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© Danny Lawson/picture alliance
Umzug beim Wikingerfestival in Lerwick auf den Shetland Inseln. Ihre realen Vorbilder wollten herausfinden, ob ein geköpfter Mann sein Messer weiter in der ausgestreckten Hand halten konnte.
 
Neurologie 9. August 2016

Wikinger sind hart am Hirne dran

Vom kopflosen Wikinger bis zum Nobelpreis: Erfolgreiche Tradition neurologischer Forschung in Skandinavien.

Die Geschichte der neurologischen Forschung beginnt vor 5.000 Jahren in Skandinavien. Ein historischer Überblick wurde beim 2. Kongress der European Academy of Neurology (EAN) in Kopenhagen präsentiert – von den Wikingern zum Nobelpreis.

Ist das Bewusstsein sofort weg, wenn einem der Kopf abgeschlagen wird, oder erst ein wenig später? Diese Frage beschäftigte die Joms-Wikinger so sehr, dass sie dazu sogar ein neurophysiologisches „Experiment“ durchführten: Einer altnordischen Saga zufolge bat ein Krieger seinen Henker darum, während der Enthauptung ein Messer in der ausgestreckten Hand halten zu dürfen. Dem Todeskandidaten wurde der Wunsch gewährt. Er wurde geköpft und das Messer fiel sogleich zu Boden. „Die Erforschung des Nervensystems und seiner Erkrankungen hat im Norden Europas eine lange und sehr erfolgreiche Tradition“, sagte Prof. Dr. Ragnar Stien, norwegischer Neurologe und Autor, beim 2. Kongress der European Academy of Neurology (EAN) in Kopenhagen. Prof. Stien gab beim EAN-Kongress einen Überblick über die Geschichte der Neurologie im skandinavischen Kulturkreis – von den vorgeschichtlichen Belegen bis zur nobelpreisgekrönten Forschung der Gegenwart.

Schädelöffnung vor 5.000 Jahren

„Prähistorische Funde belegen, dass in Skandinavien schon vor 5.000 Jahren Schädel trepaniert, also zur Behandlung von Erkrankungen des Gehirns oder zu kultischen Zwecken geöffnet wurden“, sagte Prof. Stien. Untersuchungen von Skeletten aus Wikinger-Gräbern zeigen, dass den Menschen des europäischen Nordens bestimmte neurologische Krankheiten bereits bewusst waren und sie diese auch zu heilen versuchten. Auch zahlreiche Sagas erwähnen Erkrankungen des Nervensystems und deren Behandlung.

Dänische Pioniere entdeckten Geruchsnerv und Lymphsystem

In der frühen Neuzeit schrieb die berühmte dänische Gelehrtenfamilie Bertelsen Bartholin neurologische Geschichte: Caspar Berthelsen Bartholin (1585 bis 1629) verfasste eines der damals meist gelesenen Handbücher der Anatomie und war der Erste, der den Geruchsnerv beschrieb.

Sein Sohn Thomas Bartholin (1616 bis 1680) galt als einer der wichtigsten Anatomen seiner Zeit und entdeckte das Lymphsystem als eigenständiges Organsystem. Einer seiner Schüler, der dänische Arzt, Anatom und Naturforscher Nicolaus Stensen oder Nicolaus Steno (1638 bis 1686) verfasste 1665 in Paris einen „Diskurs über die Anatomie des Gehirns“ und regte damit neue Untersuchungen an.

„Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die moderne Neurologie in den skandinavischen Ländern aus unterschiedlichen medizinischen Fachrichtungen“, sagte Prof. Stien. In Schweden war die Innere Medizin der Ausgangspunkt, in Norwegen die Elektrotherapie, in Finnland die Pathologie und in Dänemark die Psychiatrie. Akademische Lehrstühle für klinische Neurologie wurden 1887 in Schweden, 1893 in Norwegen, 1918 in Finnland, 1934 in Dänemark und 1974 in Island eingerichtet.

Berühmte Namensgeber für neurologische Krankheiten

Skandinavische Neurologen, Neurophysiologen und Biochemiker beschrieben als Erste heute wohlbekannte neurologische Erkrankungen und dienten als deren Namensgeber: Folling’s disease nach dem Norweger Ivar Asbjørn Følling (1888 bis 1973); Wohlfart-Kugelberg-Welander Syndrom nach den schwedischen Forschern Erik Klas Hendrik Kugelberg (1913 bis 1983), Gunnar Wohlfart (1910 bis 1961) und Lisa Welander (1909 bis 2001); das Refsum-Syndrom nach dem norwegischen Neurologen Sigvald Refsum (1907 bis 1991); Morbus Krabbe nach dem Dänen Knud Haraldsen Krabbe (1885– bis 1961).

In den vergangenen hundert Jahren gab es bedeutende Beiträge Skandinaviens zur Neurowissenschaft. Dänemark konzentrierte seine Forschung auf den Gehirnkreislauf und Multiple Sklerose, in Finnland standen Neurogenetik und Neuropathologie im Mittelpunkt, in Island Neurogenetik und die „Slow-Virus-Infektion“, in Norwegen Neuroanatomie sowie Neurophysiologie und in Schweden Neuropharmakologie und Bewegungsstörungen.

Skandinaviens Nobelpreisträger

Der hohe Standard, den die Neurowissenschaft in den skandinavischen Ländern erreicht hat, schlug sich in die Verleihung mehrerer Medizin-Nobelpreise nieder: 1967 erhielt ihn der finnisch-schwedische Forscher Ragnar Granit (1900 bis 1991) für die Untersuchung der physiologischen und chemischen Sehvorgänge im Auge. 2000 wurde der schwedische Pharmakologe Arvid Carlsson (geb. 1923) für die Entdeckungen zu Signalübertragung im Nervensystem ausgezeichnet.

2014 ehrte das Nobelpreiskomitee das norwegische Ehepaar May-Britt (geb. 1963) und Edvard Moser (geb. 1962). Sie erhielten die Auszeichnung für ihre Arbeiten zur räumlichen Orientierung und zum räumlichen Gedächtnis, mit denen erstmals eine psychologische Funktion auf mechanistischem Niveau auf die Funktion von (einzelnen) Neuronen zurückgeführt werden konnte.

Quelle: EAN 2016 Abstract Stien R, A short introduction to the history of Scandinavian neurology: from the sagas to the Nobel prizes

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