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Neurologie 8. Dezember 2015

Neurofeedback. Von der Esoterik zur Wissenschaft

Neurofeedback, ein Therapieverfahren, das die Selbstregulierungsfähigkeit des zentralen  Nervensystems verändern kann. 

Heute werden praxistaugliche  und moderne Neurofeedback Verfahren angewendet, die auf einer soliden empirischen Grundlage basieren. Neurofeedback ist ein Therapieverfahren, das die Selbstregulierungsfähigkeit des zentralen Nervensystems verändern kann. Es ist nicht als Ersatz für Medikation oder andere Verfahren zu sehen, sondern als unterstützendes  Hilfsmittel eines integrativen Behandlungskonzepts. Aufgrund des symptombasierten Ansatzes entscheiden  sich immer häufiger psychiatrische  Kliniken und Praxen für die Therapieverfahren. Bis vor einigen Jahren war Neurofeedback in Kollegenkreisen entweder nicht bekannt oder hatte einen  eher fragwürdigen Ruf. Wenig bekannt ist, dass das Verfahren schon Ende der 1960er Jahre bei Tierversuchen  zunächst in der Schlaf und darauffolgend in der Epilepsieforschung entdeckt und angewendet wurde. Danach  fand es den Eingang in die Medizin, zuerst in der Behandlung von Epilepsien  und dann im weiteren Verlauf zur Behandlung von ADHS und dessen Komorbiditäten. An der Ableitung des EEG hat sich  bis heute nicht viel geändert: Über mithilfe einer Leitpaste aufgeklebte Elektroden wird das EEG beim Patienten abgeleitet; Neurofeedback arbeitet üblicherweise mit einem oder zwei EEG Kanälen (Abb.  1 ). Aus dem EEG werden dann heute durch Signalverarbeitung im Computer  Merkmale abgeleitet, die eine audiovisuelle Animation  steuern, über die der Patient das Feedback erhält (Abb.  2 ).

Abb1_pp6_Eso

Abb. 1  Mithilfe einer Leitpaste werden 3 bis 5 EEG-Elektroden am Kopf der Patientin angebracht. Das Plüschtier erzeugt ein taktiles Feedback zusätzlich zur audiovisuellen Animation.

Abb2_pp6_15_Eso

Abb. 2 Die Gehirnaktivität wird über das EEG sichtbar gemacht. Die Computersoftware errechnet ein audiovisuelles Feedback, welches dem Patienten über einen eigenen Bildschirm rückgemeldet wird.

Studienlage deutlich verbessert

Man hat schon in den 1970er und 1980er  Jahren gesehen, dass Neurofeedback  bei sehr vielen Indikationen eine teilweise verblüffend schnelle Verbesserung der Symptomatik erzielen kann. Die lange Liste der Symptome und die  anfänglich geringe Zahl valider Studien mag allerdings mit dazu beigetragen haben, dass Neurofeedback bis vor nicht allzu langer Zeit als eher esoterisches Allheilmittel angesehen wurde. Auch vermag das ursprüngliche Wirkmodell der operanten Konditionierung  nicht die oft intensive und schnelle Wirkung von modernen Neurofeedbackverfahren zu erklären. In den letzten Jahren hat sich die  Studien und Literaturlage deutlich verbessert. Auch gibt es heute praxistaugliche Systeme und Verfahren, die auf  einer soliden empirischen Basis stehen.  Neurofeedback wird mehr und mehr in psychiatrischen Einrichtungen und Praxen eingesetzt, sodass sich eine Klinik  oder Praxis, die Neurofeedback anwendet, nicht mehr als Pionier fühlen muss.

Training von Gehirnprozessen

Im Rahmen der klassischen Durchführung bekommt der Patient die Aufgabe,  durch gezielte Konzentration Elemente der Animation zu beeinflussen. Moderne Verfahren involvieren das Gehirn  eher unbewusst; die Instrumente sind  so gemacht, dass das Gehirn des Patienten selbstständig in den Feedbackprozess findet. Aufgabe des Therapeuten ist es, durch die Wahl der Elektrodenposition und gewisser Trainingsparameter das Verfahren individuell  anzupassen. Neurofeedback versteht sich als ein Verfahren zum Training der Prozesse im  Gehirn, die die Erregungszustände regulieren. Der Wirkmechanismus ist also  die Verbesserung der Autoregulationsfähigkeit, was die immer länger werdende Liste der behandelbaren Symptome erklärt.

Schnelle und spezifische Effekte

Im Kinder- und Jugendpsychiatrischen  Dienst, Solothurn, Schweiz (KJPD) wird  die Neurofeedbacktherapie aktuell von  einem Kinder und Jugendpsychiater  und einer psychologischen Fachperson durchgeführt. Nachdem zunächst mit  klassischen Neurofeedbackprotokollen  gestartet wurde, fiel die Entscheidung  für das moderne Infra Low Frequency(ILF)-Neurofeedback Training nach Othmer, weil dieses schnelle und spezifische Effekte liefert. Die hohe Wirksamkeit der gewählten Verfahren bedingt hohe Fachkompetenz der durchführenden Personen. Es ist weniger technisches Wissen als das Verständnis der Vorgehensweise wichtig. Der Besuch eines Kurses und  spezifisches Fachwissen über die Krankheitsbilder, die behandelt werden sollen, sind unabdingbare Voraussetzungen für die erfolgreiche Therapie von Patienten mit der ILF Neurofeedbackmethode. Im KJPD Solothurn hat sich Neurofeedback mittlerweile aufgrund der positiven Erfahrungen als Spezialtherapieangebot etabliert.

Dr. Wolfgang Prinz, Kinder und Jugendpsychiatrischer Dienst, Ambulatorium Solothurn, Solothurner Spitäler AG,  Schweiz

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