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Neurologie 20. Oktober 2015

Multiple Sklerose. Auf dem Weg zur individualisierten Therapie

Experten diskutierten über neue Möglichkeiten der Multiple Sklerose-Langzeitbehandlung mit dem Ziel einer maßgeschneiderten, individualisierten Therapie. 

Über die Möglichkeiten und  Bemühungen um eine maßgeschneiderte und individualisierte Therapie  der Multiplen Sklerose (MS) referierten Experten wie Univ.Prof. Dr. Siegrid Fuchs von der Universitätsklinik für Neurologie in Graz, Dr. Michael Guger von der Abteilung für Neurologie und  Psychiatrie am AKH Linz und Univ.Prof. Dr. Florian Deisenhammer von der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck anlässlich einer Pressekonferenz  der Firma Biogen.

MS – Krankheit mit  1000 Gesichtern

Bei der MS handelt es sich um Erkrankung mit sehr vielen unterschiedlichen  Facetten, hoher Variabilität von Symptomen und Krankheitsverläufen. Daher  sei es besonders wichtig und sinnvoll,sich in der Therapie so weit wie nur irgendwie möglich auf die individuelle Situation des Patienten einzustellen betonte Dr. Siegrid Fuchs. Der Expertin zufolge sei eine prognostische Einschätzung der Erkrankung nur in  sehr geringem Ausmaß möglich. Mittlerweile stünden viele Medikamente zur Verfügung, die den Verlauf der Erkrankung nachweislich verbessern  und die individuelle Abwägung von  Nutzen und Risiko verschiedener Bahandlungen unter Beachtung der persönlichen Bedürfnisse der Patienten ermöglichen. „Wünschens und erstrebenswert sei jedenfalls eine Therapie  mit hoher Wirksamkeit und geringen Nebenwirkungen“, resümierte die Expertin.

Orale Option für  MS-Langzeittherapie

Für die Behandlung von erwachsenen  Patienten mit schubförmig remittierender Multiple Sklerose (RRMS) ist seit  Jänner 2014 das oral zu verabreichende  Präparat Tecfidera® (Dimethylfumarat, DMF) [ 1 ] zugelassen, seit August 2015  wird es in Österreich erstattet. Über die Ergebnisse von DMF in  den Phase III Studien DEFINE [ 2 ] und CONFIRM [ 3 ] mit mehr als 2600 MS-Patienten und dessen Anwendung berichtete Dr. Michael Guger in seinem Vortrag „Tecfidera®  orale Option für  die MS-Langzeittherapie“. In den beiden Zulassungsstudien wurde die Dosis von 240  mg zweibzw. dreimal täglich vs. Placebo unter sucht. Primärer Endpunkt der DEFINE Studie war der Anteil der Patienten, die innerhalb von zwei Jahren einen MS Schub entwickelten. Bei zweimal täglicher Einnahme von DMF im Vergleich  zu Placebo wurde die Zahl der Patienten mit Schüben signifikant sowie die jährliche Schubrate deutlich reduziert. Die Interimsergebnisse der Extensionsstudie ENDORSE [ 4 ,  5 ] vom Mai 2015 bestätigen im Wesentlichen  das durch DEFINE und CONFIRM belegte, günstige Risk-Benefit-Profil  von DMF.

Nebenwirkungsprofil

Häufigste Nebenwirkungen bei mit  DMF behandelten Patienten waren Flushing und gastrointestinale Ereignisse. Die Inzidenz dieser Beschwerden waren im ersten Behandlungs monat am höchsten und reduzierten sich im weiteren Behandlungsverlauf.  Da sich die Lymphozytenanzahl unter  Therapie mit DMF deutlich verringern kann, muss vor Therapiebeginn  ein großes Blutb ild vorliegen. Zudem  wird die  Analyse der Leber und Nierenfunktion empfohlen, erläuterte Guger. Therapieschema Die Therapie sollte mit 120  mg Tecfidera® zweimal täglich begonnen werden. Nach 7 Tagen wird die Dosierung  auf die empfohlene Erhaltungsdosis  von 240  mg zweimal täglich erhöht.  Die Einnahme sollte zusammen mit  einer Mahlzeit erfolgen. „Das Produkt  profil von DMF ist als vorteilhaft für unsere Patienten einzustufen, da bei guter, zumindest gleichwertiger Wirwsamkeit verglichen mit den bisherigen Basistherapien, eine für die Patienten  verbesserte Verträglichkeit durch die  zweimal tägliche orale Verabreichung  erreicht werden konnte“, so Guger zusammenfassend.

