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Neurologie 5. Oktober 2015

Verborgene Symptome

Bei Multipler Sklerose sollten kognitive Defizite beachtet werden.

Für die Lebensqualität von Patienten mit Multipler Sklerose sind kognitive Defizite oft entscheidender als die körperlichen Einschränkungen. Ärzte sollten solche Probleme aktiv angehen, hieß es auf dem deutschen Neurologenkongress.

Für Ärzte stehen die körperlichen Behinderungen von Patienten mit Multipler Sklerose in der Regel im Vordergrund. Werden die Patienten jedoch gefragt, worunter sie am meisten leiden, ergibt sich häufig ein anderes Bild, sagte Dr. Iris-Katharina Penner vom COGITO Zentrum für Angewandte Neurokognition und Neuropsychologische Forschung in Düsseldorf.

In einer Befragung von MS-Patienten machten sich mehr als die Hälfte um ihre mentale Gesundheit Sorgen, dagegen sahen weniger als ein Drittel der behandelnden Ärzte hierbei ein gravierendes Problem. Vier Fünftel der Ärzte maßen den physischen Beeinträchtigungen ein starkes Gewicht zu, unter den Betroffenen selbst lag der Anteil bei weniger als der Hälfte.

Mentale Gesundheit bedeute für die Patienten in der Regel, dass sie nicht depressiv sind, keine kognitiven Defizite haben und nicht unter Fatigue leiden, so die Expertin auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Düsseldorf.

Schnelle Tests

Sie legte ihren Kollegen daher nahe, solche „verborgenen Symptome“ ernst zu nehmen, nicht zuletzt, weil auch die Therapieadhärenz davon abhänge. Für Penner ist es daher wichtig, systematisch nach solchen Symptomen zu fahnden. Viele Tests auf psychische und kognitive Probleme dauerten nur wenige Minuten und könnten einfach in den Praxisablauf eingebunden werden.

Als Beispiel nannte sie den Symbol Digit Modalities Test (SDMT). Hierbei wird den Patienten eine Reihe von Symbolen gezeigt. Jedem Symbol entspricht eine Zahl von eins bis neun. Die Patienten müssen nun innerhalb von 90 Sekunden auf einem Bogen möglichst viele Symbole mit den richtigen Zahlenwerten beschriften. Der Test liefere bereits recht gute Hinweise auf kognitive Probleme. Wortlisten könnten zusätzlich das Kurzzeitgedächtnis prüfen, und für ein ausführliches Assessment habe sich die BICAMS-Testbatterie bewährt. Die Abkürzung steht für das „Brief International Cognitive Assessment for Multiple Sclerosis“. Damit sei bereits innerhalb von 20 bis 30 Minuten eine gründliche kognitive Untersuchung möglich, sagte die Forscherin.

Sie erinnerte daran, dass bei 40 bis 60 Prozent der MS-Patienten kognitive Probleme auftreten. Diese könnten sich schon früh im Verlauf der Krankheit manifestieren und korrelierten wenig mit den körperlichen Beschwerden. Ähnlich häufig sei auch mit Depressionen und Angststörungen zu rechnen. Als Screeningtool habe sich hier die Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS) bewährt. Andere Depressionsskalen gewichteten körperliche Symptome sehr stark, dies könnte bei MS-Patienten zu falschen Ergebnissen führen. Der Test dauert etwa fünf Minuten, innerhalb einer Minute lässt er sich auswerten.

Ähnlich wie bei Depressionen lässt sich eine Fatigue nur über einen Fragebogentest diagnostizieren. Penner empfiehlt die von ihr speziell für MS-Patienten mitentwickelte Fatigue-Skala für Motorik und Kognition (FSMC) mit 20 Fragen. Auch dieser Fragebogen lässt sich in nur fünf Minuten ausfüllen. Der FSMC differenziert zwischen kognitiver und motorischer Fatigue und teilt die Beschwerden in drei Schweregrade ein. Die Psychologin weist darauf hin, dass im Laufe der MS bei der überwiegenden Mehrheit der Patienten eine Fatigue zu beobachten ist.

SSRI erste Wahl bei Fatigue

Oft treten die „verborgenen Symptome“ auch gemeinsam auf. So haben nach Daten einer Untersuchung etwa 40 Prozent der Patienten mit kognitiven Defiziten auch eine Depression, bei MS-Kranken ohne solche Probleme sind es lediglich rund zehn Prozent. Bekannt ist auch, dass viele Fatigue-Patienten unter einer Depression leiden. Penner empfiehlt daher bei Fatigue zunächst einmal einen Therapieversuch mit SSRI oder Moclobemid, bei Patienten mit Uhthoff-Phänomen – also bei einer vorübergehenden Verschlechterung der Sehschärfe nach körperlicher Anstrengung – 4-Aminopyridin. Modafinil erachtet sie als Mittel der zweiten Wahl.

Sowohl bei Fatigue als auch Depression scheint das Achtsamkeitstraining einen gewissen Erfolg zu versprechen. Dabei lernen die Patienten, sich auf den Augenblick zu konzentrieren, Ereignisse weniger zu bewerten, Gedanken und Sorgen loszulassen und ihr Schicksal besser anzunehmen. Viele MS-Kranke seien offen für ein solches Training, sagte die Kognitionsforscherin.

Deutlich schwieriger sei eine Therapie gegen die kognitiven Probleme. „Hier sieht die Studienlage leider sehr traurig aus“, so die Expertin. Untersuchungen mit Antidementiva, Stimulanzien oder 4-Aminopyridin hätten nur wenig belastbare Ergebnisse erzielt.

Eine gewisse Wirkung scheint kognitives und körperliches Training zu haben. In einer Studie zeigte vor allem Nordic Walking positive Auswirkungen auf die Kognition – Radfahren und Yoga hingegen kaum. In anderen Studien ließ sich die geistige Leistung durch Gedächtnisspiele oder das Merken von Nummern und Wegbeschreibungen verbessern.

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