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© Michael Reichel / picture alliance
 
Neurologie 3. August 2016

Aber bitte mit Schlager

Melodien aus der Kindheit oder der Jugend verbessern die Lebensqualität von Demenzpatienten.

Stress, Angst und Schmerzen – dagegen gibt es eine Vielzahl an Medikamenten. Wer darauf verzichten will, sollte es mit „Musikamenten“ probieren, sagt Schmerzforscher Bernatzky.

Die alte Dame sitzt am Rande eines Küchentisches in ihrer Wohnung. Ihre Augen sind ausdruckslos, sie wirkt müde. Immer wieder fragt sie, ob sie endlich heimfahren kann. Das Haus ihrer Kindheit ist für sie allgegenwärtig. Genauso wie die Lieder aus dieser Zeit. Sie summt ein Lied, das ihr einst die älteren Geschwister vorgesungen haben. Ihre Familie ist erstaunt, wie selig sie dabei wirkt.

Dr. Günther Bernatzky überrascht das nicht. Der ehemalige Präsident der österreichischen Schmerzgesellschaft und (ÖSG) und Leiter des Salzburger Schmerzinstituts an der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg beschäftigt sich seit 20 Jahren mit dem Thema Musik und Medizin. Er erklärt, dass das Singen oder das Hören von Musik bei dementen Menschen ein probates Mittel ist und positive Effekte haben kann. Aktivitäten im Gehirn und neuronale Prozesse werden angekurbelt. Zusammen mit dem Oldenburger Musikwissenschafter Gunter Kreutz hat er im Springer Verlag einen Sammelband zu den Einsatzgebieten der Musikmedizin verfasst – und bietet eine Übersicht zu den neuesten Erkenntnissen und Studien. Wie etwa bei Demenzpatienten. „Bei einigen zeigte sich, dass sie durch gemeinsames Singen aufwachen und emotional berührt sind. Das Gehirn weckt hier positive Assoziationen zur Vergangenheit.“ Es ist sinnvoll, ihnen Melodien aus ihrer frühesten Kindheit, wie etwa Wiegenlieder oder Schlagersongs aus der Jugendzeit, vorzuspielen. „Durch ihre harmonische, relativ einfache Struktur sind sie sehr komplex im Hirn von uns Menschen verankert.“ Zudem führe Musik hören bei diesen Patienten zu besserem Schlaf, aggressives Verhalten sowie unmittelbares Schreien werden ebenfalls positiv beeinflusst. Egal, ob es eine aktive oder rezeptive Musiktherapie sei, sie kann, so Bernatzky, die Lebensqualität dieser Menschen beeinflussen. Auch bei Angehörigen und Betreuern. Denn unbestritten ist, dass Musik Stress reduziert, ablenkt, aber auch kommunikationsfördernd wirkt. Sie bringt Menschen zusammen, motiviert zum Mitsingen.

Der Schmerzforscher beschäftigt sich mit „rezeptiver Musikstimulation“. Er versteht Musik hören als Medikament – und als eine unterstützende Maßnahme zur Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung körperlicher, seelischer und geistiger Gesundheit. Dafür verwendet der Salzburger den Begriff „Musikament“ – bestimmte Musik gegen bestimmte Erkrankungen. Er hat es auch schon Menschen verordnet, die stottern. Das Singen hat ihnen geholfen: „Das sind große und wichtige Ansatzpunkte für therapeutische Aktivitäten. Mit Kindern und alten Menschen sollte man viel singen.“

Eine in Nature publizierte Studie ( go.nature.com/29azU9T ) zeigt, dass sich die Genaktivitäten bei Menschen verändern – allerdings nur, wenn sie musikalisch vorgebildet sind. Das erkläre auch, warum sich musikalische Früherziehung nachhaltig positiv auswirkt. Dr. Chakravarthi Kanduri von der Universität Helsinki und seine Kollegen spielen musikalisch und nicht musikalisch vorgebildeten Probanden Wolfgang Amadeus Mozarts Violinkonzert in G-Dur vor. Danach entnahmen sie Probanden und Kontrollpersonen, die keine Musik gehört haben, Blut und analysierten die Genprodukte. Das Ergebnis: Nach der Musiksession hatten sich die Genaktivitäten verändert. Bei den musikalisch Vorgebildeten waren im Nachhinein bis zu 75 Gene aktiver, wie etwa jene, die das Gedächtnis und Lernen fördern sowie die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin anregen. Gehemmt wurden hingegen zirka 30 Gene, darunter solche, die den Tod von Gehirnzellen fördern, die die Übertragung von Neurotransmittern hemmen oder zu oxidativen Schäden an Gehirnzellen führen. Sie alle spielen eine große Rolle bei degenerativen Erkrankungen. Für die Forscher steht fest, dass die Musikstimuli nur wirken, wenn die Menschen zuvor schon Kontakt mit Musik hatten und eine dementsprechende Vorbildung besitzen. Die Forscher hoffen, damit einen Mechanismus zu finden, wie Musiktherapie bei diesen Krankheiten als „hirnschützend“ wirken kann.

