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© Courtesy Everett Collection/dpa
Alois Alzheimer (1864-1915) wurde hellhörig als er die Symptome einer erst 51-jährigen Patientin studierte.
© Peter Braunholz/dpa

Grabstein von Cecile und Alois Alzheimer.

© Konrad Maurer/dpa

Auguste Deter, Alzheimers berühmtester Fall, aufgenommen 1902, wenige Monate nach ihrer Einweisung in Frankfurt.

© Werner Baum /dpa

Eine Büste des Hirnforschers steht vor einem Computer in der Frankfurter Uni-Klinik.

 
Neurologie 21. Dezember 2015

Legenden der Medizin: Alois Alzheimer

Alois Alzheimers Dialoge mit seiner Patientin Auguste Deter sind heute weltberühmt.

Als er die nach ihm benannte Demenz entdeckte, interessierte das kaum jemanden. Seine Verdienste für die Forschung wurden erst nach seinem Tod gewürdigt. Vor 100 Jahren starb der bayerische „Irrenarzt mit dem Mikroskop“.

Sie klingelte bei Nachbarn, reagierte eifersüchtig, vergaß sämtliche Dinge und konnte einfachste Tätigkeiten im Alltag nicht mehr verrichten. So schildert Auguste Deters Ehemann, ein deutscher Eisenbahnkanzlist, den Zustand seiner Frau, als er sie am 26. November 1901 in die „Städtische Anstalt für Irre und Epileptische“ in Frankfurt am Main bringt. Beim Durchsehen der Akte wird der 37-jährige Oberarzt Alois Alzheimer hellhörig.

Er untersucht sie. Sie ist körperlich gesund, hat kein psychisches Trauma, wirkt aber verwirrt und orientierungslos. Er zeigt ihr Gegenstände, Zigarren, Bleistifte, Tassen, die sie benennen sollte und beobachtet sie beim Mittagessen. Auguste Deter isst Karfiol und Schweinefleisch. Auf die Frage was sie vor sich auf dem Teller hat, antwortet sie: Spinat.

Der Psychiater Alzheimer ist erstaunt: Seine Patientin ist erst 51 Jahre alt, zeigt aber Symptome, die er bisher bei wesentlich älteren Menschen beobachtet hat und die in der Medizin als „altersbedingter Schwachsinn“ bezeichnet werden.

Er weiß es noch nicht, aber Auguste Deter ist der Fall auf den er schon lange gewartet hat. Alzheimer hat sich schon immer für außergewöhnliche Fälle interessiert. Der 1864 in Marktbreit in Unterfranken geborene „Aloysius“ studiert nach der Matura in Würzburg Medizin und schreibt seine Dissertation über die „Ohrenschmalzdrüsen“. 1888 bewirbt er sich als Assistenzarzt an der Frankfurter Anstalt, die einst vom Psychiater und Struwwelpeter-Autor Heinrich Hoffmann gegründet wurde. Nun, als Oberarzt, steht er einer Patientin gegenüber, die ihn vor ein Rätsel stellt: Er forscht weiter und entdeckt fünf Jahre später eine Form der Demenz, die heute als die häufigste bekannt ist. Weltweit sind, laut Alzheimer Austria, 36 Millionen Menschen betroffen.

Circa 130.000 Österreicher leiden daran, 500.000 weisen eine Vorstufe der Krankheit auf. Nach dem aktuellen Welt-Alzheimer-Bericht wird sich die Zahl der Betroffenen global bis zum Jahr 2050 fast verdreifachen. Alle 3,2 Sekunden erkrankt daran irgendwo auf der Erde ein Mensch, so der Bericht der Organisation Alzheimer Disease International (ADI).

Dr. Andreas Winkler, ärztlicher Direktor der Klinik Pirawarth: „Was damals als eine seltene Erkrankung des Gehirns von Alzheimer beschrieben wurde, zählt mittlerweile in Österreich zur vierthäufigsten Ursachen einer zum Tode führen Erkrankung. Während zu Alzheimers Zeit das durchschnittliche Lebensalter um 50 Jahre herum lag hat sich im letzten Jahrhundert die Lebenserwartung um gut 30 Jahre erhöht und die Fälle von Demenz haben zwischenzeitlich epidemiehafte Ausmaße erreicht.“

Alois Alzheimer sieht seine Patientin fast täglich. Er erstellt einen Behandlungsplan und verordnet ihr warme Bäder, sie sollen Aufregungszustände lindern. Über deren Wirkung hat Alzheimer bereits zuvor wissenschaftlich gearbeitet. Auch sein Vorgesetzter, Prof. Emil Kraepelin ist ein Verfechter der Balneologie und Klimatologie.

In der Frankfurter Anstalt gibt es weder Zwangsjacken noch Zwangsfütterung. Stattdessen verordnen die Ärzte Bäder. Gegen die Schlaflosigkeit der Patienten soll eine spezielle Diät helfen, leicht verdauliches Essen sowie Nachmittagsruhe. Für körperlich kräftigere Menschen, die an chronischen Erkrankungen leiden, gibt es Turnen im Freien sowie Massagen.

Auguste Deter wirkt schmal und zerbrechlich. Ihr Verhalten wechselt täglich, einmal schlägt sie andere Patienten ins Gesicht, dann zieht sie sich zurück, verhält sich ratlos und ängstlich. So steht es sinngemäß in den detaillierten Protokollen Alzheimers. Auf 31 Seiten dokumentiert er Gespräche und Beobachtungen mit Deter. Diese Notizen sowie die Krankenakte von Auguste D. befanden sich nach seinem Tod über Jahrzehnte in den Archiven der Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Frankfurt. 1995 entdeckt sie Prof. Dr. Konrad Maurer, Emeritus der Universitätsklinik, gemeinsam mit Stephan Volk und Hector Gerbaldo. In den Unterlagen befindet sich eine Notiz mit einem berühmten Dialog:

Wie heißen Sie? Auguste

Familienname? Auguste.

Wie heißt Ihr Mann?

Ich glaube, Auguste.

Ihr Mann? Ach so, mein Mann …

(Versteht offenbar die Frage nicht)

Sind Sie verheiratet? Zu Auguste.

Frau D.? Ja, zu Auguste D.

„Ich habe mich sozusagen verloren“ – auch diese Aussage von Auguste Deter ist überliefert und zeigt, dass ihr bewusst ist, was mit ihr geschieht. In seiner Biografie über Alois Alzheimer schreibt Maurer („Das Leben eines Arztes und die Karriere einer Krankheit“, Piper Verlag, 2000, vergriffen), dass der Psychiater ein sehr vertrautes Verhältnis zu seiner Patientin entwickelt – und ihm bewusst ist, dass ihr Fall für die Wissenschaft bedeutsam sein könnte.

Als Alzheimer 1903 an die Psychiatrische Universitätsklinik in Heidelberg wechselt, bleibt er mit der Frankfurter Anstalt in Kontakt. Regelmäßig erkundigt er sich nach Deters Gesundheitszustand. Als sie am 8. Dezember 1906 an einer Blutvergiftung infolge Wundliegens stirbt, sind es die Kollegen aus Frankfurt, die ihn kontaktieren. Alzheimer bittet darum, das zentrale Nervensystem seiner ehemaligen Patientin mit dem Mikroskop untersuchen zu dürfen. In Alzheimers Biografie findet sich auch die genaue Erklärung, die er an Emil Sioli, Direktor der Frankfurter Anstalt schreibt: „Es war ein eigenartiges Krankheitsbild (…) Bei einer Frau im klimakterischen Alter entwickelten sich (…) ohne Anfälle psychische Störungen, bei denen von vornherein Situationsverkennungen eine Rolle spielen und die sich bald zu einer völligen Ratlosigkeit, zu einem seelenblinden Verhalten steigerten.“

Was Alzheimer unter seinem Mikroskop entdeckt, sind einerseits massiver Zellschwund, abgestorbene Zellen und andererseits klumpenartige Eiweiß-Ablagerungen, sogenannte „Amyloide Plaques“. Gehirne unter dem Mikroskop zu untersuchen ist damals nicht ungewöhnlich. Mit Farbstoff werden Strukturen sichtbar und Veränderungen beschrieben. Alzheimer ist der erste, der einen Zusammenhang zwischen Ablagerungen und Gedächtnisschwund bei einer jüngeren Patientin herstellt. Ob dies auch eine genetische Ursache hat, kann er nicht herausfinden. Das gelingt erst im Jahr 2012. Forscher suchen damals in der DNA der von Alzheimer persönlich angefertigten Hirnschnitten nach Mutationen – und finden eine Veränderung beim Gen Präsenilin 1. Es beeinträchtigt die Funktion eines Enzymkomplexes – dies kann zur Bildung von Ablagerungen führen, die für die Erkrankung typisch sind.

1906 präsentiert Alzheimer seine Erkenntnisse bei der 37. „Versammlung Südwestdeutscher Irrenärzte“ in Tübingen. Im Protokoll steht, dass kein Diskussionsbedarf bestehe und das Thema „zu kurzem Referat nicht geeignet“ sei. Dennoch erscheint sein Vortrag ein Jahr später in der „Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie und Psychisch Gerichtliche Medizin“, mit dem Titel: „Über eine eigenartige Erkrankung der Hirnrinde“.

Alzheimer stirbt am 19. Dezember 1915 in Breslau infolge eines Nierenversagens. Er ist 51 Jahre alt. Winklers Fazit: „Alzheimer selbst konnte zu seiner Zeit nicht ahnen welche Bedeutung sein Entdeckung machen sollte. Erst durch Emil Kraepelin, seinen Chef, wurde die Krankheit zu seinen Ehren benannt.“

Mag. Sandra Lumetsberger ist Wissenschaftsredakteurin bei der Tageszeitung Kurier.

Sandra Lumetsberger, Ärzte Woche 50/2015

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