zur Navigation zum Inhalt
 
Neurologie 30. September 2016

Die Vitamin-Bremse

Vitamin D. Ein Springer-Mitarbeiter war beim ECTRIMS-Kongress und hatte eine Neuigkeit im Gepäck: Hochdosiertes Vitamin D kann offenbar die MS-Aktivität in frühen Krankheitsphasen dämpfen.

ÄZWas die Initiatoren der SOLAR1-Studie wohl geritten hat, ausgerechnet NEDA (No Evidence of Disease Activity) als primären Endpunkt für eine Add-on-Behandlung von Multipler Sklerose mit Vitamin D zu wählen? Dieses Kriterium wird selbst mit den meisten immunmodulatorischen Basistherapien nur schwer erreicht.

Wenig überraschend ergaben sich in SOLAR bei diesem zusammengesetzten Endpunkt aus Schub-, Progressions- und Läsionsfreiheit keine signifikanten Unterschiede zwischen einer Behandlung mit Interferon-beta-1a allein und in Kombination mit hoch dosiertem Vitamin D. Überraschend waren die Ergebnisse trotzdem. So wurden in der Gruppe mit der Kombitherapie weniger Schübe und MRT-Läsionen beobachtet. Damit könnte Vitamin D in der Tat die MS-Aktivität etwas bremsen.

Die auf dem ECTRIMS in London (14. bis 17. September) vorgestellten Studiendaten waren mit Spannung erwartet worden. So hatten kleinere Pilotstudien zum Nutzen von Vitamin D widersprüchliche Resultate geliefert, erläuterte Dr. Raymond Hupperts von der Maastricht-Universität in den Niederlanden. SOLAR sollte endgültig klären, ob Vitamin D MS-Kranken etwas bringt. Falls ja, wäre dies eine billige und nebenwirkungsarme Behandlung.

Für die Studie konnten die Ärzte um Hupperts 229 MS-Kranke gewinnen, die seit mindestens drei Monaten und höchstens 18 Monaten auf Interferon-beta-1a eingestellt waren. Die Vitamin-D-Spiegel mussten nicht einmal besonders niedrig sein, ein Wert von weniger als 150 nmol/l genügte. Vitamin-D-Mangel liegt in der Regel bei weniger als 25 nmol/l vor. Etwa die Hälfte der Patienten hatten subnormale Werte unter 50 nmol/l, sagte Hupperts. Solche Patienten waren in beiden Gruppen ähnlich häufig vertreten.

Die Vitamin-Keule

Die Patienten hatten ihre MS-Diagnose im Mittel ein Jahr vor Studienbeginn erhalten. Rund die Hälfte bekam zur Interferonbehandlung täglich 14.000 Internationale Einheiten (IE) Vitamin D3 – etwa das Dreifache dessen, was zur Vitamin-D-Supplementierung üblicherweise empfohlen wird. In der Vitamin-D-Gruppe wurden damit nach Aussage von Hupperts Werte um 200 nmol/l erreicht. Die übrigen Patienten erhielten Placebo als Add-on-Behandlung.

Nach einem Jahr zeigten noch 37,2 Prozent unter Vitamin D3 und 35,3 Prozent unter einer Placebo-Zusatzbehandlung keinerlei Anzeichen einer MS-Aktivität – der Unterschied war natürlich nicht signifikant. Dies lag hauptsächlich an der langsamen EDSS-Progression: Bei 72 Prozent mit Vitamin D3 und 75 Prozent unter Placebo kam es zu keinerlei EDSS-Steigerung, und jeweils über 90 Prozent zeigten nach dieser relativ kurzen Zeit keine anhaltende Krankheitsprogression.

Anders sah es jedoch bei der ebenfalls niedrigen jährlichen Schubrate aus: Mit der Vitamin-D-Supplementierung lag sie bei 0,28 Schüben, ohne bei 0,41. Der relative Unterschied von rund 30 Prozent zugunsten der Vitaminbehandlung verfehlte jedoch das Signifikanzniveau.

Statistisch belastbare Unterschiede gab es beim empfindlichsten Aktivitätsparameter, den MRT-Läsionen: Die kombinierte Zahl der aktiven Läsionen, definiert als neue T1- sowie neue oder sich vergrößernde T2-Läsionen, war mit Vitamin D3 um rund ein Drittel geringer (1,09 vs. 1,49). Die Volumenzunahme bei den T2-Läsionen hatte sich mit dem Vitamin fast halbiert (3,6 vs. 6,1 %). Neue T1-Läsionen ließen sich jedoch nur bei den jüngeren Patienten (unter 30 Jahre) verhindern. Von diesen zeigten 86 Prozent mit Vitamin D nach einem Jahr keine neuen T1-Läsionen, 47 Prozent waren es unter Placebo.

Aufgrund der reduzierten Krankheitsaktivität im MRT sei durchaus von einem Nutzen der Vitamin-D-Behandlung auszugehen, auch wenn der primäre Studienendpunkt verfehlt wurde, erläuterte Hupperts. Er gab jedoch zu, dass eine Therapiedauer von knapp einem Jahr wohl zu kurz war, um einen Effekt auf das NEDA-Kriterium zu haben – der EDSS-Wert hat sich schließlich in beiden Gruppen kaum verändert.

1 SOLAR: Supplementation of Vigantol® Oil Versus Placebo as Add-on in Patients With Relapsing Remitting Multiple Sclerosis Receiving Rebif® Treatment

Thomas Müller, Ärzte Woche 40/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben