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Neurologie 15. März 2016

Schmerzlindernder Kuschelstar

Oxytocin gilt als soziales Parade-Hormon. Nun wird ihm auch eine schmerzlindernde Funktion zugestanden.

Forscher identifizierten im Gehirn ein „Schmerz-Kontrollzentrum“. Dort kooperieren zwei Oxytocin-produzierende Nervenzelltypen, die den Schmerz gleich zweifach unterdrücken.

Oxytocin wird gerne als „Kuschelhormon“ bezeichnet und vor allem seine Rolle beim Mutterwerden und -sein betont (als Hormon löst es Wehen aus oder leitet den Milchfluss ein). Doch Oxytocin kann wesentlich mehr: Als Neuropeptid beeinflusst es das menschliche Sozialverhalten positiv. Seit kurzem glauben Wissenschaftler auch, dass es als körpereigene Schmerzbremse wirkt: Im Hypothalamus, dem wichtigstem Steuerzentrum des vegetativen Nervensystems, produzieren zwei verschiedene Arten von Nervenzellen Oxytocin. Die sogenannten großzelligen („magnozellulären“) Oxytocin-Neuronen speisen das Neuropeptid über die Hirnanhangdrüse in die Blutbahn ein und versorgen so den Körper mit dem Hormon. Die Aufgabe der kleinzelligen („parvozellulären“) Oxytocin-Neuronen herauszufinden ist Ziel diverser Forschergruppen.

Nun haben Wissenschaftler um Valery Grinevich an Ratten einen Bereich im Hypothalamus, entdeckt, der als Schmerz-Kontrollzentrum dient. Nur etwa 30 parvozelluläre Oxytocin-produzierenden Nervenzellen orchestrieren dort die schmerzhemmende Wirkung des Neuropeptids. Grinevich leitet die Schaller Forschungsgruppe „Neuropeptide“, die am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), am Exzellenzcluster CellNetworks der Universität Heidelberg und am ZI Mannheim angesiedelt ist. Er koordinierte das internationale Forschungsprojekt gemeinsam mit Kollegen aus Frankreich und der Schweiz.

Die kleine Gruppe der neu entdeckten Neuronen treten bei akuten Schmerzen oder Entzündungen in Aktion: Unter diesen Bedingungen aktivieren sie die magnozellulären Oxytocin-produzierenden Neuronen im benachbarten „supraoptischen Nukleus“ des Hypothalamus. Das löst die die Oxytocin-Ausschüttung in die Blutbahnen aus und lindert dadurch diffus die Schmerzempfindung, die über entsprechende periphere Nervenzellen vermittelt wird.

Auf der anderen Seite reichen die Neuronen des Schmerz-Kontrollzentrums mit langen Ausläufern bis in tiefe Schichten des Rückenmarks. Dort speisen sie das Neuropeptid exakt an der Stelle des Zentralnervensystems ein, wo die Intensität der Schmerzwahrnehmung weitergeleitet wird. Die entdeckten Neuronen hemmen den Schmerz also doppelt: Ein schneller Effekt entsteht durch Filtern des Schmerzreizes im Zentralnervensystem. Etwas länger dauert es, bis das ins Blut ausgeschüttete Oxytocin die Schmerzempfindung lindert.

„Wir haben hier erstmals gezeigt, dass zwei unterschiedliche Neuronentypen kooperieren müssen, um die Oxytocin-Wirkung zu steuern, sagt Grinevich. Oxytocin wird wegen seiner positiven Wirkung auf das Sozialverhalten seit längerem als Medikament gegen bestimmte Symptome von Autismus oder Schizophrenie diskutiert. „Von jetzt an sollten wir auch darüber nachdenken, wie sich Oxytocin als Schmerzstiller therapeutisch einsetzten lässt“, kommentiert Grinevich seine aktuellen Ergebnisse.

Originalpublikation: Grinevich er al: A new population of parvocellular oxytocin neurons controlling magnocellular neuron activity and inflammatory pain processing. NEURON 2016, DOI: 10.1016/j.neuron.2016.01.041

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