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© Christian Charisius/dpa
Aus, vorbei: Der deutsche Jazzsänger Roger Cicero sang, als ginge es um sein Leben, als er Sinatra-Songs interpretierte und sich dabei mit anderen großen Stimmen seines Genres maß.
 
Neurologie 5. April 2016

Schlag auf Schlag

25.000 Strokes pro Jahr – jeder zweite Hirnschlag wäre durch Vorbeugung vermeidbar.

Für jeden Sechsten endet der Schlaganfall tödlich. Für schwere Fälle wird mittlerweile eine Kombitherapie angeboten.

Würde man Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes, Vorhofflimmern und Fettstoffwechselstörungen vorbeugen, könnte die Hälfte der Schlaganfälle hierzulande verhindert werden. Das sagt MR Dr. Reinhold Glehr, Vizepräsident der Gesellschaft für Allgemeinmedizin.

25.000 Schlaganfälle ereignen sich jedes Jahr. Jeder sechste Betroffene stirbt daran, gut die Hälfte der Überlebenden können nach einer adäquaten Therapie und einer oft langwierigen Rehabilitation wieder ein normales Leben führen. 15 Prozent – das sind 7.000 Patienten – bleiben mehr oder weniger stark beeinträchtigt, ebenso viele werden zum Pflegefall, sagt der Innsbrucker Neurologe Prof. Dr. Stefan Kiechl, der Präsident der heimischen Schlaganfallgesellschaft ( www.schlaganfall–was–tun.at ).

„Das Gesundheitsbewusstsein ist gestiegen, die Verdrängung bleibt gleich“, meint der Steirer Glehr. „Solange nichts passiert, fühlt man sich nicht betroffen.“ Das bedeutet, dass der Abschied von Zigaretten, ungesunder Ernährung, Alkohol und Bewegungsmangel schwerfällt. Eine Möglichkeit, die Menschen zur Abkehr von solchen lieb gewordenen Gewohnheiten zu motivieren, sieht Glehr in Gesprächen zwischen Hausarzt und Patienten. „Die Gesprächsmedizin gehört anerkannt und honoriert“, sagt der Allgemeinmediziner an die Adresse der Krankenkassen.

Für das Gesundheitssystem stellen Schlaganfälle einen beträchtlichen Kostenfaktor dar: Etwa 500 Millionen Euro beträgt der finanzielle Aufwand für Therapien und Rehabilitation im ersten Jahr nach der Erkrankung, etwas höher sind die Kosten, die durch spätere Rehamaßnahmen, Spätkomplikationen, Medikamente, Arbeitsunfähigkeit und Pflege anfallen.

Beim Schlaganfall ist zu 85 Prozent ein blockiertes Blutgefäß die Ursache (ischämischer Insult), in 15 Prozent das Platzen eines Gefäßes (hämorrhagischer Insult). In Sachen Therapie hat sich in den vergangenen Jahres vieles getan. „Entscheidend ist, dass der Patient sofort kommt“, betont Kiechl. 38 spezialisierte Einrichtungen, sogenannte Stroke Units, stehen österreichweit zur Verfügung, dazu elf Interven- tionszentren.

Behandelt wird ein ischämischer Schlaganfall, indem das Blutgerinnsel durch ein injiziertes Medikament aufgelöst wird. Da diese Methode allein nicht ausreicht, wenn ein großes Blutgefäß verstopft ist, wird derzeit eine Kombitherapie etabliert: Nach der Thrombolyse erfolgt die mechanische Entfernung des Gerinnsels per Mikrokatheter, erläutert die Neurologin Dr. Elisabeth Fertl von der Wiener Rudolfstiftung (siehe Interview). 2.000 Betroffenen pro Jahr könnte diese „Meilensteintherapie“ helfen, die nach aktuellen Erkenntnissen binnen sechs Stunden nach Auftreten des Schlaganfalls durchgeführt werden muss, sagt die designierte Präsidentin der Gesellschaft für Neurologie.

Die Fortschritte in der Behandlung von Schlaganfällen lassen sich aus Zahlen ablesen: Fünf von zehn Patienten werden wieder gesund, vor 20 Jahren waren es drei von zehn, wie Kiechl sagt. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine 78-Jährige einen Schlaganfall erleidet, ist gesunken, die absoluten Zahlen der Betroffenen sind allerdings gestiegen. Zurückzuführen ist das auf die immer größere Zahl älterer Menschen. Trotzdem ist der Schlaganfall nicht allein eine Sache des höheren Alters.

Die Vorsorgeuntersuchung sollte schon vor dem 50er einsetzen, wenn man beginnt, an die eigene Erkrankungswahrscheinlichkeit und Sterblichkeit zu denken.

„Ein Blutdruckmessgerät sollte in jedem Haushalt vorhanden sein, so wie das Thermometer“, sagt Vizepräsident Glehr, „da geht es einerseits um den Blutdruck an sich und andererseits um die Regelmäßigkeit des Pulses, die Regelmäßigkeit der Herzschläge. Hier gibt es eine gute Chance, etwas zu entdecken, da wir wissen, dass beim Vorhofflimmern ein fünfmal höheres Risiko für einen Schlaganfall besteht.“

Rund 1.000 Fälle pro Jahr in Österreich betreffen Menschen bis 45. Prominentes Beispiel: Roger Cicero, der am 24. März mit 45 nach einem Schlaganfall starb.

Martin Burger, Ärzte Woche 14/2016

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