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Neurologie 1. Juni 2006

Neurorehabilitation als edukativer Prozess

Die so genannte „Plastizität des Nervensystems“ ermöglicht, verlorene Funktionen durch nicht geschädigte neurologische Strukturen auszugleichen.

Neurorehabilitation, als wichtiges Teilgebiet der Neurologie, befasst sich mit den funktionellen Folgen einer neurologischen Erkrankung und deren Behandlung, erläuterte Prof. Dr. Elisabeth Fertl, Leiterin der Abteilung für Neurologie, KA Rudolfstiftung, Wien, bei der 4. ÖGN-Jahrestagung. Während sich die Akutneurologie vor allem mit Ursachen des Schlaganfalls beschäftigt, die Rolle des Patienten eine passive ist und als Behandlungsziel Überleben und Heilung angestrebt werden, hat die Neurorehabilitation einen ganzheitlichen (bio-psycho-sozialen) Zugang. Behandlungsziel ist die größtmögliche Selbstständigkeit und soziale Reintegration, wobei die Rolle des Patienten eine aktive ist. Neurologische Rehabilitation ist ein edukativer Prozess, es geht um Hilfe zur Selbsthilfe, um das Erlernen von Alltagsfertigkeiten, wobei die Mechanismen der Neuroplastizität genutzt werden müssen.

Möglichst rasches Setzen repetitiver Reize

Da offenbar nicht geschädigte neurologische Strukturen sehr bald nach dem Ereignis über gesteigerte funktionelle Kapazitäten verfügen und so Aufgaben der geschädigten Strukturen übernehmen können, ist es wichtig, möglichst bald mit dem Setzen gezielter repetitiver Reize zu beginnen. Voraussetzung ist, dass zumindest eine geringe Wahrscheinlichkeit besteht, dass die Rehabilitation Besserung bewirken kann. Behandlungsinhalte sind individuelle Maßnahmenpakete (Restitution, Kompensation oder Adaptation einer Funktion), wofür ein interdisziplinäres Team und die aktive Mitarbeit des Patienten notwendig sind, und auch die Angehörigen müssen betreut werden. Es gibt verschiedene Phasen der neurologischen Rehabilitation ab dem Zeitpunkt der Akutbehandlung (Phase A). Besonders wichtig ist der Übergang in die Phase der Weiterführenden Rehabilitation (Phase C). Voraussetzungen dafür sind, dass der Patient zwar unselbständig für die Aktivitäten des täglichen Lebens (=ADL) ist, aber drei Stunden pro Tag belastbar und kooperationsfähig ist. Die ersten Phasen der Rehabilitation erlebt der Patient in der Regel im Akutspital, in der neurologischen Abteilung und angeschlossenen rehabilitativen Einrichtungen. Ist der Patient soweit mobil, dass ein Transport möglich ist, kann eine ambulante oder stationäre Rehabilitation möglich sein. Der Antrag auf ein Anschlussverfahren wird vom Patienten gestellt (ist dieser nicht geschäftsfähig, von Sachwalter oder Angehörigen). Der Arzt liefert die Indikation und medizinische Informationen. Die Kostenträger (Pensions- bzw. Krankenversicherung) sind verpflichtet, jeden Antrag zu bearbeiten und eine Erklärung über die Kostenübernahme abzugeben. Wichtigstes Messinstrument zur Beurteilung des Rehabilitationserfolges ist der Barthel-Index, mit dem auch geschulte Nichtmediziner sehr gut die ADL bewerten können. Bei einem Barthelindex unter 60 sind Patienten zu Hause auch mit Hilfe nicht haltbar. „Grundsätzlich sollte jedem Patienten die Rehabilitation ermöglicht werden“, betonte Fertl. Ausnahmen bzw. Kontraindikationen sind: akute dekompensierte Krankheitszustände, Verwirrtheit und schweres organisches Psychosyndrom, Malignome, Marasmus, aber auch fehlende Motivation. Hoher Pflegeaufwand und Trachealkanülen sind für manche Einrichtungen ein Ausschließungsgrund.

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