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Neurologie 18. Oktober 2006

Epileptische Anfälle oft fehlgedeutet

Die Inzidenz der Epilepsie nimmt im siebenten und achten Lebensjahrzehnt zu, mit dem Älterwerden der Bevölkerung steigen die Häufigkeitszahlen weiter an. Gleichzeitig ist die Anfallssymptomatik bei älteren Patienten oft atypisch, die Differentialdiagnose kann sich deshalb schwierig gestalten.

Bis zu 70.000 Österreicher leiden an Epilepsie, am häufigsten treten die Anfälle erstmals in den ersten Lebensmonaten und dann wieder im höheren Alter auf. Bei Menschen über 65 Jahre kommt es zwar öfter zu Neuerkrankungen als bei jungen, die Epilepsie wird aber seltener erkannt. Als Anfallsursachen kommen Malignome, Gefäßprozesse oder Traumata im Bereich des Zentralnervensystems sowie Demenzen in Frage. Auch fieberhafte Zustände und Infekte sowie metabolisch-toxische Faktoren können anfallsprovozierende Ereignisse darstellen. Vor allem zerebrale Durchblutungsstörungen führen im Alter häufig zum Anfallsgeschehen. Das Risiko, innerhalb von zwei Jahren nach einem Schlaganfall an Epilepsie zu erkranken, liegt je nach Ausmaß der Schädigung zwischen zehn und zwanzig Prozent.

Ungewöhnliche Verläufe bei alten Menschen

Medikamente können ebenfalls epileptische Anfälle auslösen. Hierzu gehören etwa Theophyllin, vor allem bei intravenöser Applikation, verschiedene Neuroleptika und Antidepressiva sowie Penicillin und andere Antibiotika. Ein Grund, warum viele Anfälle nicht erkannt werden: Sie dauern oft nur kurz, sind häufig nicht konvulsiv oder werden als Schlaganfall fehlgedeutet. Obwohl etwa ein Drittel der Epilepsie-Patienten über 65 Jahre alt ist, liegt ihr Anteil in Spe­zialambulanzen sehr niedrig: Nach einer Untersuchung waren dort nur sechs Prozent von knapp 6.000 Patienten über 65 Jahre alt. Darauf hat Prof. Christian Elger von der Klinik für Epileptologie der Universität Bonn auf dem Neurologie-Kongress in Mannheim hingewiesen. Der Bonner Neurologe geht davon aus, dass deswegen so wenig alte Menschen in Spezialambulanzen erscheinen, weil bei ihnen eine Epilepsie häufig nicht erkannt wird. Dabei müssten gerade sie dorthin kommen, weil ihre Behandlung sehr häufig schwierig ist. So komme es bei alten Menschen oft zu ungewöhnlichen Epilepsie-Verläufen, die sich deutlich von denen jüngerer Patienten unterscheiden. Ältere Patienten weisen häufig unspezifische Symptome wie Schwindel oder veränderten mentalen Status auf. Bei dementen Patienten bestehen auch erhebliche Schwierigkeiten bei der Erhebung einer detaillierten Anamnese. Die meisten Anfälle verlaufen sehr kurz – etwa eine Minute – und ohne Konvulsionen. Sie werden dann häufig von Angehörigen oder den Pflegekräften nicht bemerkt, vor allem wenn die Attacken nachts auftreten. Dagegen ist die postiktuale Phase oft deutlich verlängert und kann bis zu 24 Stunden dauern.

Patienten oft noch Stunden nach dem Anfall verwirrt

In dieser Zeit können sich Halbseitenlähmungen, die nach einem Schlaganfall bestehen, verstärken. Zudem können die Patienten noch Stunden nach dem Anfall sehr verwirrt wirken, sagte Elger. Hatten die Patienten bereits einen Schlaganfall, werde die Verwirrtheit dann oft als Folge eines erneuten Apoplex fehlgedeutet. Die richtige Diagnose ist jedoch sehr wichtig, so Elger. Denn mit einer antiepileptischen Therapie lassen sich die Anfälle meist gut vermeiden und ein Status epilepticus verhindern. Dieser Zustand ist für ältere Patienten besonders gefährlich: Etwa 35 Prozent der Patienten sterben daran – bei Menschen unter 65 Jahren sind es 16 Prozent.

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