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Neurologie 22. März 2006

Neurologen tagten in Wien

Was die Versorgung nach Schlaganfall betrifft, liegt Österreich international im Spitzenfeld. Das zeigten die ersten Ergebnisse des Österreichischen Stroke Unit-Registers, die bei der 4. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie letzte Woche in Wien präsentiert wurden. Weitere zentrale Themen der Tagung waren neue Untersuchungen zur Plastizität des Nervensystems, Aspekte der Epilepsie als Modellerkrankung zur Aufklärung anderer neuro-psychiatrischer Störungen sowie aktuelle Erkenntnisse zur Schmerzverarbeitung im Gehirn.

„In Österreich ereignen sich jährlich zirka 24.000 Insulte. Epidemiologische Untersuchungen belegen, dass die Schlaganfallhäufigkeit innerhalb der letzten 30 Jahre in allen Altersgruppen gesunken ist. Jedoch führen die demografische Entwicklung mit zunehmender Lebenserwartung und der deutliche Zusammenhang der Schlaganfall-Inzidenz mit steigendem Alter dazu, dass die absolute Zahl der Schlaganfälle mit wachsender Tendenz zunimmt“, berichtete Prof. Dr. Wilfried Lang, Vorstand der Abteilung für Neurologie und neurologische Rehabilitation, KH der Barmherzigen Brüder Wien, anlässlich der 4. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) und dem Schlaganfall-3-Länder-Treffen (Österreich, Deutschland, Schweiz) letzte Woche im Austria Center Wien. Erste Daten des bereits 2003 von der Österreichischen Gesellschaft für Schlaganfall-Forschung (ÖGSF) gemeinsam mit dem Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) installierten Österreichischen Stroke-Unit-Registers, zeigen, dass Österreich in der Schlaganfall-Versorgung im internationalen Spitzenfeld liegt. Österreich zählt zu den europäischen Ländern mit den höchsten Thrombolyse-Raten pro Million Einwohner. Im europäischen Vergleich liegt in diesem Bereich lediglich Finnland vor uns. Seit der Zulassung der Thrombolyse im September 2003 wächst der Anteil der Personen, die mit dieser Therapie behandelt werden, kontinuierlich von 4,9 Prozent (2003) auf 7,8 Prozent im Jahr 2005. „Es ist erfreulich, dass diese Therapiemöglichkeit österreichweit so rasch umgesetzt werden kann. Der Nutzen ist um so größer, je früher die Auflösung des Thrombus erfolgt“, betonte Lang, Vizepräsident und Präsident elect der ÖGSF, die Bedeutung eines flächendeckenden Thrombolyse-Einsatzes. Eine wesentliche Rolle spiele hier auch die gute Zusammenarbeit der Schlaganfallzentren mit dem Rettungswesen. Diese ermögliche, dass bereits mehr als 40 Prozent der Betroffenen innerhalb der ersten 90 Minuten nach dem Schlaganfall-ereignis im Spital aufgenommen werden können. „Die Thrombolyse darf lediglich 180 Minuten nach dem Auftreten eines Schlaganfalls durchgeführt werden. Bei Patienten, die innerhalb dieses Zeitraums auf neurologische Abteilungen kommen, kann die Thrombolyse bereits bei 43 Prozent erfolgen. Einheitliche Strukturqualitätskriterien ermöglichen eine hohe Effizienz und tragen dazu bei, dass das österreichische Stroke-Unit-Versorgungsnetzwerk weltweit als führend anerkannt wird“, präzisierte Lang. Derzeit gibt es österreichweit 32 dieser speziellen Schlaganfall-Überwachungsstationen. Bis 2010 sind 40 Zentren mit insgesamt etwa 200 Betten geplant.

40 Stroke-Units bis 2010

So gut in Österreich auch Akutbehandlung an Stroke-Units und frühe Akut-Rehabilitation etabliert sind, bestehe doch „Förderungsbedarf, was die so genannte Akutnachbehandlung schwerst betroffener Schlaganfallpatienten betreffe“, betonte Prof. Dr. Eduard Auff, Vorstand der Wiener Univ.-Klinik für Neurologie und ÖGN-Tagungsprä-sident. Trotz optimaler Erstversorgung und guter Therapiemöglichkeiten sind etwa zwei Drittel der Patienten in irgendeiner Form von Folgeschäden der Durchblutungsstörung des Gehirns betroffen. Neuen Erkenntnissen bezüglich der Regenerationsfähigkeit des Gehirns, der so genannten „Plastizität des Nervensystems“, solle in Zukunft vermehrt Rechnung getragen werden: „Das Gehirn ist in der Lage, verlorene Funktionen durch benachbarte Gebiete auszugleichen oder zu übernehmen. Rezente Untersuchungen zeigen, dass auch noch ein Jahr nach dem Ereignis therapeutische Maßnahmen Verbesserungen bringen.“ Um diese Plastizität voll auszunutzen, braucht das Gehirn allerdings Anreize, die beispielsweise durch spezielle physiotherapeutische Verfahren gesetzt werden können. Neuere experimentelle Untersuchungen zeigen auch günstige Effekte durch elektrische Stimulation sowie durch Änderung sensibler Einflüsse auf das Gehirn.