Wo Musik zwar nicht hirnschützend, dafür heilsam wirkt, ist bei Parkinsonkranken. Wie Schmerzforscher Günther Bernatzky und Kollegen festgestellt haben.

Parkinsonpatienten wurde stark rhythmisch akzentuierte Musik, wie der Radetzkymarsch, vorgespielt. Diese aktivierende Musik regt die Skelettmuskulatur an, der Körper spannt sich an, der Blutdruck steigt, die Pulsfrequenz wird höher. Der Körper schüttet Dopamin aus, genau jener Stoff, von dem Parkinsonkranke zu wenig haben. Sie bekommen normalerweise Medikamente, die Dopamin imitieren, erklärt Bernatzky. Statt der Tablette wird aber Musik verordnet – der Rhythmus löst im Gehirn Emotionen aus und aktiviert dort, wo die Gedanken zur Motorik übertragen werden: „Wir haben gesehen, dass die Menschen weniger zittern und eine bessere Feinmotorik haben. Patienten fühlten sich wohler, weil sie die Symptome weniger bis kaum spürten, für sie ist das natürlich ein Riesenerfolg“, sagt der Biologe. Jene, die unter Schmerzen leiden, brauchen ruhigere Töne. Klassik von Mozart oder Schubert gilt als entspannungsfördernd. Was dabei im Körper passiert? „Die Musik löst in uns die körpereigenen Schmerzhemmer aus, die sogenannten Endorphine – auf diese Art wird der Schmerz reduziert.“

Beim Zahnarzt-Besuch lässt sich ein wenig Angst und Schmerz nehmen. Zumindest, wenn er sich im Kopf abspielt. Wenn der Patient während der Behandlung über Kopfhörer Musik hört, lenkt ihn das von den Geräuschen ab. Denn schon alleine das Surren des Bohrers und Rauschen des Saugers wird mit Schmerzen assoziiert und sorgt für Angstschweiß und feuchte Hände. Wer sich zu Hause mit Musik selbst helfen will, sollte Kopfhörer verwenden. „Einfach den Radio aufdrehen und berieseln lassen, das funktioniert nicht. Ich muss mir bewusst Zeit nehmen“, sagt Bernatzky.

Und warum bekommen wir bei manchen Liedern die „Ganslhaut“? Bestimmte Gehirnregionen reagieren auf Musik, die uns gefällt und lösen Glückshormone aus. Das funktioniert auch bei Demenzpatienten, die durch Lieder in ihre Kindheit zurückkehren Bei der alten Dame aus Oberösterreich war es übrigens ein einfaches russisches Volkslied, das sie während des Krieges am Hof ihrer Eltern gehört hatte. Unauslöschlich eingebrannt bis ans Lebensende.

www.musikament.at

www.schmerzinstitut.org

Sandra Lumetsberger, Ärzte Woche 27/2016

  • Herr Martin Geiger MSc, 04.08.2016 um 12:54:

    „Was hier vom Autor beschrieben wird, wurde in zahlreichen Publikationen bereits gründlich(er) beforscht. Und es gibt in Österreich seit über 60 Jahren ein Berufsbild dafür, das der MusiktherapeutInnen! Die beschäftigen sich mit der aktiven (kommunikativ improvisieren mit PatientInnen) und der rezeptiven Verwendung von Musik zum Zwecke der Heilung/Linderung. Was mir wichtig daran erscheint, es geht dabei immer um den Aspekt der Begegnung - daher reicht es nicht, Musikstücke als Medikamente zu verabreichen. Der Artikel suggeriert, dass es genüge, dementen Personen entsprechende Musik zu "servieren". Dass damit auch traumatische Inhalte ausgelöst werden können und dann jemand zur Seite sein sollte, wird leicht übersehen. Ich habe es in der musiktherapeutischen aber auch psychotherapeutischen Praxis immer wieder erlebt. Ein Gutteil dieser Generation ist Opfer von Trauma- bzw. (unbehandelter) Traumafolgestörungen. Da führt der Radetzkymarsch möglicherweise in einen völlig anderen Bewußtseinszustand. Dies abzuschätzen und entsprechend zu begleiten kann Aufgabe von geschulten MusiktherapeutInnen sein.“

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