in der Gruppe der AD-Patienten insgesamt hoch ist“, berichtet Attems.

Außerdem könnten zusätzliche Grunderkrankungen einen verstärkenden Effekt auf die AD ausüben. Man wisse zum Beispiel, dass die im Rahmen der altersassoziierten Atherosklerose häufig auftretenden, kleinen zerbralen Läsionen einen Einfluss auf die Schwelle zur klinischen Demenz ausüben; in diesen Fällen könne schon eine vergleichsweise geringe Anzahl an AD-typischen neuropathologischen Veränderungen eine klinisch manifeste Demenz auslösen. Möglicherweise könnten zusätzliche Grunderkrankungen nicht nur hinsichtlich der klinischen Symptomatik, sondern auch hinsichtlich der pathophysiologischen Vorgänge bzw. der daraus resultierenden neuropathologischen Veränderungen einen aggravierenden Effekt auf die AD haben.

Welche unmittelbaren Einflüsse die AD direkt auf Erkrankungen der inneren Organe ausübt, ist weitgehend unbekannt. Wahrscheinlich ist, dass die mit der Alzheimer-Demenz einhergehenden Lebensumstände (z. B. Bettlägerigkeit) und die vielfach angetroffene Mangelernährung Komorbiditäten verschlimmern oder auch, wie zum Beispiel im Falle der Pneumonie, ursächlich dafür verantwortlich sind. n

 

Weitere Informationen erhalten Sie unter: www.alzheimertag.at

Von Prim. Dr. Andreas Winkler, MSc, Ärzte Woche

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