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Neurologie 10. Oktober 2006

Musik im Kopf lässt die Spiegelneurone schwingen

Im Rahmen des in Baden bei Wien stattgefundenen Dialoges der Wissenschaften und Künste, „Mozart & Science“, wurden die Einflüsse der Musik auf das Zentralnervensystem und deren Chancen bei der Neurorehabilitation erörtert.

Auf der Basis ihrer vielfältigen Erfahrungen als ausgebildete Psychologin, Musikerin und Wissenschaftlerin erörterte Concetta M. Tomaino, Leiterin des Institutes für Musik und Neurologische Funktion aus New York, die klinische Anwendung der Musiktherapie in der neurologischen Rehabilitation.
Die Forschungsergebnisse ihres Institutes belegen Behandlungserfolge mit Musik von schweren neurologischen Krankheitsbildern, etwa bei Patienten mit Demenz, MS, Schlaganfall und Morbus Parkinson. Der genaue Wirkmechanismus der Musik ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht genügend geklärt. So gibt es kein eigentliches „Musikzentrum“. Jedoch ist klar, dass die auf unser Gehör und Zentralnervensystem einwirkenden Töne und Rhythmen Einfluss auf verschiedenste neuroanatomische Strukturen und in weiterer Folge auf unser Verhalten haben. Der Klang zeigt seine Wirkung im Temporallappen, dem limbischen System und dem motorischen Kortex. Es kommt zu einer weit reichenden Aktivierung dieser Strukturen, die in wechselseitiger Verbindung stehen. Körper und Geist des Patienten sind gleichsam der Resonanzkörper der Musik und sollen Schritt für Schritt der Genesung entgegengebracht werden. Die Stimulation dieser Areale und die damit verbundenen klinischen Verbesserungen des Patienten sind das definierte Ziel dieses Therapiekonzeptes.
„Es geht dabei nicht nur um eine passive Berieselung durch Musik, vielmehr versuchen wir mithilfe aktiver Musiktherapie mit den Patienten in eine direkte Interaktion zu treten“, erklärte Tomaino. Durch das gemeinsames Musizieren, zum Teil auch mittels den Patienten bekannter Lieder, gelingt es durch Rhythmisierung von Phrasen und Sprache große Erfolge zu erzielen – unter anderem auch bei aphasischen Patienten. Insbesondere die Musiktherapie in der Gruppe ermöglicht es, dass der häufig durch seine Grunderkrankung isolierte Patient mit seiner unmittelbaren Umgebung in Kontakt tritt. Die Interaktion der Patienten untereinander anhand von Gesang und Melodien erhöht durch gegenseitiges Beobachten den Aufmerksamkeitsgrad. Hierbei kommt es überdies zu einem emotionalen Austausch und zur Gemeinschaftsbildung. Insbesondere dem „Spiegellernen“ bzw. den Spiegelneuronen kommt hier Bedeutung zu. Diese Neuronengruppe ermöglicht erst menschliche Regungen wie Mitgefühl, Empathie und Sympathie, wodurch die Handlungen unserer Mitmenschen erst gewertet werden können und sie so ihre besondere Note erhalten. Aber nicht nur Fortschritte hinsichtlich Sprache und Aufmerksamkeit können forciert werden, auch Verbesserungen von motorischen Funktionen sind klinisch belegt. Musik kann daher als „Krücke“ bezeichnet werden, die verloren geglaubte motorische Fähigkeiten, Gleichgewichtsreaktionen und Koordination zumindest teilweise wiederherstellen kann. Die rhythmisch auditive Stimulierung von vertrauten Melodien unterstützt zudem die Fähigkeit, verlorene Erinnerungen abzurufen, und dient darüber hinaus als emotionale Unterstützung. Abschließend stellte Tomaino fest, dass Musik eine wichtige Nische in der therapeutischen Neurorehabilitation erfüllt und die Neuroplastizität zu erhalten hilft. Schließlich glaubt man, dass diese bis ins hohe Alter konserviert werden kann.

Dr. Samy Mazhar, Ärzte Woche 41/2006

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