Epilepsie – Erkrankung mit Modellcharakter

Die Epilepsie als Erkrankung mit Modellcharakter für die Erforschung menschlicher Hirnfunktionen sowie die Aufklärung der Grundlagen anderer neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen sieht Prof. Dr. Christoph Baumgartner, Universitätsklinik für Neurologie, Wien. Im Rahmen der prächirurgischen Epilepsiediagnostik ergäben sich einzigartige Möglichkeiten zur Durchführung invasiver elektrophysiologischer Untersuchungen am menschlichen Gehirn. Die Epilepsie zählt zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen. Etwa 65.000 Menschen in Österreicher leiden daran. Trotz wirksamer Therapien ist die Epilepsie auch heute noch eine zu unrecht stigmatisierende Erkrankung, wie eine österreichweit durchgeführte Umfrage zeigte. Baumgartner: „Dank genauerer Neuroimaging-Verfahren kann die Krankheit jedoch immer präziser diagnostiziert und gezielter behandelt werden. Moderne Medikamente und die Epilepsie-Chirurgie können sehr vielen Patienten wirksam helfen. Wichtige Forschungsansätze sind die Arbeiten an Erkennungssystemen für die Anfallsvorhersage. Im experimentellen Stadium befindet sich derzeit die Neurotransplantation.“ Ein weiteres wichtiges Gebiet in der Neurologie stellen Schmerzforschung, - diagnostik und –therapie dar. Sowohl beim akutem als auch beim chronischen Schmerz ist die Neurologie nicht zuletzt deshalb immer mehr gefordert, weil sie einen wesentlichen Anteil in der Diagnose und Behandlung erbringen kann. Hier stehen dem Neurologen mittlerweile eine Reihe moderner diagnostischer Verfahren zur Verfügung, die zum Teil schon gezielte Therapien ermöglichen.

Empathie als Schmerzauslöser

Mittels funktioneller Bildgebung kann die Schmerzverarbeitung im Gehirn heute quasi sichtbar gemacht werden. In einer rezenten Untersuchung der Neurologin Dr. Tania Singer vom University College in London (Science 2004 und Nature 2006) gelang es, bei sich nahestehenden Paaren eine empathische und emotionale Komponente der Schmerzverarbeitung nachzuweisen. Diese Erkenntnisse haben auch Einfluss auf Überlegungen zur Schmerztherapie. „So könnten Patienten mit chronischen Schmerzen eventuell von Antidepressiva profitieren“, erläuterte Prof. Dr. Stefan Quasthoff, Universitätsklinik für Neurologie, Medizinische Universität Graz. Auch ein neuer Ansatz in der Therapie neuropathischer Schmerzen wird derzeit klinisch geprüft. Quasthoff: „Es handelt sich um Lokalanästhetika-ähnliche Wirkstoffe mit dem Vorteil der oralen Verfügbarkeit. Mögliche Einsatzgebiete wären beispielsweise Schmerzen durch Nervenschädigung und Amputationsschmerz, bei denen andere Therapiesysteme versagen. Bewährt haben sich die Substanzen speziell bei Patienten, die unter einer Allodynie und Hyperpathie leiden.“ Um eine fundierte Ausbildung auf dem Gebiet des Schmerzes sicherzustellen, hat die ÖGN gemeinsam mit der Österreichischen Schmerzgesellschaft eine spezielle Weiterbildungsmöglichkeit, die Schmerzakademie, eingerichtet. Modulhaft soll regelmäßig fachspezifisch und fachübergreifend das Thema Schmerz bearbeitet und im Anschluss das Fortbildungsdiplom der Ärztekammer im Bereich Schmerz erworben werden.

Pressekonferenz anlässlich der Jahrestagung der ÖGN vom
15. bis 13. März Austria Center Wien

 

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