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Gute Nachricht: Altersadjustiert sinkt die Prävalenz der Demenzerkrankung.
 
Neurologie 22. Dezember 2015

Entgegen den Prognosen

Weniger Hunger, keine Kriege, ein besseres Leben – möglicherweise ein Grund für die sinkende Demenzinzidenz

Einige große Kohortenstudien haben in den vergangenen Jahren zu überraschenden Ergebnissen geführt: So gibt es in Europa deutlich weniger Demenzkranke, als noch vor zehn oder 20 Jahren prognostiziert wurde. In vielen Industrieländern ist die Zahl der Demenzkranken sogar weitgehend konstant geblieben, obwohl es immer mehr ältere Menschen gibt, die potenziell an Demenz erkranken können.

Aus solchen Studien lässt sich schließen, dass die Menschen in einem bestimmten Alter heutzutage deutlich seltener an einer Demenz erkranken als noch ihre Eltern. Auffällig ist, dass jetzt die erste Nachkriegsgeneration das kritische Alter von 70 Jahren erreicht. Forscher der Universität in Cambridge sehen genau darin einen möglichen Grund für den Rückgang der Inzidenz: Vielleicht haben die beiden Weltkriege und ihre Folgen Spuren hinterlassen, die noch Jahrzehnte später die Neurodegeneration beeinflussen.

Demenzprävalenz um ein Viertel geringer

Bislang sind fünf Studien erschienen, die Demenzraten einer Population mit jenen zehn oder 20 Jahre zuvor verglichen. Die spanische Saragossa-Studie fand Ende der 1980er-Jahre eine Demenzprävalenz von 5,2 Prozent unter Spaniern im Alter von mehr als 65 Jahren. Nur sieben Jahre später lag die Demenzrate in einer Kohorte von Personen im selben Alter bei 3,9 Prozent und war damit genau ein Viertel niedriger als zuvor. Der Unterschied war zwar insgesamt nicht statistisch signifikant, wurden hingegen nur die Männer betrachtet, ließ sich ein hochsignifikanter Rückgang um 43 Porzent feststellen (p = 0,0002). Die Teilnehmer der ersten Kohorte wurden spätestens 1923 geboren – sie hatten nicht nur einen oder beide Weltkriege aktiv miterlebt, sondern vor allem auch den spanischen Bürgerkrieg, in dem viele der Männer gekämpft hatten. Dagegen hatte ein Großteil aus der zweiten Kohorte den Bürgerkrieg nur als Kind miterlebt.

Der Trend aus der Saragossa-Studie wurde in späteren Kohortenstudien und in anderen Ländern bestätigt. So fanden Forscher in Stockholm zwar eine weitgehend gleichbleibende Demenzprävalenz in der Bevölkerung im Alter von über 75 Jahren, wenn sie die Zahlen von 1987 und 2001 verglichen (17,5 versus 17,9%). Allerdings stellte sich heraus, dass die Demenzkranken in der späteren Kohorte deutlich länger lebten. Gleichbleibende Prävalenz und reduzierte Mortalität – das lässt sich nur damit erklären, dass es in dieser Altersgruppe deutlich weniger Demenz-Neuerkrankungen gibt. Zudem war auch hier bei Männern ein Rückgang der Prävalenz zu verzeichnen (von 12,8 auf 10,8%), dagegen war sie bei Frauen leicht gestiegen.

Wandel in Lebensverhältnissen

Ganz anders stellte sich die Situation für die Bevölkerung in den Niederlanden dar. Hier kam es 1944 zu einer großen Hungersnot mit einem drastischen Einbruch der Lebenserwartung. Diese war zuvor schon in den ersten Kriegsjahren deutlich zurückgegangen. Möglicherweise spiegelt sich dies auch in der Demenzinzidenz wider. Sie lag in einer Kohorte von über 55-Jährigen aus dem Jahr 1990, die in den Folgejahren regelmäßig untersucht wurden, noch bei 6,6 pro 1000 Personen, zehn Jahre später war die Inzidenz um ein Viertel geringer (4,9 pro 1000).

Viele Epidemiologen sind inzwischen der Auffassung, dass die bessere medizinische Versorgung zum Rückgang der altersadjustierten Demenzprävalenz und -inzidenz beigetragen hat. Vor allem die flächendeckende Behandlung von Hypertonikern sowie der Einsatz von Lipidsenkern und Antidiabetika könnte zu einer Reduktion von Demenzrisikofaktoren geführt haben. Die Forscher geben auch zu bedenken, dass ein großer Wandel in den Lebensverhältnissen eine wichtige Erklärung liefern kann. Menschen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren wurden, haben zwei Kriege miterlebt und oft unter Hunger, Armut und Epidemien gelitten, was häufig zu psychischen Traumata und einer schlechteren Bildung führte. Viele Untersuchungen konnten inzwischen zeigen, dass die Kriegsüberlebenden Jahrzehnte später einen deutlich schlechteren Gesundheitszustand aufwiesen als die Nachkriegsgeneration im selben Alter. Daher sei es nicht überraschend, wenn diese Generation auch ein höheres Demenzrisiko habe.

Quelle: springermedizin.de

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