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© Henning Scheffen / Photography Mobil
Viel Grün, ein kleiner Supermarkt und altersgerechte Einrichtung: Die Bewohner sollen sich im Demenzdorf wohlfühlen können.
 
Neurologie 17. Mai 2016

In ihrer eigenen Welt

In dem Demenzdorf Tönebön am See im deutschen Hameln wird den Patienten ein geschützter Alltag geboten.

Manche der Bewohner des Demenzdorfs Tönebön am See in Hameln glauben, sie seien im Campingurlaub in Italien. Es gehört zum Konzept, ihnen diesen Glauben zu lassen. Sie werden dort abgeholt, wo sie stehen.

Die Schritte tastend, der Blick versonnen nach innen gerichtet. Als zwinge sie ein innerer Takt, immerzu nach dem zu suchen, was ihr Kopf längst vergessen hat, gehen sie unruhig und mechanisch durch den Garten, durch die Gemeinschaftsräume, vorbei am Café und wieder hinaus in den Innenhof.

Die meisten hier sind immer irgendwie unterwegs – zur Arbeit, zum Vater, zur Ehefrau, nach Hause oder einfach nur an irgendeinen anderen Ort, wo immer er sein mag. Wir sind im Demenzdorf Tönebön am See im Niedersächsischen Hameln. Seit 2014 steht hier eine deutschlandweit einmalige Einrichtung für demenzkranke Menschen.

Von Unruhe angetrieben

Die Unruhe, die viele Bewohner hier treibt, nennt die Heimleitung Christine Boss-Walek „Hinlauftendenz“. Gemeint ist der Drang der Bewohner, die Menschen und Orte aufzusuchen, die ihr Langzeitgedächtnis noch als Heimat gespeichert hat. Deshalb zieht sich ein Zaun um das 16.000 Quadratmeter große Gelände am Rand der Stadt Hameln. Die alten Leute sollen nicht verloren gehen. „Wir sperren hier aber niemanden ein“, betont Boss-Walek. Jeder ist frei, sich in diesem Zuhause zu bewegen, wohin er will.

„Und wenn ein Bewohner nachts aufsteht und seine Räume verlässt, dann klingelt das Smartphone der Nachtwache. Und sie unternimmt im Zweifel mit dem Bewohner eine kleine Nachtwanderung am See – warum nicht?“

Begleitung auf der Reise

Die Nachtwache sorgt dann dafür, dass der Bewohner Mantel und Schuhe anzieht. Und wenn er einfach mal an der Pforte vorbei nach draußen spaziert? Dann greift etwa Christa-Maria Leber von der Pforte ein und begleitet die Bewohner auf ihrer kleinen Reise. Boss-Walek:„Sie kommen dann schnell wieder auf andere Gedanken und gerne mit zurück auf das Gelände.“

2014 nahm das drei Millionen Euro-Projekt seine Arbeit auf. Die ersten Bewohner zogen ein. Das Geld kam aus dem Stiftungsvermögen von Julius Tönebön, in Hameln augenzwinkernd „Graf Backstein“ genannt. Er war ein reicher, aber kinderloser Ziegelei-Besitzer. So floss nach seinem Tod 1940 das Vermögen in die nach ihm benannte Stiftung. In Hameln finanziert sie mehrere Einrichtungen der Altenhilfe.

Vier große, helle ebenerdige Pavillons, die hier „Villen“ genannt werden, umrahmen den großen Garten-Innenhof, den „Garten der Sinne“. Die Gebäude sind miteinander verbunden. Wer sie durchwandert, kommt an den Zimmern der Bewohner vorbei.

13 Zimmer hat jedes Haus und einen großen Gemeinschaftsraum mit Küche. Oft hängen Jugendbilder der Bewohner an den Zimmertüren: Im Badeanzug und Sonnenhut am Strand, ein Passfoto mit dem strengen Kopfputz der 60er Jahre oder auch ein Bild der Tochter. „So finden hier alle zurück in ihr Zimmer“, sagt Boss-Walek.

Beschäftigung im Alltag

Die damals vor Leben Strotzenden sitzen heute nur ein paar Meter weiter im Gemeinschaftsraum ihrer „Villa“, manche sinnierend an den Fenstern und werfen lange Blicke hinaus. Andere, die Gesichter von wirren grauen Haaren verdeckt, schlafend in ihrem Rollstuhl und andere arbeiten.

