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Neurologie 20. Juni 2006

Update Multiple Sklerose

Über die Behandlung akuter MS-Schübe besteht in Fachkreisen Einigkeit, hochdosierte Kortikoide sind die Therapie der Wahl. Für die schubfreien Intervalle stehen verschiedene Therapieoptionen mit ganz unterschiedlichen Angriffspunkten zur Verfügung. Darüber hinaus kann durch symptomatische Behandlung und Rehabilitation sehr viel Lebensqualität für den Patienten gewonnen werden.

Die Multiple Sklerose (MS) verläuft in der Regel in Schüben mit akuter Verschlechterung, die durch unterschiedlich lange symptomfreie oder -arme Phasen unterbrochen sind. Mit jedem Schub schreitet das Krankheitsgeschehen fort und geht nach etwa zehn Jahren nicht selten in eine sekundäre Progression über. „Die verschiedenen Stadien der Erkrankung erfordern den Einsatz angepasster Behandlungskonzepte. Im akuten Schub kommt der Gabe von Methylprednisolon in Dosierungen zwischen 0,5 und 1,0 Gramm täglich für drei bis fünf Tage größte Bedeutung zu. Diese Therapie erfolgt üblicherweise i.v., wobei es Hinweise gibt, dass eine orale Applikation ebenso wirksam ist“, berichtete Prof. Dr. Karl Vass, Klin. Abt. für Neurologische Rehabilitation, Univ.-Klinik für Neurologie, AKH Wien, anlässlich der 4. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie im März in Wien. Nicht alle Patienten sprechen auf diese Behandlung an, sodass ein zweiter, höher dosierter Cortison-zyklus und anschließendes Ausschleichen mit oralen Corticoiden empfohlen wird. Vass: „Manche Patienten mit Steroid-resistenten Schüben profitieren von einer Plasmapherese. Der tatsächliche Stellenwert dieser Maßnahme ist jedoch nicht durch geeignete Studien belegt. Das pathophysiologische Konzept dahinter erscheint aber verständlich, es werden humorale Immunmechanismen in den entmarkenden Gewebsläsionen angenommen.

Entzündungsgeschehen auch im Intervall

„Bei der Vielzahl der MS-Patienten liegt mehr entzündliche Akti-vität vor, als wir in den akuten Schüben zu Gesicht bekommen. In der Regel kommt es zu Neurodegeneration und Atrophie, jedoch ist die Dynamik dieses Prozesses nicht abschätzbar. Eine Intervalltherapie kann unter Umständen bereits nach der ersten Manifestation sinnvoll sein“, so Vass. Zur Behandlung der MS in den schubfreien Phasen sind Beta-Interferone und Glatiramerazetat geeignet. Voraussetzung für die Zulassung ist zumindest ein Schub in den vorangegangenen zwei Jahren. Vass: „Die Versorgung einer neu aufgetretenen MS sowie Kontrollen in halb- bis ganzjährigen Abständen müssen in spezialisierten Zentren erfolgen. Die Substanzen werden vom Patienten über lange Zeit selbst injiziert.“ Rehabilitation und symptomatische Maßnahmen ergänzen den Therapieplan und tragen zur Erhaltung der Lebensqualität bei. Glatimerazetat ist ein Gemisch aus Polypeptiden der Aminosäuren ­Glutamin, Lysin, Alanin und Tyrosin (GLAT). Es wird angenommen, dass diese Peptide über immunmodulatorische Mechanismen zu einer verstärkten Bildung antiinflammatorischer Zytokine und damit einer verringerten Schubrate beitragen. „Die Nebenwirkungen der Intervalltherapie werden von einzelnen Patienten zwar unangenehm empfunden, sind insgesamt aber meist harmlos. Ein problematischer Effekt ist dagegen die Bildung neutralisierender Antikörper gegen Interferone, sie können die klinische Wirksamkeit der Therapie beeinträchtigen“, so Vass. Bei besonders rasch progredienten Formen der MS kann eine immunsuppressive Chemotherapie mit Mitoxantron oder Cyclophosphamid indiziert sein. „Die Wirksamkeit in Hinblick auf Schubrate und Progression der Behinderung konnte in einer Veröffentlichung von Hartung et al. 2002 gezeigt werden. Aufgrund der Toxizität der Wirkstoffe muss jedoch jeweils eine maximale kumulative Dosis im Auge behalten werden. Die Kardiotoxizität von Mitoxantron kompliziert die sonst zumeist gut verträgliche Therapie und macht jährliche echokardiographische Kontrollen erforderlich“, warnte Vass. Obgleich Cyclophosphamid seit mehreren Jahrzehnten bei der MS eingesetzt wird, liegen keine ausreichend kontrollierten Studien zu dieser Indikation vor.

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