Das erste pegylierte  Interferon ß-1a

Mit Plegeridy® wurde das erste pegylierte s.c. Interferon ß1a für die Behandlung von erwachsenen Patienten mit RRMS in Österreich zugelassen  [ 6 ] und wird mittlerweile auch erstattet [ 7 ]. Das Medikament ist eine neue  Molekulareinheit, in der Interferon Beta 1a PEGyliert wird, um die Halbwert  zeit des Präparats zu verlängern. Weiters zeichnet das Präparat eine geringe Applikationsfrequenz von 14 Tagen  [ 8  11 ], eine höhere Stabilität und Löslichkeit sowie eine reduzierte Immunogentität des Wirkstoffs aus [ 12 ,  13 ]. Dr. Deisenhammer referierte über  die Ergebnisse der multizentrischen, doppelblinden, randomisierten klinischen Phase III Studie ADVANCE, in welcher die Wirksamkeit und Sicherheit von dem pegylierten s.c. Interferon ß 1a bei 1512 Patienten mit RRMS  über einen Zeitraum von zwei Jahren  geprüft worden war. Im Rahmen dieser Zulassungsstudie wurden zwei Dosierungspläne von je 125  μg der Substanz geprüft, die subkutan entweder  zwei (Q2  W) oder vierwöchentlich verabreicht wurden [ 8 ]. Die Resultate  wurden mit einer Plazebogruppe verglichen. Der primäre Endpunkt war die jährliche Schubrate nach einem Jahr. Deisenhammer zufolge führte Plegridy® s.c. Q2 W im Vergleich zu Placebo zu einer signifikanten Senkung  der Krankheitsaktivität einschließlich der Schübe und des Fortschreitens  der Behinderungen  und erreichte  damit alle primären und sekundären Endpunkte. Weiters fanden sich nach  einem Jahr günstige Sicherheits  und Verträglichkeitsprofile. Für die Behandlung mit dem neuen Präparat zeigte sich laut Deisen  hammer bei der MRT Untersuchung  des Gehirns nach einem Jahr eine Senkung der Anzahl neuer oder sich neu  vergrößernder T2-hyperintenser Läsionen sowie der Gd ± Läsionen.

Nebenwirkungsprofil

Zu den häufigsten unerwünschten Ereignissen zählten IFN typische Nebenwirkungen wie grippeähnlich Symptome und Reaktionen an der Injektionsstelle, die vorwiegend mild bis moderat waren [ 8 ]. „Aufgrund der geringen Applikationsfrequenz hat das pegylierte s.c. Interferon ß-1a innerhalb der Gruppe  der Interferone ein gutes Potential, sich  als Injektionstherapie der ersten Wahl  bei MS zu etablieren. Vor allem bei Patienten, bei denen aus verschiedenen Gründen keine oralen oder Infusionstherapien in Frage kommen, kann es  einen wichtigen Stellenwert einnehmen“, resümiert Deisenhammer. 

Quelle: Pressekonferenz  der Firma Biogen  am 16. September  2015 in Wien.    

Literatur

  1. Tecfidera® Fachinformation, Stand Oktober 2014
  2. Gold S, DEFINE Study Investigators et al (2012) Placebo-Controlled Phase 3 Study of Oral BG-12 for Relapsing Multiple Sclerosis. N Engl J Med 367(12):1098–1107. (Erratum in: N Engl J Med. 2012 Dec 13;367(24):2362)
  3. Fox RJ, CONFIRM Study Investigators et al (2012) Placebo-Controlled Phase 3 Study of Oral BG-12 or Glatiramer in Multiple Sclerosis. N Engl J Med 367(12):1087–1097. (Erratum in: N Engl J Med. 2012 Oct 25;367(17):1673)
  4. Amit Bar-Or et al (2015) 4-Year Follow-up of Delayed-Release Dimethyl Fumarate Treatment in Relapsing-Remitting Multiple Sclerosis (RRMS): Integrated Clinical Efficacy Data From DEFINE, CONFIRM, and the ENDORSE Extension Study. AAN (P3.173)
  5. Pozilli C et al (2015) Long-Term Follow-up of the Safety of Delayed-Release Dimethyl Fumarate in RRMS: interm result from the ENDORSE Study. AAN (P3.235)
  6. http://www.ema.europa.eu/ema/http://www.ema.europa.eu/ema/"/>
  7. Österreichischer Erstattungskodex:www.hauptverband.athttp://www.hauptverband.at"/>
  8. Calabresi PA, ADVANCE Study Investigators et al (2014) Pegylated interferon β-1a for relapsing-remitting multiple sclerosis (ADVANCE): a randomised, phase 3, double-blind study. Lancet Neurol 13(7):657–665. doi:10.1016/S 1474-4422(14)70068-7
  9. Newsome SD et al CSMC Meeting 2014 Poster DX57, Studiendetails s. Referenz 3
  10. Kieseier BC et al (2015) Peginterferon beta-1a in multiple sclerosis: 2-year results from ADVANCE; Mult Scler. 21(8):1025–1035. doi: 10.1177/1352458514557986
  11. Kremenchutzky M et al AAN 2015; Platform Presentation
  12. Kang JS et al (2009) Emerging PEGylayed Drugs. Expert Opin Emerg Drugs 14(2):363–380
  13. Fishburn CS et al (2008) The pharmacology of PEGylation: balancing PD with PK to generate novel therapeutics. J Pharm SCI 97(10):4167–4183

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