Hier wird gemeinsam gekocht, gesungen und gebastelt. In manchen Dingen geht es hier fast so zu, wie eben in anderen Wohngemeinschaften auch. Jedenfalls stehen im Gemeinschaftsraum Wäscheständer, überladen mit trocknenden Hemden und Socken. Und mitten drin: Alltagsgestalterin Marni Söffger, die wie eine Mutter über Töpfe, Wäsche und Bewohner wacht. „Ach, ich habe ja gar keinen Hunger, gar nicht, gar nicht“, sagt Wilma D., eine zerbrechliche alte Dame in heller Strickjacke. Liebenswürdig und zerstreut rührt sie im Spinattopf und lächelt zart. „Gar keinen Hunger.“

„Wer kann und mag, der darf und soll“, so lautet das Motto des betreuten Zusammenlebens. Im Garten die Kräuter und Blumen pflegen, beim Kochen helfen oder mit den sogenannten Alltagsgestaltern, die in jeder Villa die Tage organisieren, basteln, singen oder mal den Raum ausfegen. Das Tönebön-Programm heißt Beschäftigung. Die Pflege komme dann später dazu, so Boss-Walek. Es wird auf Vertrautheit gesetzt und daher hat jeder Bewohner einen festen Pfleger.

Der Garten der Sinne ist so etwas wie ein gepflegter Abenteuerspielplatz mit Kicker und Voliere, Klanghölzern und Grillplatz, Brunnen und Bänken, das Ganze unter heranwachsenden Bäumen und im Sommer umgeben von blütenreichen Beeten. Für die Besuche steht ein Café zur Verfügung, für den Einkauf ein „Minimarkt“ und einen Friseur gibt es auch – ein Stück nachempfundener, geschützter Alltag für die Bewohner.

Bewohner werden abgeholt

Da kommt alter Mann; er dreht im Garten seine Runden und ist das, was man eine gepflegte Erscheinung nennt. Man muss drei Mal hinsehen, um zu erahnen, dass er in einer anderen Welt lebt. Seit knapp zwei Jahren wohnt er hier und glaubt doch, in der Reha zu sein. „Wenn ich hier raus bin“, sagt er, „dann mache ich mit meiner Frau im Camper eine Tour. Wir haben einen Sechs-Schläfer. Wunderbarer Wagen.“

Die Kunst sei es, die Verwirrten dort abzuholen, wo sie stehen, sagt Boss-Walek. Und wenn sie mit einem Camper im Italien-Urlaub sind, dann eben dort. „Das wird sicher schön“, antwortet sie ihm. Doch der erzählt schon vom Rauchen, vorhin da hinten am Zaun, er deutet mit einem lässigen Kopfnicken hinüber, und von seinem Sturz, der die Brille zerkratzt hat – und dann muss er weiter.

Die Deutsche Alzheimergesellschaft erwartet, dass sich die Zahl der demenziell Erkrankten von heute 1,4 Millionen bis 2050 auf fünf Millionen Menschen verdoppelt. Kaum zu glauben, dass immer noch die meisten Demenz-Stationen ohne die Möglichkeit auskommen müssen, den Bewohnern in ihrer Unruhe freien Lauf zu lassen.

Betreutes Wohnen war kein Thema mehr

Familie Dreyer ist deshalb heilfroh, dass sie ihre Oma im Tönebön am See unterbringen konnten. Was dem Umzug vorausging, zeigt auch, wie wenig das medizinische Versorgungssystem auf Menschen mit Demenz eingestellt ist.

Der Weg der heute 90-jährigen Dame von der ersten Vergesslichkeit über die Zeit der Auffälligkeiten, in denen sie unablässig bei den Nachbarn klingelte, bis hin zur dementen alten Dame, die den Wasserkocher auf dem Herd schmelzen ließ, war relativ kurz und steil. „Vor drei Jahren fuhr meine Mutter noch Auto“, berichtet die Mutter. Dann wollte die alte Dame in eine Wohnung des betreuten Wohnens ziehen und stürzte kurz nach dem Umzug, während Tochter und Schwiegersohn nicht da waren.

„Nach dem Krankenhausaufenthalt war an betreutes Wohnen nicht mehr zu denken“, sagt der Schwiegersohn. „Man konnte sie einfach nicht mehr allein lassen.“ Wachsende Ängste taten bei der alten Dame ein Übriges. Heute lebt die Mutter im Demenzdorf Tönebön. An ihrer Zimmertür hängt, wie als Zeichen einer neuen Balance, eine Art Mobile und ein Foto ihrer Tochter.

Lange Warteliste

In der Tönebön Stiftung weiß man um die Schwierigkeiten, die Kliniken mit demenziell Erkrankten haben. Wenn die Patienten ins Krankenhaus müssen, erhält die Klinik zum Beispiel spezielle Hinweise zum Patienten. Trotzdem bestehe immer die Gefahr, dass die Bewohner verwirrter zurückkehren als sie ins Krankenhaus gegangen sind.

Es kann nicht jeder altersverwirrte Mensch aufgenommen werden. Wer mit dem Korsakov-Syndrom kommt oder suchtgefährdet ist, kann in Tönebön am See nicht versorgt werden, sagt die Leiterin. Dessen ungeachtet ist die Liste der Anwärter lang; auf ihr stehen 50 Anwärter aus ganz Deutschland.

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