zur Navigation zum Inhalt
 
Neurologie 8. Februar 2006

Bauchgefühle sitzen im Gehirn

Auch die Medizin hat ihre speziellen Moden. Zuletzt war es die Gentherapie, die für viele Diskussionen sorgte und große Hoffnungen weckte. Heute spricht man insbesondere von den Spiegelneuronen. Ihre Bedeutung wird bereits mit der einstigen Entdeckung der DNA-Struktur verglichen.

Wenn man mitbekommt, wie ein kleines Kind sich mit dem Messer in den Finger schneidet, durchfährt einen ein Schmerz. Und sieht man jemanden gähnen, so muss man höchstwahrscheinlich im nächsten Augenblick selber gähnen. Diese Phänomene sind nicht neu. Neu ist deren wissenschaftliche Erklärung, die die Neurobiologie liefert. Sie macht für die unwillkürlichen Verhaltensweisen die so genannten Spiegelneuronen verantwortlich. „Spiegelneurone sind einerseits normale Nervenzellen, die unsere Handlungen, unsere Körperempfindungen und Gefühle steuern. Andererseits werden sie auch aktiv, wenn wir andere beobachten. Das heißt, im Gehirn des Beobachters läuft ein Simulationsprogramm ab, so dass er erlebt, was der Beobachtete tut oder fühlt“, so der Internist und Psychiater Prof. Dr. Joachim Bauer von der Universität Freiburg, Deutschland.

Keine Arbeitsteilung

Alles fing in einem Versuchslabor des Instituts für Humanphysiologie an der Universität Parma an, Anfang der 1990er-Jahre. Eigentlich wollte der Neurologe Prof. Dr. Vittorio Gallese nur testen, wie das Gehirn eines Affen arbeitet, wenn das Tier nach einer Erdnuss greift. Er fand heraus, dass immer dieselben Hirnzellen bei der Greifbewegung aktiv waren, aber erstaunlicherweise nur bei dieser. Galt die Greifbewegung einem anderen Gegenstand, waren sie nicht aktiv. Und: Die Zellen feuerten auch dann, wenn der Affe nur beobachtete, wie jemand anderes nach der Erdnuss griff. Bis dahin hatten die Wissenschaftler an eine strikte Arbeitsteilung der grauen Zellen beim Affen wie auch beim Menschen geglaubt: Bestimmte Bereiche im Gehirn seien nur für das Sehen zuständig, andere steuerten ausschließlich das Muskelspiel, so die allgemeine Auffassung. Doch durch Galleses Entdeckung, so meinen Experten, wird der Organisationsplan des Gehirns umgeschrieben werden müssen.

Biologische Grundausstattung

Dr. Vilayanur Ramachandran, Professor für Neurowissenschaften und Direktor des Forschungszentrums für Kognition und Gehirn an der Universität von Kalifornien in San Diego, schwärmt sogar: „Ich sage voraus, dass die Entdeckung der Spiegelneuronen für die Psychologie so bahnbrechend sein wird, wie es die Entdeckung der Struktur der DNA für die Genetik war: Sie wird dazu beitragen, ein ganzes Spektrum von mentalen Fähigkeiten zu erklären, die mysteriös und Experimenten unzugänglich geblieben sind.“ Inzwischen hat die Forschung herausgefunden, dass beim Menschen Spiegelneuronen sowohl im Prämotorischen Kortex, der für Bewegungen zuständig ist, als auch im Insularen Kortex, wo Gefühle und Ekel verarbeitet werden, und im Sekundären Somatosensorischen Kortex, der Berührungen registriert, sitzen. Diese Nachahmerzellen gehören zur biologischen Ausstattung eines jeden Menschen. In welchem Ausmaß sie ausgebildet werden, hängt freilich vor allem davon ab, wie sehr sie gerade in der Kindheit aktiviert werden. Ein Kind, das nie ein Lächeln seiner Umgebung erfährt, wird mit Sicherheit auch im späteren Leben kaum zur Spiegelung fähig sein, also kaum auf die Empfindungen anderer Menschen achten.

Emotionales Verstehen

Ein großes Diskussionsthema unter Medizinern ist im Augenblick, inwieweit verhaltenspathologische Formen wie etwa Autismus als Ausdruck einer ungenügenden Spiegelneuronen-Ausbildung gedeutet werden können. Denn laut Bauer sind die Spiegelneuronen „die Basis für emotionales Verstehen“, die physiologische Grundlage des Mitgefühls und der Intuition. Das System der Spiegelneurone wird daher auch als das Zentrum der emotionalen Intelligenz bezeichnet. Füttert die Mutter ihr Kind, so macht sie selbst ihren Mund weit auf. Eine intuitiv richtige Verhaltensweise, denn automatisch öffnet darauf auch das Kind seinen Mund. Das Imitationsverhalten ist allerdings auch beim erwachsenen Menschen zu beobachten. Sitzen zwei Personen zusammen, so geschieht es oft, dass der eine die gleiche Körperhaltung einnimmt wie der andere, vor allem bei erhöhter Sympathie. Schlägt der eine das rechte Bein über das linke, so macht bestimmt im nächsten Augenblick genau das auch der andere.

Nicht alles wird gespiegelt

„Die Spezies Mensch hat die Tendenz“, schreibt Bauer, „sich auf den emotionalen oder körperlichen Zustand eines anderen Menschen einzuschwingen.“ Der große Unterschied zwischen Erwachsenem und Kleinkind ist nur, dass bei diesem ein Hemmmechanimus ausgebildet ist, der verhindert, dass jede erwogene Handlung auch sofort ausgeführt wird. Diese Art neuronale Schranke erklärt auch, wieso wir bei so viel neuronaler Spiegelung nicht ein Haufen hemmungsloser Marionetten sind. Wenn der Jogger vor uns strauchelt, stolpern wir nicht etwa selbst, sondern erleben den Sturz allenfalls mental mit. Versagt hingegen der Blockademechanismus etwa infolge einer lokalen Hirnschädigung, zeigen sich Symptome der Echopraxie, also des unwillkürlichen, zwanghaften Nachahmens der Bewegungen anderer. Diese Patienten nehmen, ohne es zu wollen, ihre Brille ab, binden sich die Schuhe oder kratzen sich die Nase – nur weil sie es bei anderen beobachten. Das Leben unter der Regie der Spiegelneuronen wird zur zwanghaften Qual. Bauer macht deutlich, warum es Kindern schadet, wenn sie per Fernsehen oder Computerspiel zu viel Gewalt konsumieren: Die be­obachteten Handlungen könnten unbewusst abgespeichert werden und stünden dann als eine neue Handlungsoption zur Verfügung.

Intuitiv Signale erfassen

Natürlich müsse es nicht zur Ausübung kommen, erklärt er, schließlich gibt es da noch den Blockademechanismus bzw. den freien Willen. Doch je öfter eine Handlung beobachtet wird, desto fester sei sie wahrscheinlich in den Spiegelneuronen verankert. In Einkaufsstraßen oder Bahnhöfen erleben wir immer wieder ein kleines Wunder: So viele Menschen sind auf engstem Raum unterwegs, und doch kommt es kaum zu Zusammenstößen. Auch das ist das Werk der Spiegelneuronen. Sie feuern nicht nur, wenn wir eine Handlung beobachten oder mit der Gefühlswelt eines anderen Menschen zusammentreffen. Auf einer präreflexiven Ebene verschaffen sie uns auch Gewissheit über den vermutlich weiteren Ablauf des Geschehens. Das heißt: Intuitiv erfassen wir im Menschengewimmel aus einzelnen Signalen, ob der Mensch, der uns gerade entgegenkommt, wohl nach links oder rechts ausweichen wird. Der Verstand muss dazu gar nicht eingeschaltet werden, was wiederum erklärt, warum uns das vor- oder sogar unbewusste Erfassen einer Situation wie selbstverständlich vorkommt. Wenn es von einer Sportmannschaft heißt, dass sie sich „blind versteht“, so bedeutet das nichts anderes, als dass ein gegenseitiges Verständnis für die zu erwartenden Laufwege der Mitspieler besteht. Sie handeln aus einem „Bauchgefühl“ heraus, das aber tatsächlich vom Gehirn gesteuert wird.

Neurologische Resonanzen

Tritt ein Mensch in unseren Wahrnehmungshorizont, dann aktiviert er, ohne es zu beabsichtigen und unabhängig davon, ob wir wollen oder nicht, in uns eine neurologische Resonanz. Das ist die wissenschaftliche Erklärung für das, was wir schon immer gewusst haben: Kommen wir mit jemandem zum ersten Mal zusammen, so können wir sofort sagen, ob er uns sympathisch ist oder nicht. Freilich kann es sein, dass wir, mit der Kraft unseres Verstandes, unser erstes, vor-analytisches Urteil mit der Zeit wieder revidieren. Die natürliche Spiegelung ist nicht zuletzt für die Arzt-Patient-Beziehung entscheidend, wie Bauer betont: „Es begegnen sich zwei Personen, deren Einstellungen und Erwartungen zu intuitiven Wahrnehmungs- und Spiegelungsabläufen führen, die den Behandlungserfolg stärker beeinflussen als manche therapeutische Maßnahme.“ Unsere Spiegelneuronen sind immer aktiv, sie lassen sich nicht ausschalten. Nichts ist allerdings schlimmer für sie, als wenn sie auf keine Resonanz stoßen. Das ist dann der Fall, wenn Menschen keine Reaktionen erfahren und gleichsam wie Luft behandelt werden. Just diese Strategie wird beim Mobbing verfolgt. Eine sehr effektive Strategie: das Opfer kann bekanntlich nicht nur psychisch, sondern auch körperlich schwer erkranken.

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 6/2006

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben