zur Navigation zum Inhalt
 
Neurologie 27. Oktober 2005

Neuer Bluttest bei Multipler Sklerose

90 Prozent aller Patienten mit Verdacht auf Multiple Sklerose (MS) weisen als Erstmanifestation ein so genanntes Clinically isolated Syndrome (CIS) auf. 30 Prozent von ihnen entwickeln eine klinisch manifeste MS. Ein an der Innsbrucker Universitätsklinik für Neurologie entwickelter neuer Bluttest kann das MS-Risiko evaluieren und die Entscheidung, eine Therapie zu initiieren, erheblich beeinflussen.

Rund 8.500 Menschen leiden in Österreich an einer Multiplen Sklerose. "Bei der MS greifen Entzündungszellen die Isolierschicht der Nerven an und zerstören diese", erklärte OA Dr. Thomas Berger von der AG Neuroimmunologie an der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck anlässlich einer Pressekonferenz der Österreichischen Gesellschaft für Multiple Sklerose.
Die Erkrankung führt zu neurologischen Funktionsstörungen wie Lähmungen, Gefühlsstörungen, zur Beeinträchtigung von Aufmerksamkeit und Gedächtnis und zu chronischer Müdigkeit. Während die Therapie der Erkrankung mittels Immunmodulatoren und Immunglobulinen in den vergangenen Jahren große Fortschritte machte, war eine Verlaufs-Prognose bisher nicht möglich.
Fast alle Patienten mit Verdacht auf MS weisen als Erstmanifestation eine so genanntes Clinically Isolated Syndrome (CIS) auf, das sich als Sehnerventzündung, spinale oder Hirnstammsymptomatik bemerkbar macht. 30 Prozent dieser Patienten entwickeln eine klinisch manifeste MS. "Eine Prognose ist daher von erheblicher Bedeutung", sagt Berger. "Bei Patienten mit einem hohen Risiko für ein rasches zweites Schubereignis sollte so rasch wie möglich mit einer immunmodulierenden Therapie begonnen werden."
Ein neuer Test, den OA Dr. Berger mit seinem Team in achtjähriger Forschungsarbeit entwickelt hat, ermöglicht erstmals eine genaue Prognose bei Vorliegen eines CIS. Berger: "Wir haben herausgefunden, dass Antikörper gegen Myelinantigene eine bedeutende Rolle bei MS spielen."
Im Vordergrund stehen dabei Antikörper gegen das Myelin Oligodendrozyten Glykoprotein (MOG).

Individuelle Prognose

"Befinden sich viele Antikörper im Blut, so ist innerhalb von sieben Monaten mit einem weiteren Schub zu rechnen", sagt Berger, "Finden sich diese MOG-Antikörper nicht, so ist bis zu 45 Monate lang Ruhe." Der neue Test erscheint im Licht jüngster Therapiestudien mit Interferon beta-1a besonders wichtig. Sogenannte "early treatment-Studien" haben gezeigt, dass ein frühestmöglicher Therapiebeginn, also zum Zeitpunkt des ersten Krankheitsschubes, die Prognose für Patienten deutlich verbessert. Die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten eines zweiten Schubes innerhalb eines bestimmten Zeitraumes kann dadurch um 66 Prozent vermindert werden (CHAMPS-Studie).

Maßgeschneiderte Therapie

Berger sieht die Entwicklung des Antikörpertests nur als Anfang: "All unsere Bemühungen dienen der bestmöglichen immunpathogenetischen Charakterisierung von MS-Patienten zum frühestmöglichen Zeitpunkt und mit dem erklärten Ziel, dem Patienten in Zukunft bessere, fokussiertere, individuellere und damit effizientere Therapiestrategien anbieten zu können."
Die Abschätzung der Prognose und Überlegungen zur "rechtzeitigen” kausal orientierten Basistherapie schon nach dem ersten klinischen Ereignis sind Gegenstand eines österreichischen Projektes, das von der Fa. Biogen unterstützt wird (ACISS=Austrian Clinically Isolated Syndrome Study). Das Projekt wird in wenigen Wochen gestartet. Alle österreichischen MS-Zentren sind eingeladen, daran teilzunehmen.

SM

Multiple Sklerose -  integratives Behandlungskonzept

Die ÄRZE WOCHE sprach mit OA Dr. Thomas Berger, Leiter der AG für Neuroimmunologie an der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck, der mit seinem Team den prognostischen Bluttest bei MS entwickelt hat.

Viele MS-Patienten setzen Hoffnung in die Stammzellforschung. Ist diese Hoffnung berechtigt?

Berger: Die Stammzellforschung hinsichtlich MS ist noch nicht sehr ausgereift, sie befindet sich im Stadium der Zellkultur bzw. des Tierexperiments. Außerdem ist noch völlig unklar, wie sich neuronale Stammzellen im erwachsenen ZNS-Gewebe verhalten werden. Beispielsweise können sich die Stammzellen sowohl in Myelin-bildende Oligodendrozyten als auch in "Narben"-bildende Astrozyten differenzieren. Bei einer Erkrankung wie der MS ist natürlich eine "überschießende" Narbenbildung nicht gewünscht. Insgesamt kann ich mir maximal vorstellen, dass beispielsweise bei einem Patienten, dessen neurologische Beschwerden auf eine wesentliche Läsion zurückzuführen sind, eine zukünftige Therapie mit Stammzellen zur "Reparatur" dieser einen Läsion eingesetzt werden könnte.

Zielt die Forschung bei MS eher in Richtung Heilung oder in Richtung Beherrschbarkeit der Erkrankung?

Berger: Von Heilung zu sprechen - bei einer Krankheit, die sich über Jahrzehnte erstrecken kann - ist sicher etwas kühn. Allerdings gelingt es bereits heute, bei einer doch erheblichen Anzahl von Patienten die MS zu stoppen. Ob das nun Heilung oder "nur" Stoppen ist, ist letztlich für den Patienten egal - Hauptsache, er hat keine Beschwerden mehr. Aber ich bin mit dem Begriff Heilung sehr vorsichtig, weil dieser Begriff emotional natürlich anders aufgefasst wird.

MS als chronische Erkrankung fordert - gerade im ländlichen Bereich - den Hausarzt. Was sehen Sie für den Hausarzt in der laufenden Betreuung MS-Kranker als besonders wichtig an?

Berger: Engste Zusammenarbeit mit einem MS Zentrum/MS Spezialambulanz. So versuche ich es in meinem Wirkbereich zu halten. Es soll nicht so sein, dass in die MS-Spezialambulanz nur die jungen, nicht bis kaum behinderten Patienten, kommen und dem Hausarzt die "hoffnungslosen" Fälle zur Betreuung "bleiben". Meiner Meinung nach kann für jeden Patienten etwas verbessert werden. Das funktioniert natürlich nur in enger und guter Zusammenarbeit mit Hausärzten und anderen Fachkollegen. Das ist auch meine Vorstellung eines integrativen Behandlungskonzeptes.

Auf welche Probleme sollte der Hausarzt im Zusammenhang mit MS insbesondere eingehen?

Berger: Ich denke, dass die Kommunikation und "Chemie" zwischen dem oft ersten Ansprechpartner Hausarzt und dem Spezialisten, der oft weit entfernt ist, gegeben und gut sein muss, auch wenn das von Seiten der Spezialisten oft mangelhaft ist. Bilaterale Information und Vertrauen, sowie Respekt vor dem Können und Wissen des anderen sind die Basis dafür.

Stefanie Melicharek, Ärzte Woche 32/2003

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben