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Neurologie 27. Oktober 2005

Kopfschmerz kann auch vom Kiefer ausgehen

Bei Migräne oder Rückenschmerzen kann unter Umständen auch der Zahnarzt helfen. Wenn das Übel nämlich auf falsche Bisslage zurückzuführen ist.

Cranio-mandibuläre Dysfunktionen (CMD) können jahrelang symptomlos verlaufen, weil die Gelenke, Muskeln, Bänder und Sehnen Fehlbelastungen kompensieren. Aber plötzlich treten Beschwerden auf, wenn eine weitere, auch harmlose, Belastung hinzukommt: etwa durch berufliche oder familiäre Schwierigkeiten, eine weitere zahnärztliche Behandlung, Krankheiten oder einfach Alterung des Gewebes.
Am Anfang stehen häufig Füllungen, Kronen oder Brücken, die nicht exakt auf Bisshöhe abgeschliffen wurden. Schlecht angepasste Zahnspangen oder Prothesen sind ebenfalls mögliche Wurzeln des Übels.„Die Zahnfront mag wunderschön aussehen, aber dahinter stimmt nichts mehr, die Bisslage ist falsch“, so der niedergelassene Zahnarzt Dr. Michael Weiss aus Ulm bei einer Tagung in Tübingen. Zähneknirschen kann ebenfalls den Grundstein für eine CMD legen. „Das Kauorgan dient als Ventil: Bei Stress beißt man die Zähne zusammen. Schon Kinder knirschen sehr viel“, sagt Weiss. Allerdings kann diese Angewohnheit etwa durch einen unzulänglichen Zahnersatz überhaupt erst entstehen. Dann mahlen die Zähne über Stunden und mit einem Druck bis 1.000 Newton aufeinander. Zum Vergleich: Beim Kauen berühren sich die Zähne im Mittel etwa 15 Minuten täglich mit bloß 50 bis 60 Newton.

Zahlreiche Symptome

Ein weiteres Risiko für eine CMD ist eine schiefe Körperhaltung, zum Beispiel bei der Arbeit vorm Computer, die auch das Kiefergelenk belastet. Auch Verletzungen, etwa ein Kinnhaken, ein Schleudertrauma bei einem Autounfall oder bei einer Intubation zur Narkose, ferner Erkrankungen wie Fibromyalgie oder Polyarthritis, kommen als Auslöser in Frage.
Die Folge ist eine Schädigung der Kiefergelenke: Es kommt zu Verspannungen der Muskeln, die auch in benachbarte Körperregionen ausstrahlen, zu Verlagerungen des Diskus, zu Arthrose oder Arthritis. „Die CMD ist wie ein Chamäleon, denn sie kann sich in einem Spektrum von Symptomen äußern: Schmerzen oder Blockaden beim Kauen, Knacken oder Reiben im Kiefergelenk, Kopf-, Gesichts- oder Zahnschmerzen, Nacken-, Schulter- oder Rückenschmerzen, Beschwerden an Augen oder Ohren, sogar Tinnitus“, so Weiss.
Kaum jemand bringt solche Symptome mit einer CMD in Verbindung. Die meisten Patienten gehen wegen Migräne zum Neurologen oder wegen Rückenschmerzen zum Orthopäden, aber selten zum Zahnarzt, obwohl er für das Kiefergelenk zuständig ist und die Störung durch einfache Untersuchungen erkennen kann. Eventuell lässt er einen Verdacht durch eine Magnetresonanz-Tomographie der Kiefergelenke klären. Sinnvoll ist auch eine Funktions­analyse: Die Bewegungen des Kiefers werden elektronisch mit einer Art Kopfhaube samt Gestänge vermessen (Axiographie) und die Daten in einen Kausimulator einprogrammiert. Anhand der Ergebnisse korrigiert der Zahnarzt das Gebiss oder fertigt eine Schiene an, die der Betroffene meist nachts trägt und regelmäßig warten lassen sollte. Zusätzlich helfen oft Methoden des Entspannungstrainings oder Physiotherapie.

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