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Neurologie 25. August 2017

Neuer Ansatz für MS-Therapie?

Expertenbericht. Forscher aus Graz haben bei MSPatienten veränderte Immunzellen im Darm nachgewiesen. Das könnte helfen, die Entstehung Multipler Sklerose zu verstehen.

Die Genese von Multipler Sklerose (MS) ist weitgehend ungeklärt, wobei ihre Herkunft und Entstehung weltweit intensiv erforscht wird. Im Tiermodell zeigten sich Einflüsse des Darms, insbesondere der Darmflora und des darmassoziierten Immunsystems (Immunzellen in der Darmschleimhaut, eine der größten Ansammlungen von Immunzellen im Körper), auf den Verlauf der Erkrankung. Ähnliche Daten für Multiple Sklerose beim Menschen gab es bislang lediglich zur Zusammensetzung der Darmflora. Daten zur möglichen Rolle einer geänderten Darmflora in der Entstehung der MS über die Beeinflussung bakterieller Stoffwechselprodukte im Darm und des darmassoziierten Immunsystems lagen bisher im Menschen nicht vor.

In einer Studie der Medizinischen Universität Graz, bei der die Kliniken für Neurologie und Innere Medizin kooperierten, wurde versucht, diese unklaren Fragestellungen bei Patienten mit frisch diagnostizierter MS zu erforschen. Zunächst wurden Stuhlproben von Patienten und gesunden Kontrollpersonen unter anderem auf deren Gehalt von kurzkettigen Fettsäuren, die wichtige bakterielle Stoffwechselprodukte darstellen, untersucht. Kurzkettige Fettsäuren spielen eine wichtige Rolle in der Prägung und Funktionalität des darmständigen Immunsystems. Tatsächlich zeigten sich diese kurzkettigen Fettsäuren bei Patienten mit MS deutlich vermindert: Der Gesamtgehalt dieser Stoffwechselprodukte fand sich auf weniger als die Hälfte reduziert.

Weiters wurden denselben Patienten und Kontrollpersonen im Rahmen einer Darmspiegelung Schleimhautproben entnommen. Aus diesen Schleimhautfragmenten konnten mithilfe moderner labormedizinischer Techniken die wichtigsten Immunzellen isoliert werden. Auch hier zeigten sich Veränderungen, wie sie bereits aus den oben genannten Tiermodellen vermutet werden konnten: Immunzellen, welche die Schaltstelle der Immunantwort darstellen (dendritische Zellen) und das Immunsystem in eine entzündungshemmende Richtung lenken, waren in ihrer Anzahl vermindert. Dazu passend waren auch T-Zellen, die entzündungshemmende Signale vermitteln, reduziert. Interessanterweise konnten die Wissenschaftler die beschriebenen Veränderungen ausschließlich im linksseitigen Dickdarm, nicht jedoch in den Proben aus dem rechtsseitigen Dickdarm, nachweisen. Diese unterschiedliche Ausprägung der zellulären Veränderungen könnte in dem verschiedenen embryologischen Ursprung, der unterschiedlichen Genexpressionsstruktur, der verschiedenen Besiedelung mit Keimen der Darmflora und der unterschiedlichen Stoffwechselaktivität der Darmregionen begründet sein.

Über die Hintergründe der Veränderungen wird derzeit spekuliert. Beispielsweise könnten westliche Ernährungsgewohnheiten mit der vermehrten Aufnahme von tierischen und wenigen pflanzlichen Produkten, hohem Zuckeranteil und industriellen Nahrungszusatzstoffen eine wichtige Rolle bei der Verminderung der kurzkettigen Fettsäuren spielen. Dies wiederum könnte die beobachtete Verminderung der antientzündlichen Zellen bedingen, was zur Autoimmunreaktion bei Multipler Sklerose beitragen könnte. Ob und inwieweit der derzeit viel zitierten „Darm-Hirn-Achse“ eine Rolle in der Entstehung und möglicherweise auch Therapie der Multiplen Sklerose zukommt, werden zukünftige Studien zu klären haben.

Dr. Adrian Mathias Moser ist Mitarbeiter der Medizinischen Universität Graz.

Christoph Högenauer et al.: „Mucosal biopsy shows immunologic changes of the colon in patients with early MS“, publiziert in „Neuroimmunology & Neuroinflammation“, http://nn.neurology.org/ content/4/4/e362.full

Adrian Mathias Moser
, Ärzte Woche 35/2017

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