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Neurologie 18. Juli 2006

Lernen, um zu überleben

Seine Erkenntnisse über die Funktion von Synapsen beim Lernen und Erinnern trugen ihm im Jahr 2000 den Nobelpreis für Medizin ein. Anfang Juni stellte Prof. Dr. Eric Kandel in Wien sein neues Buch vor, in dem er vom Abenteuer der Gedächtniserforschung und von seinem eigenen bewegten Leben erzählt, das ihn von Wien über Boston und Paris nach New York führte.

Was passiert im Gehirn, wenn wir lernen? Wie prägen sich Eindrücke, Erlebnisse, Fakten dauerhaft ein? Diese Fragen beschäftigen den Physiologen und Zellbiologen Prof. Dr. Eric Kandel seit einem halben Jahrhundert. Für die Antworten, die er darauf gefunden hat, erhielt er im Jahr 2000 den Nobelpreis für Medizin: Werden Informationen nur kurze Zeit gespeichert, so erfolgt das über eine – vorübergehende – Verstärkung vorhandener Synapsen. Für eine längere Speicherung ist die Bildung neuer, zusätzlicher Nervenendigungen notwendig. Dazu braucht es unter anderem die Aktivierung eines bestimmten Genregulatorproteins mit Namen CREB. Das bedeutet, dass das Gehirn sich dauerhaft anatomisch verändert, wenn Erfahrungen und Gelerntes ins Langzeitgedächtnis übernommen werden. Dieser Prozess kann unter anderem durch Wiederholung gefördert werden. Allerdings müssen die Lerninhalte auch Hürden überwinden. So gibt es ein Suppressorgen, den Gegenspieler von CREB, das sozusagen verhindert, das allzu viel Wissensmüll das Gehirn verstopft. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit dem in Wien geborenen Kandel, der 1939 als Zehnjähriger mit seiner Familie vor dem Naziterror in die USA fliehen konnte, über Tricks für bessere Gedächtnisleistungen, warum Sucht etwas mit Lernen zu tun hat und die pharmakologischen Möglichkeiten, altersbedingtes und krankhaftes Vergessen zu verhindern.

Professor Kandel, ärgern Sie sich, wenn Sie etwas vergessen?
Kandel: Da bin ich regelmäßig ziemlich irritiert.

Und was tun Sie dagegen? Was halten Sie etwa von Methoden, die das Lernen erleichtern sollen, wie Lernen im Schlaf?
Kandel: Niemand kann im Schlaf lernen. Es gibt jedoch einiges, womit man das Gedächtnis fördern kann. Wichtig ist, dass man mit voller Konzentration bei der Sache ist und alles andere ausblendet. Auch Assoziationen zu schaffen ist hilfreich. Wenn man jemanden kennen lernt, sollte man dessen Namen mit irgendetwas Bekanntem verknüpfen, um ihn sich zu merken. Auch sollte man nicht tagein, tagaus nur das Gleiche tun, sondern sich immer neuen Dingen zuwenden. Und schließlich hilft regelmäßige Bewegung, da dann das Gehirn besser durchblutet wird.

Manchmal spielt uns unser Gedächtnis einen Streich. Das wird besonders deutlich, wenn mehrere Zeugen etwa zu einem Autounfall befragt werden. Da weichen die Erinnerungen selbst an so eindeutige Fakten wie die Farbe der beteiligten Autos oft dramatisch voneinander ab.
Kandel: Das ist ein bekanntes Phänomen, und es hat damit zu tun, dass die Wahrnehmung verschiedener Menschen unterschiedlich ist, weil jeder dem, was er sieht, unterschiedliche Bedeutung beimisst. Deshalb werden auch unterschiedliche Fakten gespeichert. Auf unser Gedächtnis ist also nicht immer Verlass, denn das menschliche Gehirn ist keine perfekte Maschine.

Sie sagen in Ihrem Buch: Menschen sind lernfähig, wären sie das nicht, könnten sie nicht überleben. Wieso sind aber Verhaltensänderungen, wie Sie zum Beispiel zur Vermeidung bestimmter Zivilisationskrankheiten wichtig wären, so schwierig?
Kandel: Schwierig, aber nicht unmöglich. In Amerika ist es zum Beispiel gelungen, das Rauchen deutlich einzuschränken. Ich wundere mich schon sehr, wenn ich hier in Europa junge Frauen sehe, die rauchen. Um eine wirkliche Verhaltensänderung zu erzielen, ist es wichtig, dass Gesundheitsbehörden und Ärzte nicht müde werden, vor den Gefahren des Rauchens zu warnen. Ich verstehe überhaupt nicht, wie Ärzte ihren Patienten erlauben können zu rauchen. Aber natürlich hat das, wovon Menschen besonders schwierig lassen können, wie Zigaretten oder auch Essen, ein hohes Suchtpotenzial.

Es gibt so etwas wie ein Suchtgedächtnis. Wie funktioniert es?
Kandel: Auch dabei spielen wie beim Speichern und Erinnern von Lerninhalten Assoziationen eine große Rolle, nämlich die räumliche Umgebung, in der man eine Information erhält bzw. Bekanntschaft mit einer Droge macht. Wenn ich zum Beispiel hier in diesem Hotel das erste Mal Heroin nehme, werde ich immer, wenn ich in die Hotellobby komme, den Drang verspüren, Heroin zu nehmen. In den USA wurden dazu einige sehr interessante Studien gemacht. So gab es offenbar in Vietnam sehr gutes Heroin, viele Soldaten wurden süchtig. Als sie aber nach dem Krieg in die USA zurückkehrten, gelang es den meisten von ihnen, vom Heroin wegzukommen – einfach, weil sie in einer anderen Umgebung waren.

Memory Pharmaceuticals, das biopharmazeutische Unternehmen, dessen Mitbegründer Sie sind, entwickelt Medikamente zur Verbesserung des Gedächtnisses. Welchen Ansatz verfolgen Sie dabei?
Kandel: Wir arbeiten an Arzneimitteln gegen die altersbedingte Vergesslichkeit und gegen Alzheimer. Eines der in Entwicklung befindlichen Präparate verstärkt die Synthese des Proteins CREB, das wichtig dafür ist, dass Inhalte des Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis überführt werden. Bei Mäusen funktioniert das schon sehr gut. Wir gehen damit demnächst in die Phase 2.

Es gibt kritische Stimmen, die davor warnen, dass solche Gedächtnispillen zu Lifestyledrogen werden, wie es mit verschiedenen stimmungsmodulierenden Arzneien der Fall ist, und von gesunden, jungen Menschen genommen werden, die ihre Leistung verbessern wollen.
Kandel: Die Gefahr des Missbrauchs besteht bei jedem Medikament. Dem muss man natürlich aktiv entgegenwirken. Aber rund 60 Prozent der Menschen über 70 leiden an Vergesslichkeit. Die Hälfte von ihnen hat Alzheimer, bei der anderen Hälfte ist es altersbedingte Gedächtnisschwäche. Für sie können solche Medikamente äußerst hilfreich sein. Um sich als junger Mensch auf die Matura vorzubereiten, gibt es viel bessere Methoden – nämlich lernen.

Elisabeth Tschachler-Roth, Ärzte Woche 28/2006

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