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Neurologie 31. Mai 2006

Zielstrebig auf Kurs bleiben

Die Neurologie hat sich mittlerweile eindeutig von der „Schwester“ Psychiatrie emanzipiert. Zu eigenständig sind die beiden Fachrichtungen bereits, um in einem Atemzug genannt zu werden. Für die Fachgesellschaft bedeutet diese Entwicklung, die Profilierung in der Bevölkerung zu verankern und die Zusammenarbeit mit Allgemeinmedizinern und anderen Spezialisten zu forcieren.

Noch vor wenigen Jahren hatte die Neurologie damit zu kämpfen, dass in der Bevölkerung eigentlich nur wenige genauer über den Aufgabenbereich von Neurologinnen und Neurologen Bescheid wussten. Doch das ist beinahe schon Schnee von gestern. „Die Österreichische Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) konnte in den letzten Jahren eine stärkere Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung zu neurologischen Fragestellungen erreichen, vor allem durch gute Öffentlichkeitsarbeit“, freut sich Prof. Dr. Franz Fazekas von der Universitätsklinik für Neurologie der Medizinischen Universität Graz, der in rund einem Monat die ÖGN-Präsidentschaft übernehmen wird. In den eigenen Reihen hat eine Verbesserung der Qualität von Aus- und Fortbildung Platz gegriffen. „Dass wir uns der wesentlichen Themen annehmen, spiegelt sich auch in der steigenden Mitgliederzahl der ÖGN wider. Zurzeit sind über 650 Kolleginnen und Kollegen registriert“, berichtet Fazekas. „Dies bestätigt den Kurs der vorigen Präsidenten und sollte nun auch für meine Amtsperiode richtungweisend sein.“

Was macht die Neurologie heute aus?
Fazekas: Die Entwicklung der Altersstruktur der Bevölkerung auf der einen und die enormen technisch-diagnostischen und auch therapeutischen Fortschritte in der Neurologie auf der anderen Seite stellen die Kollegenschaft vor eine große Herausforderung, bieten aber auch neue Möglichkeiten. Wir können heute bei vielen neurologischen Erkrankungen, bei denen in den vergangenen Jahren noch keine zufrieden stellende Behandlung möglich war, durchaus gute Therapien anbieten. Allerdings erfordert das zunehmende Wissen um die neurologischen Besonderheiten auch eine entsprechend spezialisierte Ausbildung.

Eine Ausbildung jenseits von Subspezialitäten?
Fazekas: Die wachsende Breite unseres Fachgebietes erfordert ein großes Allgemeinwissen. Eine intensivere Auseinandersetzung mit Teilbereichen durch einzelne KollegInnen ist aber unabdinglich, um auch komplexere Aufgaben adäquat zu erfüllen. Darüber hinaus soll eine möglichst flächendeckende Betreuung von PatientInnen mit neurologischen Leiden gewährleistet sein: Von der Neuroonkologie über die Schmerztherapie, von Schlaganfall­einheiten bis zu MS-Zentren. Das Spektrum der Spezialisierung ist breit und verlangt eine starke Vernetzung – einerseits innerhalb der Neurologie, zwischen den einzelnen Spitalsbereichen und den niedergelassenen KollegInnen. Andererseits ist auch eine enge Kooperation mit anderen Fachrichtungen nötig. Im Bereich der Schmerztherapie reicht dieses Spektrum von der Anästhesie über die Orthopädie und Neurochirurgie bis hin zu Psychiatrie und Psychosomatik. Auch die Hausärzte sind mit an Bord. Allerdings ist hier der Informationsfluss noch nicht ideal.

Es sind also keine Additivfächer geplant?
Fazekas: Das erachte ich nicht für nötig. Grundsätzlich sollte ein ausgebildeter Neurologe in der Lage sein, das gesamte Fachgebiet abzudecken. Es darf nicht nur Spezialisten geben, wir dürfen die Allgemeinneurologie nie aus den Augen verlieren. Die Gewichtung der Arbeit des einzelnen Neurologen kann und soll durchaus in eine oder mehrere bestimmte Richtungen gehen.

Wie können Patienten und Zuweiser Spezialisierungen erkennen?
Fazekas: In verschiedenen Bereichen, wie den MS-Zentren, Stroke Units oder Neurorehabilitationseinheiten, ist die Spezialisierung klar erkenntlich. Für MS-Zentren ist eine solche Kennzeichnung auch schon im niedergelassenen Bereich vorgesehen und wird auf der Webseite der Gesellschaft (www.oegn.at) ausgewiesen. Wir planen, diese Möglichkeit in Zukunft auch für andere Bereiche neurologischen Spezialwissens anzubieten. Zudem wollen wir über das Internet vermehrt fachmedizinische Information für ÄrztInnen und PatientInnen verfügbar machen.

Die IMAS-Umfrage im vergangenen Jahr ließ durchscheinen, dass die breite Bevölkerung nicht viel Ahnung von der Tätigkeit der Neurologen hat …
Fazekas: Die Ergebnisse der Umfrage waren für uns zwar nicht überraschend, betroffen machten sie dennoch. Spätestens seit der Trennung des Faches von der Psychiatrie wissen viele Menschen kaum etwas über unser Berufsbild. Deshalb reagierte die Gesellschaft auch mit intensiver Pressearbeit und Informationsveranstaltungen. Diese mediale Tätigkeit werde ich weiterführen.
Für die PatientInnen und insbesondere auch die Allgemeinbevölkerung wurden bereits Flyer produziert, der Versand in die Praxen und an die Haushalte ist noch abzuklären. Unsere Informationsbroschüre kann aber bereits jetzt von allen KollegInnen über unser Sekretariat angefordert werden.

Sie haben als Präsident auch Kollegen mit dem Doppelfach Neurologie/Psychiatrie zu vertreten. Wie sieht deren Zukunft aus?
Fazekas: Die Trennung der beiden Fachrichtungen war eine Notwendigkeit. Obwohl vom Fachlichen ein enger Zusammenhang herrscht, ist es zeitgemäß, sowohl die vorwiegend auf morphologischem Substrat basierende neurologische Medizin als auch die Psychiatrie als eigenständige Richtung zu sehen. Die Entwicklungen in beiden Fächern schreiten unabhängig voneinander voran. Das Doppelfach hat nach wie vor als Brücke zwischen den beiden Disziplinen seine Berechtigung, allerdings ist eine Spezialisierung sicher vonnöten. Wir wollen diese Kollegen auf jeden Fall weiter unterstützen. Auch die Gesellschaft für Psychiatrie wird Rahmenbedingungen schaffen, dass der jeweils andere Bereich weiter praktiziert werden kann. Naturgemäß ist es für diese Kollegen schwierig, sich umfassend in beiden Fachbereichen weiterzubilden. Als Zeichen der Verbundenheit wird im April 2007 unsere Jahrestagung in Salzburg gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie und der Österreichischen Alzheimer-Gesellschaft stattfinden. Thematisch soll der Schwerpunkt auf geriatrische Neuropsychiatrie, degenerative Erkrankungen und Schmerz gelegt werden. Die Notwendigkeit einer intensiven Zusammenarbeit der beiden Fächer ist offensichtlich.

Ihr Vorgänger hat sich recht optimistisch zur Strukturreform des Gesundheitssystems geäußert …
Fazekas: Nach wie vor wird diesbezüglich verhandelt. Da die Neurologie im Österreichischen Strukturplan ein sehr verantwortungsbewusstes und zukunftsweisendes Konzept mitgestalten konnte, hoffen wir, dass die Vorschläge auch umgesetzt werden. Zwar mussten wir einige Abstriche machen, wir stehen aber nach wie vor zu Forderungen, wie der Notwendigkeit, auf jeder neurologischen Abteilung eine Schlaganfalleinheit zu etablieren.

Wie weit ist die flächendeckende Betreuung mit Stroke-Units schon fortgeschritten?
Fazekas: Wir sind hier auf einem guten Weg. Das Stroke-Unit-Netzwerk vereint immer mehr Mitarbeiter, die aus der Klinik gewonnene Daten für eine gemeinsame Datenbank zur Verfügung stellen: Das so entstandene Österreichische Schlaganfallregister erlaubt ein kontinuierliches Benchmarking. Im Sinne der Qualitätskontrolle ist dies eine hervorragende Einrichtung. In Zukunft muss sicher auch die Rolle der Neurorehabilitation im Rahmen der Akutversorgung noch mehr Betonung finden. Die Zusammenarbeit mit allen daran beteiligten Kollegen ist dafür von großer Wichtigkeit. Gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Neurorehabilitation wollen wir deshalb schon bald ein Curriculum anbieten mit der Möglichkeit, sich auf diesem Gebiet zu spezialisieren.

Stehen in nächster Zeit größere Aufgaben für die ÖGN an?
Fazekas: Ein wesentlicher Schwerpunkt der Arbeit unserer Gesellschaft ist weiterhin die Förderung der Aus- und Weiterbildung. Die Facharztprüfungen laufen gut und finden bei den jungen KollegInnen gute Akzeptanz, da wir sehr praxisorientiert prüfen. Zudem versuchen wir, über die Etablierung verschiedener Akademien, wie die Schmerz- oder die MS-Akademie, vertieftes Wissen in bestimmten Fachbereichen zu vermitteln. Wir haben auch spezielle Angebote für Führungskräfte, wie das Primarärzteforum, oder eine Plattform für niedergelassene KollegInnen im Programm. Unsere Mitglieder sollen aber, nach Möglichkeit, auch selbst aktiv sein.

In welche Richtung wird sich die Neurologie in den kommenden Jahren entwickeln?
Fazekas: In allen Teilbereichen werden die therapeutischen Möglichkeiten breiter und bunter. Ob Demenzen, Epilepsie, Kopfschmerz oder Bewegungsstörungen – die Datenlage zur Wirksamkeit neuer Substanzen wird zunehmend besser. Die spezialisierten Therapien sind allerdings auch mit höheren Kosten verbunden. Dies impliziert naturgemäß vermehrte Diskussionen mit dem Hauptverband. Es wird für die KollegInnen immer schwieriger werden, neue, hochpreisige Behandlungen verordnen zu können. Hier ist die enge Zusammenarbeit zwischen Neurologen und Hausarzt gefordert. Es müssen klare Indikationen für den Einsatz der Therapeutika vorliegen. Die Behandlung mit Antidementiva oder Schmerzmitteln bedarf einer ausführlichen Abklärung.

Im stationären Bereich scheint der Ablauf weitgehend reibungslos zu funktionieren. Wie sieht es mit Strategien gegen überlastete Ambulanzen und lange Wartezeiten aus?
Fazekas: Hier gibt es große regionale Unterschiede. Während es in einigen Gebieten Österreichs zu starken Engpässen kommt, da primär an die Ambulanzen statt an niedergelassene Kollegen überwiesen wird, haben wir in Graz keine derartigen Probleme. Diese Thematik wird daher eher in den einzelnen Gesundheitsplattformen der Länder zu diskutieren sein.

Wie sollte die neurologische Landschaft am Ende Ihrer Amtsperiode aussehen?
Fazekas: Ich würde mir wünschen, dass wir die begonnenen Projekte und Aktivitäten möglichst intensiv weiterführen können. Dafür ist die Unterstützung einer breiten Basis von NeurologInnen nötig. In zwei Jahren sollten alle, die mit der Arbeit der Gesellschaft konfrontiert waren, eine gute Kontinuität bemerken und das Gefühl haben, wieder ein Stück weiter zu sein. Im Prinzip sind dafür keine neuen Ziele zu definieren. Vielmehr sollte es genügen, in nächster Zeit einfach unserem Kurs treu zu bleiben.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 18/2004

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